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  Das Onlinetagebuch von Harald Blüchel - Alle Rechte (ausser Zitate anderer Personen) bei Harald Blüchel - Verwendung/Nachdruck nur mit Genehmigung des Autors
 
   
 
23.November.2008 07:25:46pm [Harald]
im herbst
116 - im herbst


im herbst strahlen die blätter der bäume in tausend farben.
die blätter der bäume, die der wind in wunderschönen flugbahnen
durch die luft trägt, bis sie irgendwann hinab auf den boden schweben.
sehe ihnen dabei von einer parkbank aus stundenlang zu.

im gehen raschelt das laub unter meinen füssen.
wie das riecht: das laub in nebliger feuchtigkeit.

freue ich mich über den frischen wind, der mächtig in mein gesicht weht,
trommeln regentropfen-staccati auf meiner kapuze,
bin ich dankbarer für die sonne, die sich nun
rar, zurückhaltend und in ganz anderem licht gibt.
spielen am himmel die wolken die hauptrolle.

im herbst kann ich endlich wieder in mäntel und lieblingspullover schlüpfen,
fühle ich mich in meiner kleidung angenehm beschützt und geborgen.
holen die frauen ihre hohen stiefel heraus, umhüllen ihre beine mit schickem nylon.

selbst in den städten wird es stiller,
brauche ich nicht ständig vor groben lautheiten zu fliehen,
werden die grellen signale durch den nebel gedämpft,
scheinen sogar die mobiltelephone leiser gestellt,
wird das stupende gesäge der hochtourigen automotoren vom
silberschweifigen sirren durch pfützen fahrender reifen überspielt.
.

im herbst fängt die zeit an, sich auszudehnen,
ist mehr raum, die dinge auf sich wirken zu lassen.
wäscht der regen den dekorativen putz von den fassaden.
packen die menschen ihren allgemeinen frohsinn, ihr zwanghaftes vergnügt- und aktiv-sein zu den sommersachen in den schrank,
ist ihr treiben zurückgenommen, verlangsamt, heruntergestimmt.


der herbst ist die einzige von der werberbung noch nicht enteignete jahreszeit.


sind in den abendstunden die verregneten strassen, die dunstigen plätze fast leer,
kann ich in ihnen spazieren wie in einem einsamen wald.
sehe ich in die beleuchteten fenster, verschwimmen milchig scheinwerfer, leucht-reklamen, ampeln und strassenlaternen mit den umrissen von gestalten und gebäuden.
beglückt mich die vorstellung, nach einem langen spaziergang in eine
warme wohnung zu kommen und dampfenden chai zu trinken.
lese ich die bücher eingehüllt in einer wolldecke.
klingt der flügel fluoreszierender, dunkler, romantischer,
sind die stunden mit ihm offen - unendlich,
sehnen sich ohren und hände nach schumann und chopin.


wird es manchmal den ganzen tag nicht richtig tag.
fühle ich mich trotzdem klarer, wacher und gesund.
kämpfe ich weniger mit den gedanken, zu distanziert zu leben.
spricht nichts dagegen, meine meinigkeit anzuerkennen.
stellen sich die fragen nach zuviel oder zuwenig nicht,
verstummen die von aussen hereingetragenen und doch selbstproduzierten stimmen.
löst sich unruhe auf in konzentration.
geniesse ich darum in vollen zügen das, was ich tue.
erlebe es intensiv, präzise, organisch.
bin gegenwärtiger und zufriedener.


im herbst strahlen die blätter der bäume in tausend farben.




(November 2008)

20.July.2008 01:16:46pm [Harald]
Zum 70. Geburtstag meines Lieblingsonkels
Lieber H.,

in der Biografie eines jeden Menschen gibt es ein geflochtenes Band von Situationen, deren Erlebnisse unauslöschlich in unserem Gedächtnis aufbewahrt werden. Wir nennen sie Schlüsselerlebnisse, weil wir uns in der Retrospektive der Tatsache bewusst werden, dass sie einen bestimmenden Einfluss auf unser Leben ausgeübt haben. Ohne diese Eindrücke wären wir nicht die, die wir sind, oder etwas vorsichtiger formuliert, die, die wir glauben zu sein.

Bestimmenden Einfluss auf unser Leben hatten und haben sie, weil sie uns aus einer expliziten Situation heraus dazu inspirierten, die gemachte Erfahrung wiederholen zu wollen. Sie liessen uns eine neue Lebens-Entdeckung machen, schoben eine Entwicklung an, weckten eine bis dato noch verborgene Leidenschaft, lenkten uns bewusst oder unbewusst, eine bestimmte Kursrichtung auf unserem Lebensweg einzuschlagen.



1. Die wunderbare Welt der Bücher

Ein Raum in einer Altbauwohnung. Ein in einem „L“ angeordnetes, bis zur hohen Decke reichendes Regalsystem aus massivem Holz, in dem eine unzählbar große Menge von Büchern beheimatet ist. In seltsamen Formationen stehen sie in den Regalen: manche in Grösse und Farbe uniform, ordentlich aufgereiht in Reih und Glied wie eine kleine Armee, andere, vor allem die großen, in denen mehr Bilder und Fotos als Buchstaben zu sehen sind, quer aufeinander geschichtet, wieder andere sind zusammengestellt wie ein unendlich langer Güterzug, der aus vielen verschiedenen Wagontypen besteht.
Dieser in gedämpftes Licht gehüllte Raum, wird komplettiert mit einer grünen Sitzgarnitur bestehend aus zwei Sesseln, einem langen, in seiner Höhe verstellbaren Tisch und einer Couch. Mindestens auf einem der Sessel, sowie auf dem Couchtisch stapeln sich eine weitere Anzahl von Büchern zu kleinen Türmen. Auf der Couch liegst Du, in ein Buch vertieft; auf dem Boden sitzend tue ich es Dir nach. Es ist wunderbar still. Ein friedliches Zusammen-Sein zwischen den Büchern, ihren Ideen und Dir und mir. Es wird wenig gesprochen. Es muss nicht gesprochen werden. Es muss kein Fernseher laufen und oder ein Radio plappern. Es ist alles da, was mein Herz begehrt. Du liest in Deinen Büchern und ich habe mir meine aus den Regalen geholt, auch wenn ich die Buchstaben noch nicht verstehen kann, so ist mein Aufbruch in die Welt der Bücher schon in diesem Alter von etwa vier Jahren vorgezeichnet. Unterstützt und gefüttert von den wundervollen Märchen und Geschichten, die ich vorgelesen bekam. In der Schule hatte ich von Anfang an ein empathisches Verhältnis zu Sprache und Text. Ich las und las. Mein Einstieg in die grosse Literatur waren Werke von Grass und Böll – da war ich dreizehn. In der Mittelstufe des Gymnasiums machte ich Bekanntschaft mit Frisch, Brecht, Eich, Enzensberger, Jandl, Borchert, Büchner, Tucholksky. All das wurden Freundschaften und Quellen der Erkenntnis für`s Leben! Zu meinem 16. Geburtstag schenktest Du mir eine Hesse Gesamtausgabe. Mit siebzehn stibitzte ich Dir die „gesammelten Erzählungen“ von Thomas Mann, zur gleichen Zeit verliebte ich mich in Beauvoir und Sartre. Und so ging es weiter und weiter. Bis heute. Bis heute und solange ich leben werde.

Was hat Dich in den Bann der Bücher gezogen ? Welche Motive standen dahinter ? Es muss auch bei Dir Schlüsselerlebnisse gegeben haben. Kannst Du Dich daran erinnern ?









2. Die wunderbare Welt des Reisens

Derselbe Raum. Manchmal müssen die Bücherstapel vom Tisch geräumt werden, um den Platz freizuschaffen für kleine Rähmchen mit Glasfenstern , weiße seltsam gerillte Plastikbehälter und Papierbögen, in denen jeweils 36 kleine Bilder befestigt sind. Dann sitze ich neben Dir auf dem Sofa und sehe Dir dabei zu, wie Du die einzelnen Bilder erst in die Rähmchen und die dann gefüllten Rähmchen in die Plastikbehälter einordnest. Manchmal sehen wir uns diese so genannten Dias zusammen an: entweder, in dem sie bei bloßem Auge nach oben gegen die Lampe ins Licht gehalten, oder, was noch schöner ist, einzeln in den Diabetrachter gesteckt werden, der aussieht wie ein kleiner, 9mal7 Zentimeter messender futuristischer Bildschirm. Du erzählst mir von den Orten, wo Du diese Fotos gemacht hast.
Nie kann ich es erwarten, bis dann endlich der Tag kommt, an dem im Zimmer eine Etage weiter unten Leinwand und Diaprojektor aufgebaut werden und Familie und Freunde die Dias zusammen ansehen. Ich liebe die konzentrierte Atmosphäre im dann nur durch die Projektorenbirne erleuchteten Zimmer. Du erläuterst die einzelnen Diamotive, die in chronologischer Reihenfolge abgespielt, die Geschichte Deiner Reisen erzählen. Unterbrochen werden die kleinen Vorträge nur durch Fragen und Kommentare des Publikums, einem kollektiven Lachanfall, wenn sich entweder unglücklich aufgenommene, gar nicht zum Thema passende, oder auf dem Kopf stehende Dias in die Vorführung gemogelt haben. Spannend auch die Pannen, wenn sich beispielsweise ein Diarahmen im Transporttunnel des Projektors verkantet hat, oder gar die Glühbirne des Projektors mit einem lauten Knall explodiert und ausgetauscht werden muss. Angenehm in meinem Ohr die obligatorischen Geräusche: der tief-frequent summende Dauerton des Projektors, das roboterhafte Knack-Zack-Ratsch, wenn per Fernbedienung das nächste Dia vor die Linse transportiert wird oder das klagend-quietschende Summen, bei dem Versuch, ein optisch aus der Art geschlagenes Dia scharf zu stellen.
Ich sehe die Bilder von fremden Landschaften, Städten die ganz anders gebaut sind, Menschen, die anders aussehen. Früh habe ich das Verlangen, es Dir gleich zu tun: Reisen, die Sehnsucht danach, fremde Orte zu besuchen, fremde Sprachen zu hören, fremdes Geld in der Hand zu haben, andere Luft einzuatmen, anderes Klima zu auf der Haut zu spüren. Meine ersten Reisen in große Städte außerhalb Deutschlands mache ich mit Dir. Mit 12 Jahren fahren wir nach Wien, mit vierzehn Jahren zeigst Du mir London, mit sechzehn Jahren geht es nach Paris. Meine erste eigene Reise mache ich ein Jahr später in die Toskana. Es folgen die klassischen Interrail/Trampertouren in die Türkei, durch Frankreich und Spanien. Später dann kann ich meine Bestimmung und Profession auf perfekte Weise mit meiner Reise-Leidenschaft verbinden: als Musiker werde ich in nahezu jedes Land Europas eingeladen, verlebe zusammengezählt zwei Monate meines Lebens in Australien, pendle wohl 100 Mal zwischen Berlin und den USA und entdecke meine Liebe zu Latein-Amerika.

Was hat Dich in die Welt des Reisens gezogen ? Welche Motive standen dahinter ? Es muss auch bei Dir Schlüsselerlebnisse gegeben haben. Kannst Du Dich daran erinnern ? Wo warst Du am liebsten ? An welchen Orten warst Du am glücklichsten – und aus welchen Gründen ?










3. Die wunderbare Welt der bildenden Kunst

Wieder derselbe Raum. In vielen der großformatig gestalteten Bände befinden sich Reproduktionen von Gemälden und Skulpturen. Gerade in der Zeit, in der ich des Lesens noch nicht kundig bin, üben sie eine große Faszination auf mich aus. Ich kann in ihnen blättern, wie Du auch; ich kann persönliche Empfindungen und Aussagen zu ihrem Inhalt machen, denn um Bilder zu betrachten braucht man nichts anderes als Augen und Phantasie. Meine ersten großen Lieblinge entdecke ich schon in dieser Zeit: Dürer und Klee. Der eine vielleicht deswegen, weil ich eines seiner Werke auf dem grünen Fünf-Mark-Schein wieder entdeckte, der andere, weil seine Farben so zart, seine Motive so schön, seine Formen so fragil sind, dass sie mich an Illustrationen aus meinen Lieblingsbilderbüchern erinnern. Im Alter von zehn nimmst Du mich mit nach München. Das erste Mal in meinem Leben stellt sich im Lenbachhaus dieser wunderbare, stille, konzentrierte Dialog ein: zwischen mir (dem Betrachtenden) und dem Bild, beziehungsweise dem Menschen, der es gemalt hat. Durch die Räume zu gehen und dann immer wieder ein Bild zu finden, vor dem ich länger verweilen muss. An dem ich nicht vorüber gehen kann, sondern auf magische Weise angezogen werde, so als sage das Bild zu mir: „hier bin ich, Du hast mich gefunden“, oder gar: „hallo, mein Lieber: da bist Du, endlich ich habe Dich gefunden“. Der Moment des Dialogs, der Moment des Eintauchens, der Kontemplation, der Moment, wo alles andere in den Hintergrund tritt, so als gäbe es keine Um-und Aussenwelt mehr, sondern nur noch das Bild und mich. Es sind Momente der Andacht. Das Wieder-Erkennen von Welten, die sich bis dato nur in meinem Kopf abgespielt haben und die Freude darüber, dass ich mit Teilen meiner persönlichen Wahrnehmung der Welt nicht alleine bin: die zu Tränen rührenden Tiere von Franz Marc, die explodierenden und gleichzeitig absolut beruhigenden Farb-Form-Kompositionen von Kandinsky, die magisch-ruhenden Gesichtsperspektiven von Jawlensky, die Märchenfiguren von Chagall, die scharf geschnittenen Gesichter und Körper von Kirchner, die göttliche Klarheit und Einfachheit der Skulpturen von Barlach ... Später Picasso, Beckmann, Ernst, Grosz, Dix, Schlemmer, El Lissitzky, Rodschenko, Malewitsch, Dali, de Chirico und Picabia. Noch später Lichtenstein, Rosenquist, Rauschenberg ... Anselm Kiefer, Mattheuer und Gerhard Richter... und in den letzten Jahren ein zunehmendes Interesse, die Zeit zurück zu gehen: Liebermann, Arnold Böcklin, Caspar David Friedrich ...


Was hat Dich in die Welt der Kunst gezogen ? Welche Motive standen dahinter ? Es muss auch bei Dir Schlüsselerlebnisse gegeben haben. Kannst Du Dich daran erinnern ? Welche Bilder welcher Künstler sind Deine Liebsten – und hast Du schon einmal in Ruhe darüber nachgedacht warum gerade diese ?






















Das sind drei Schlüsselerlebnisse, die zu bestimmenden Elementen meiner eigenen Biografie und Identität geworden sind. Und Du stehst im Mittelpunkt dieser Situationen.

Das ist für mich einer der schönsten und wunderbarsten Tatsachen des Lebens: dass das Verhalten eines Menschen inspirierenden Einfluss auf das Leben eines anderen Menschen haben kann: frei von Erziehungszielen oder Erziehungszwängen, abseits von Rechthaberei oder dem missionarischen Eifer, den anderen nach seinem eigenem Bilde schaffen zu wollen.

Es ist etwas anderes. Es ist ganz einfach die Hingabe, das Herz, die gelebte Freude, die wie ein Funke von dem einem auf den anderen überspringt – bedingungslos, absichtslos und un(ver)käuflich – es ist leben und erleben an sich ...
So wird – wie Beuys es wunderbar auf den Punkt gebracht hat- „die Flamme weiter getragen“. Und in jedem, der sie aufnimmt und weiter trägt, wächst aus dem vorhandenen Material etwas Neues heran. Eine Essenz, die dann in neu kombinierter Form wieder an einen Nächsten weitergereicht werden kann. Ein unerschöpflicher dialektischer Prozess. Das ist die Geschichte der Ideen, des Austauschs, des Verständnisses und der Inspiration. Das ist die Geschichte des schöpferischen Menschen. Das ist die Geschichte des Menschen, der dem Mensch ein Helfer ist.


So lebt viel von Dir in mir weiter und, wie wunderbar, viel von dir – durch mich transformiert – vielleicht auch in anderen Menschen und so wird es weitergehen ... und weiter gehen, solange es Menschen und wahrhaftige Ideen geben wird.


Dafür möchte ich Dir danken ...
ich wünsche Dir von Herzen das Allerliebste zu Deinem 70. Geburtstag


Dein Harald

22.May.2008 12:33:34am [Harald]
Exzerpte aus \\\"DRUCKWELLEN.FUNDSTÜCKE\\\" (10)
91

da sitzt einer am strand


da sitzt einer am strand und
hört den wellen zu ...

da sitzt einer am strand und
hört den wellen zu, wie
abertausende vor ihm schon
den wellen zugehört haben.

den wellen, die
seit ewigkeiten von den ewigkeiten erzählen.

sie unterhalten sich
mit dem wind, mit den bäumen, mit den wolken, mit den sternen.
und wir dürfen lauschen.

die wellen wissen alles.

höre !

da sitzt einer am strand und
hört den wellen zu ...

ein kleiner punkt, der irgendwann am strand aufgetaucht ist,
immer wieder mal kommt und geht,
bis er nach verschwindend kurzer zeit
für immer gegangen sein wird.

ein kleiner punkt,
der fast immer ein als ausrufezeichen getarntes fragezeichen war,
versehen
mit einem sich ewig wiederholenden
da capo al segno.

ein kleiner punkt,
der die wellen verstehen wollte und
nicht mal sich selbst verstehen konnte.


die wellen wissen alles.
die wellen, die seit ewigkeiten von den ewigkeiten erzählen.

da sitzt einer, der seit einer klitze-kleinen
ewigkeit auf dieser welt ist.
vielleicht war nichts vergebens,
vielleicht musste alles so sein, wie es war:
eine lange strecke zurück zu legen,
die voll war
von freude, angst, schmerz, liebe,
glauben, wendungen, täuschungen, suchen, finden und verlusten,
mit dem wunsch
zu sich selbst zu kommen.

sich auf den grund zu gehen,
um zu fühlen, was er selbst fühlt,
um zu denken, was er selbst denkt.

da sitzt einer am strand und
hört den wellen zu ...

07.January.2008 10:39:13am [Harald]
Exzerpte aus \"DRUCKWELLEN.FUNDSTÜCKE\" (9)
56

IM REICH DER MITTE (I-V)


I

Angestrengtes Triumphgeheul
- vorübergehende Arbeitsplatzsicherung -
wenn die ersten Poll-Ergebnisse kommen,
für die viel Geld ausgegeben wurde,
verrechenbar mit den Lizenzeinnahmen des Künstlers.

Marionetten am Strang der Quoten.
Seilschaften der anderen Art.

Gewinnspiele für Votings.
Ersteigerte Poles am Point of Sale.

Das berühmte „Sowohl als Auch“,
die verordnete Suche nach der „goldenen Mitte“
die aber
aufregend
sexy
einmalig
sensationell
so noch nie da gewesen
sein soll.


Dafür gibt es Spezialisten des
Product-Managements, des
Marketings, der
visuellen Kommunikation.
Sie sorgen für die Kunst-volle Verpackung eines
erfolgreich entleerten Nichts.



Konstrukteure des Erfolges.
Sie machen immer einen „tollen Job“.
Für was auch immer. Ganz egal.
Doch wenn
Votings und Quotings,
Research und Polls,
Erhebungen und Umfragen
es nicht hergaben,
dann ist nur einer der Looser: der

Urheber des Produkts,
der nun auch
Urheber des Misserfolgs, der sich nun
schämen muss und mit gezwungener Lockerheit
Besserung gelobt
für das nächste Mal, wenn es überhaupt noch ein
nächstes Mal für ihn gibt.

Der Arbeitsplatz ist in Gefahr.
Die Mitte war nicht mittig genug, oder etwa
zu mittig,
zuviel Sowohl, zuwenig Als Auch
oder
zu wenig Sowohl und zu viel Als Auch
oder was ?



II

Zauberformel.
Orakelhaft,
wie eine Naturgewalt unvorhersehbar,
diese Goldene Mitte,
die schnell die gähnende Leere wird,
die Niemandem im Business eine Lehre sein kann, denn

die Bilanzen des Controllers,
die Pläne des Aufsichtsrates und
die Erwartungen der Aktionäre
sagen etwas anderes.

Die Goldene Mitte, ist
das goldene Kalb,
das göttliche Flies,
nach dem alle ganz freiwillig suchen.
Think Tanks von freien Individualisten,
eingekaufte Experten,
Macher
des Geschmacks
mit einem Riecher für das,
was ankommt.
Was ankommen könnte.
Ankommen muss.
über einen Auf-Macher
zum An-Kommer werden soll.

Aus freien Stücken bedienen sie sich der gleichen Codes.
Ganz frei entscheiden sie ganz unabhängig von einander
genau das Gleiche.

Freiheit ist immer die Freiheit der Einverstandenen.

Inhalte

frei

von
Hingabe,
Anteilnahme,
Persönlichkeit,
Irritation,
Widersprüchen,
Sperrigkeit,
Auseinandersetzung,
Kritik,
Vision,
Courage,
Chuzpe,
Mut,
Lust,
Esprit,
Emotion,
Verstand.

allerhöchstens:
Raffinesse,
Schlauheit,
Gewitztheit,
Gespür,
Professionalität;

gut kalkuliert,
klug dosiert,
witzig präsentiert,
geschickt oder frech
zusammen gerührt.

Den Anforderungen entsprochen,
die Vorgaben erfüllt,
mit präziser Selbstverständlichkeit.
Entspannt-undogmatisch-innovativ-dynamisch
die Zeichen der Zeit erkannt.


Früher sprach man – in anderen Zusammenhängen- von:
Linientreue,
Untertanengeist,
Unterwürfigkeit,
Kadavergehorsam,
Gleichschaltung,
verordneter Kunst,
Apparatschicks,
Hunderfuffzigprozentigen,
Erfüllungsgehilfen.
Verbot.
Diktat.
Zensur.


Heute ist das:
am Puls der Zeit sein,
das liefern, was die Leute wollen,
die Zeichen der Zeit und
die Herausforderungen des Marktes
erkennen und danach handeln.
Am Wettbewerb teilnehmen.
Erfolgreich sein.

Sie nennen es:
die Welt ein Stückchen schöner machen,



III


Diktat einer Ökonomie,
die sonst unablässig von
Freiheit,
Selbstverantwortung,
Mobilität,
Risikobereitschaft,
Innovation und
Ungebundenheit
schwafelt.

Übrig bleibt:
Effiziens im Sinne von Kapitalvermehrung.
Wenig Anderes.



Sprechen immerfort von der Mitte,
die wir dann als
die beste aller Welten ertragen müssen,
ganz freiwillig,
denn wir haben ja die Wahl,
denn wir entscheiden ja
über das, was im Wettbewerb stirbt und überlebt.

Und plötzlich reden sie von Sachzwängen, Gesetzen und Realitäten,
die anzuerkennen sind,
wenn sie vom freien Markt reden,
ohne die Freiheit des Einzelnen ja gar nicht denkbar.


Immer die goldene Mitte zu finden ist schwer,
wird zur Kunst
zur Kunst des modernen, zivilisiert – demokratisch - lässigen
Dolce-e-Gabbana - Duckmäusertums:
Bloß kein verkehrtes Wort,
bloß keine un-abgewogene Aüßerung.
Alles immer richtig machen,
also bloß keinen Fehler machen -
was in Wirklichkeit heißt:
nur so zu tun, als ob man eine eigene Meinung hat.
Meinungs-Simulation.

Leit-Bilder für das Album des

Panini-Pluralismus.

Die wenigeren Einen sind auf den Bildern zu sehen.
Die vielen Anderen dürfen sie sammeln, tauschen und einkleben.

Und davon träumen, selbst ein Albumbildchen werden zu dürfen.

Kommerziell,
ein immer manischeres Suchen,
eine irrsinnige Verdichtung.
Gesellschaftlich,
ein immer brutaleres Zerbröseln
dieser
Goldenen
Mitte.



Zauberwörter, die nichts anderes sind als codierte Regulationsgebote:
Political Correctness
Pluralismus
Toleranz
Respekt
Ausgewogenes Urteil
Kompetenz
Zivilisation
Wertegemeinschaft.



IV


Du, der Interpret,
der erst
tönen durfte und
tönen sollte, wie
toll und schön das alles ist.
Von den Machern im Hintergrund aufs beste
be-raten
unter-stützt,
re-touchiert,
auf-gebaut,
stil-isiert,
hoch-gehoben.
Bis Du selbst daran glaubtest,
dass es so ist.
Dass Du so bist –
Weil alle so sind.
Weil sich alle
so darstellen-
wenn sie Erfolg haben wollen.

Wenn es nicht gereicht hat,
wenn Dich der Markt ausgespuckt hat,
stehst Du nackt da.
Da ist die Öffentlichkeit gnadenlos.
Wenn auf den roten Knopf gedrückt wird.
Die schlimmste Demütigung.
Wenn Du hinter Deinem Rücken das verächtliche Getuschel hören mußt,
wenn Du in schmerzhaft-laute, direkte Häme der gelangweilten oder johlenden Meute blicken musst,
die einen Tag vorher schon in den Blättern stand,
wenn alle Sprüche, die -so gut gemeint- ins Image passten,
zum Boomerang werden.

Dann bist Du
nicht mehr

„die Sensation“,
„der neue Shooting Star“,
„das Beste seit XYZ“,

sondern

eine Lachnummer.
Der letzte Dreck.
Ausschuß.

Es fällt Dir schwer, das zu verstehen,
es fällt Dir schwer, Dich neu zu ordnen,
denn Dein Gesicht kannst Du nicht überschreiben.
Jetzt musst Du Dich wieder eingliedern,
ohne Bewährungshelfer,
in die 2. Klasse.
Ein Downgrade aus der schwindelnden Höhe hinab.


Man hat es Dir nicht abgekauft.

Du hattest Deine Chance.
Du hast sie nicht genutzt.
Oder ?
War doch fair.
Oder ?
Nicht jeder kann Oben stehen.
Oder ?
Denn dann gäbe es ja kein Oben.
Oder ?
Kein Oben und Unten.
Oder ?
Und wo es kein Oben und Unten gibt,
gibt es auch keine Freiheit.
Oder ?
Denn Gleichheit und Freiheit,
das passt nicht zusammen.
Oder ?
Entweder oder.
Oder ?
Also,
wo kein Oben und Unten,
da auch keine Freiheit.
Und folglich auch keine Goldene Mitte.
Oder ?






V


Die Ödnis im Reich der Mitte.

Parteienlandschaft,
Fernsehlandschaft,
Radiolandschaft,
Zeitungslandschaft,
Meinungslandschaft,
Produktlandschaft.

Vorabendserien,
Klatschkolumnen,
Quizsendungen,
Wahlveranstaltungen,
Fussgängerzonen,
Volksbefragungen,
Streitgespräche,
Gewinnspiele,
Gewerbegebiete,
Flurbereinigungen,
Hotelketten,
Ladenketten,
Verwertungsketten,
Firmenfamilein,
Produktfamilien,
Discounter,
Freizeit-Paradiese,
Flughafenhallen,
Erbauungsliteratur,
Eventkultur,
Erlebnisparks,
Lange Nächte,
Lounges,
Verkaufsoffene Sonntage,
Sonderaktionen,
Strukturaufbau,
Firmenallianzen,
Werbeslots,
Finanzspritzen,
Dienstleistung
Preisleistung,
Kundenfreundlichkeit,
Info Center,
Service Center,
Call Center,
Wellness Center,
Smart Design,
Product Design,
Think Tanks,
Coaching, Consulting, Commerce and more,
all in one,
all inclusive,
pay one, get three,
get it all,
hot line,
toll free,
feel free,
feel the difference,
make the difference,
think different,
be different,
be yourself,
be real,
just be,
lets make things better,
for a better world,
better price, better look,
we care,
we understand,
we love you,
I love it.





(1.Oktober 2006)

05.January.2008 11:48:33am [Harald]
Problematik „Neue Cosmic Baby – Alben nur per Download“: ein stellvertretender Briefwechsel
Hallo Harald ,

nach einem Stressigen Arbeitsjahr hab ichs mal wieder auf deine Seite geschafft und mit Freuden gesehen daß zwei neue Releases im Oktober kamen...ohne viel zu lesen gleich zu buch.de...bestellen...nix..doh.
Weitergelesen....und da steh ich nun ich armer Tor. Downloadalbum. \"WTF!!!\" - war mein erster Gedanke..dann kam lange keiner mehr, ich war einfach nur sprachlos.
Dann kam mir sofort in den Sinn, daß ich grad von nem Konzertabend mit den Münchner Symphonikern kam - würde man sowas durch mp3 quetschen und geniessen können?
Ein Chopin, Liszt, Grieg von sehr guten Professionals erarbeitet und wunderbar reproduziert ...nein, sowas gehört sich nicht. Sollte es die Deutsche Grammophon je wagen ?
Ok, man könnte ja sagen, man sollte Cosmic Harald nicht damit vergleichen, zumal es ja \"nur\" elektronische Musik. Aber hey, so ist doch nicht dein musikalisches Selbstverständnis ?
Hast du die mp3s mal an deinen Monitoren gehört? Wenn du mir sagst, da sei kein Unterschied zum Original zu hören, werde ich meine Meinung evtl überdenken.
Nur bilde ich mir ein, daß die Stellar Supreme Clubmixes, die ich mir 1995 glücklicherweise auf VHS-Tape sichern konnte, bis heute die beste Dynamik beim „Space Track“ haben.
Auch die Futura, oder Andorra, klingen codiert teils beschnitten - mp3 ist eben nur für \"plastik\"-Musik geeignet, zum vorbei-, aber nicht zum hinhören.
Lange rede kurzer Sinn: gibt es iiiirgendwann iiiirgendeine Chance an eine CD zu kommen. 256kbit vbr mp3 ist zwar recht ordentlich, aber kann es sein, daß das die einzige Alternative ist ?

Ein Lob muss ich zumindest für die DRM-freien Downloads aussprechen. Da ich aus diversen Gründen nur Linux Computer habe, hätte ich mit DRM ein Problem gehabt.
Ich hoffe aber mich nicht weiter mit musicload auseinandersetzen zu müssen - wird es irgendwann CD-Releases geben? PLEASE :-)
Falls es keinen offiziellen Release auf CD geben sollte, wäre es möglich an ordentliche Wavs zu kommen ? Würde ja Post und Aufwand entsprechend vergüten.
Muss ja nichts gepresstes sein, gebrannt nehm ich auch, oder von mir aus als flac oder ape komprimiert...aber irgendwas verlustfreies wär nett.
Weiterverbreitung meinerseits ist sicher ausgeschlossen, falls es hier irgendwelche Bedenken geben sollte.

Hey, wir lieben es, ne gute CD in den Händen zu halten und wie einen Schatz zu pflegen und zu hegen um dann den vollen Genuss zu haben...lass uns nicht hängen ;-) - Reich uns nen Strohhalm.

Liebe Grüsse aus M.,

XXX



Lieber XXX,

ich verstehe Deine Gedanken sehr gut und bedanke mich für die Wertschätzung. So möchte ich versuchen, Dir die Problematik, die Du ansprichst, aus meiner Sicht heraus zu beschreiben.

Dass ich dadurch sowohl für den Musikliebhaber Einschränkungen in der Tonqualität mache, als auch die Politik der Besitzer der jeweiligen Plattformen dabei unterstütze, ihre eigenen Intentionen ( Kopierschutz, Zwang zum Kauf ihrer bevorzugten Abspielgeräte etc.) durchzusetzen, ist mir sehr bewußt.

Die Entscheidung, beim CB-Katalog auf Downloads zu setzen, ist ein Kompromiss. Er hat vor allem zwei Gründe:

a) Organisatorisch: nur auf diese Art schaffe ich es, das gesamte CB-Werk für jeden auf der Welt (der einen Computer hat...) direkt zugänglich zu machen, ohne dabei die Autonomie über das \"was\", \"wie\" und \"wann\" zu verlieren. Desweiteren kann ich auf diese Weise die Organisations- und Verwaltungsarbeit alleine bewältigen. Beides ist gut und wichtig für mich.

Ich glaube, Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie sich -schon angefangen bei Musikredaktionen der Medien - über die sogenannten \"Vertriebschefs\" bis hin zu den \"Entscheidern\" bei Plattenfirmen (egal ob \"independent\" oder \"major\") diese Leute einem Musiker gegenüber verhalten:
ich bin es seit langem so was von leid, mich mit diesen Stereotypen von \"Promotion\", \"Point of Sale\", \"Marketing\", \"Käuferprofilen\", \"Charts\", \"Verkaufs- fenstern, -argumenten, -regeln, -strategien“ etc. auseinander setzen zu müssen.
Eine Produktion wie beispielsweise \"works 1996.1\" würde keine Plattenfirma auf der Welt (ja nicht einmal ein guter Vertrieb) so, wie ich es möchte auf den sogenannten \"Markt\" bringen ...
Als Konsequenz bleibt nur die komplette Autonomie und für die ist im Gegenzug der Preis des \"kleine Brötchen Backens\" zu zahlen.

b) aus der - wohl überlegten und hart erarbeiteten - Konsequenz heraus, es künstlerisch ( und damit auch strukturell ) \"anders\" machen zu wollen, muss ich also akzeptieren, mich wirtschaftlich in einem sehr kleinen Rahmen zu bewegen.
Und so ist für mich finanziell leider nicht drin, die entsprechenden Werke allesamt als echten Tonträger zu produzieren.
Bei der CD-Produktion muß mich in absehbarer Zukunft erst einmal auf die Harald Blüchel-Projekte konzentrieren. Ohne in irgendeiner Form die Cosmic Baby Werke herunterschmälern zu wollen, aber meine künstlerische Gegenwart & Zukunft sehe ich dort...

Das Thema an sich wird aber niemals abgeschlossen sein. Ich hoffe, dass sich im Laufe der Zeit Wege finden lassen, alternativ zum Download, auch die haptischen Tonträger realisierbar machen lassen.


Liebe & respektvolle Grüße und Dank mit der Bitte um Verständnis
Harald

31.December.2007 05:41:25pm [Harald]
Inventur
Inventur


Dies sind meine Kleidungsstücke,

dies sind meine Schuhe,

hier meine Haushaltsgeräte, Besteck und Geschirr.

Hier ist mein Bett, mein Schreibtisch, meine Sitzmöbel,

dies sind meine Schränke und Regale.

Dies sind meine Pflanzen.

Dies sind meine Stereoanlagen, Radios und Abspiel- und Aufnahmegeräte,

dies sind meine Computer, Festplatten und Softwarelizensierungen.

Hier sind meine Akten, Steuererklärungen, Verträge, Zeugnisse und Pressearchive,

hier mein Bankkonto, meine Kreditkarten und Ausweise.



Dies sind meine Schallplatten, Audio- und Videocassetten, meine Cds und DVDs.

Hier sind meine Fotos, Poster, Drucke und Bilder.

Hier sind meine Bücher.

Hier sind meine Briefe.

Hier sind meine persönlichen Aufzeichnungen.

Hier sind meine Erinnerungsstücke.


Dies ist mein Flügel.

Hier ist mein Klavier.

Dies sind meine E-Pianos.

Dies sind meine Synthesizer.

Hier sind meine anderen Instrumente, Mischpulte und Studiogeräte.

Dies sind meine Noten, meine DAT-Cassetten , meine Masters und Sicherungskopien.







Dies sind meine Erinnerungen.

Hier sind meine Träume,
meine Grundsätze,
meine Ängste,
meine Gebote und Selbstverbote,
meine Beklemmungen,
meine Bestimmungen,
meine Begabungen,
meine Unfähigkeiten und Unsicherheiten,
meine Freuden,
meine Eitelkeiten,
meine Selbst-Verleugnungen und Selbst-Versicherungen.
Mein Weinen und mein Lachen,
mein Dunkel und mein Strahlen.


Dies sind meine Erfahrungen.

Meine Irrtümer und Illusionen,
meine Wünsche und Erwartungen,
meine Ideen vom Leben,
dies sind die Rollen, in die ich schlüpfte, die ich einübte und ausprobierte,
in denen ich glaubte, Erfolg zu haben oder gescheitert zu sein.
Hier sind meine Abgründe, Brachen, Schneisen und hartnäckigen Widersprüche.
Hier sind die kleinen und großen Bündel des reinen, erlebten Glücks.

Hier sind die Fesseln und Knebel,
die Durchstöße zum Licht,
das Sinken in die Tiefe.
Hier sind die Belastungen,
dies die Geschenke,
die Werkzeuge und Schablonen
die Bedingungen und Möglichkeiten,
mit denen ich ausgestattet wurde.


Hier ist meine Dankbarkeit.
Hier ist mein Zorn und meine Empörung.
Hier das unsterbliche Gedenken an die Vielen, die mit allem, was sie hatten
aufbrachen, um für ihre Überzeugungen und Gefühle zu leben und dafür einstanden.

Hier sind die, die mir Nahrung gaben.

Dies ist meine Verzweiflung,
dies mein Esprit,
dies sind die Wunden und Narben,
dies meine Eifersüchteleien und Kleingeistigkeiten.
Hier liegt die Hoffnung auf ein selbst-bestimmtes Leben,
die nie aufhörte, zu existieren.


Hier sind die Wohnungen und die Orte,
an denen ich aß, arbeitete und schlief.

Hier sind die Landschaften,
an denen ich sein durfte,

dies sind die Düfte, die Regen, die Sonnenstrahlen, der Schnee,
die Lüfte, die an meine Sinne kamen,

dies sind die Bäche, Flüsse und Meere,
dies die Gärten, Felder, Wälder,
die Gebirge, die Ebenen, die Tiere;
dies sind die Farben, die Wolken, Himmel und Sterne.


Hier sind die unendlich vielfältigen Klänge.

Dies sind die Menschen, die mir begegnet sind,
denen ich begegnen musste,
denen ich begegnen durfte.

Die ich liebte und oder
immer lieben werde.

Hier sind die Menschen, die mich täuschten,
hier die, die ich enttäuschte.

Hier sind die Menschen,
die mir gaben und denen ich geben konnte.

Hier sind die unverwechselbaren, kostbaren Augenblicke,
in denen ich spürte, dass ich lebe.


Hier sind die Augenblicke,
in denen ich liebte,
dies sind die Augenblicke, die ich
immer lieben werde.


Dies sind die Dinge oder die Rückstände der Dinge,
die ich gefühlt, gedacht, gesagt, gemacht oder getan habe,
die ich gewesen oder in denen ich fehlgegangen bin.

Hier ist die im Leben gewachsene Selbst-Verständlichkeit,
der Substanz zu vertrauen
und nicht den Gegenständen.

Strich.

Hier ist das, was ich gerne wäre.

Strich.

Dies ist das, was ich sein kann.

Strich.

Dies bin ich.
Hier lebe ich.
Hier bin ich.
Jetzt.



(Dezember 2007)

20.June.2007 05:30:46pmHarald [Harald]
Gedanken zu myspace.com
My Space...

My space... Myspace... myspace ...
Bist Du schon auf myspace ?
Was, Du bist bist noch nicht auf myspace ?

In letzter Zeit kam dieses Thema in Gesprächen mit Kollegen und Publikum überraschend häufig auf. Und als „Sahnehäubchen“ fand ich dann eine Cosmic Baby – Seite im Land dieser unbegrenzten Möglichkeiten: mit Bildern, Musik und „Freunden“ ... ohne irgendetwas dazu getan zu haben.
Zeit, über das Thema ernsthaft nachzudenken.

Ausgangspunkt: ich habe eine Webseite. Meinen autonomen digitalen „space of mine“. Der funktioniert ganz gut ohne blinkende Banner, vernetzte Nutzerprofile und aussagelosen „ich habe 7855 Freunde“ - Kokolores.
myspace hingegen scheint mir das genaue Gegenteil eines „My Space“ zu sein: das Angebot der eigenen Präsentation als Köder, „meinen Raum“ einem großen Nichts zu übergeben, dem sich schon viele andere übergeben haben und sich folglich noch mehr andere übergeben werden, weil sie glauben, ansonsten etwas zu verpassen.

Diese unendlichen vielen „myspaces“ befinden sich summarisch im Besitz und somit unter der Kontrolle des gegenwärtig mächtigsten Medienmoguls dieses Planeten. Einem Kerl, der entscheidend beeinflusst, was politisch und gesellschaftlich „Sache ist“ und diesen Einfluß Kraft seiner (auch durch den Kauf und Besitz von myspace) noch steigenden Macht weiter in die Höhe treibt. Dieser Herr hat sich im Verbund mit einigen anderen Herren vorgenommen, die ganze Welt zu seinem „My Space“ zu machen – die reale Welt wohlgemerkt.

„Na und“, sagen die Mitglieder schein-souverän, „was kümmert mich Murdoch, es geht doch um mich. Myspace ist ein gutes Werkzeug, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und außerdem haben doch alle anderen auch Spaß dran“. Es wird amüsiert-augenzwinkernd und gleichzeitig kaltschnäuzig-wichtig von einer „win-win-Situation“ geredet. Daran glaube ich beim bestem Willen nicht: eher fällt mir das Bild der Armada von Telekom – Kleinaktionären ein, die Anfangs auch von dem Gedanken berauscht waren, das (kleine) große Geld machen zu können ... bis am Ende ein großer geprellter Haufen von „Losern“ auf der einen und eine kleine Riege von exklusiven „Winnern“ auf der anderen Seite übrig blieb.

Warum war es Herrn M. im Juli 2005 580 Mio $ wert, „myspace“ zu kaufen ?
Doch sicher nicht aus der Freude an „unabhängiger Musik“ .
Man muß sich nicht besonders anstrengen, um spontan auf drei Gründe zu kommen:
A) Bindung immer größerer Nutzerzahlen an das eigene System und Ausbau der führenden Marktposition gegenüber Konkurrenten.
B) Je mehr Nutzer, desto höher die Preise für die Werbebanner.
C) Die Öffentliche Präsentation der Nutzer und deren soziale Verknüpfung untereinander schaffen dem, der sie total und exklusiv auswerten kann wunderbare Soziogramme, die sich herrlich mit anderen Datenpools kombinieren lassen:

„Die Möglichkeiten sind schier grenzenlos: Die Kombination mit Finanzdaten von Banken, Grundbucheinträgen, Einkaufs- Rabattkarten, Handy- und Kreditkartenabrechnungen verspräche mittelfristig, die Bürger durch selbst zugelieferte Daten wahrhaft transparent zu machen.“ (Spiegel online, 9.Juni 2006).
Wahrhaft eine Traumvorstellung der wirtschaftlichen und politischen Eliten ! Unter diesem Licht besehen bleibt da von „Win – Win“ nur noch ein fader Beigeschmack übrig.

Im ganz Kleinen, Persönlichen gilt: es gibt Menschen, die über „Cosmic Baby“ zu (guten) Bekannten von mir wurden, einige sind heute „Freunde“ im ganz klassischen Sinne . Darüber hinaus scheint es eine Menge Leute zu geben, für die die Musik an sich einen gewissen persönlichen Wert darstellt, ohne dass sie dabei einen virtuellen Kommunikationsleithammel brauchen, um sich über diesen nach dem „Malen- nach-Zahlen“- Prinzip definieren bzw. präsentieren zu müssen. Ihnen scheint als Quelle die Musik und mit ihr verbundene kognitive Inhalte zu genügen.

myspace isn`t My Space isn`t Your Space : it`s murdochspace


nimm nicht die rolltreppen ...

13.May.2007 05:35:09pm [Harald]
Exzerpte aus "DRUCKWELLEN.FUNDSTÜCKE" (8)
67

nimm nicht die rolltreppen



nimm nicht die rolltreppen,
wenn du auch gehen kannst;
denn sie geben nur vor, dir dein leben zu erleichtern:
sie machen dich zu einem trägen automaten,
bewegungslos und leblos.
nimm lieber die stufen,
bei denen du
mit jedem herzschlag und atemzug
spürst, dass du
lebst,
auch wenn es mühe macht-
im sinne des easy going oder
der selig-machenden effizienz.

sieh den an dir vorbei ziehenden gestalten in die augen:
was siehst du ?



nimm nicht das auto,
wenn du von a nach b möchtest.
denn es gibt nur vor, dich unabhängiger und schneller zu machen.
nimm lieber die bahn, das fahrrad oder gehe zu fuss,
auch wenn es dir unschick, lästig und zeitraubend vorkommt,
also mühe macht.
das auto macht dich träge,
macht dich zu einem bewegt-bewegungslosen automaten,
eingeschlossen in einem größeren automaten,
um sich geborgen und geschützt zu fühlen,
vor anderen automaten da draussen, die wenn sie nur können,
sich ebenfalls in grössere automaten einschließen.

sieh den an dir vorbei rollenden gestalten in die augen:
was siehst du ?



nimm nicht den fernseher,
wenn du auch hören, lesen, denken oder fühlen kannst.
es macht dich zu einem trägen automaten,
bewegungslos und leblos,
an dem bilder vorbeirieseln, die nicht die deinen sind,
sich in deinem inneren
einnisten wie parasiten, die vierundzwanzigmal pro sekunde die zellen deines ich auffressen.
stück für stück.
auch wenn es mühe macht,
schalte es ab;
sonst schaltet es dich ab,
transformiert dich zu
automaten, die an den bildern hängen
wie mehlige maschinen an der batterie,
wie billige konfektionsware an der kleiderstange.

was siehst du, wenn du in die fenster der flimmernden wohnstuben kuckst ?


nimm niemals die erste hand,
die sich lautlächelnd dir entgegen streckt,
von größter sympathie,
neuesten erkenntnissen,
einmaligen gelegenheiten,
sensationellen angeboten spricht und
dir einreden will, dass alles nur zu deinem vorteil ist,
was sie dir anbietet.

überwinde deinen ersten reflex zuzugreifen,
auch wenn es mühe macht.
lehne ab,
nimm dir heraus,
umständlich, unspontan, uncool und unhöflich
zu sein,
was schwer ist, weil du zur höflichkeit erzogen,
zum blitzschnellen einverständnis dressiert,
also auf soziale effizienz geeicht.

sieh lieber zweimal hin;
sieh den vollmundigen besitzern und
vollbusigen besitzerinnen in die augen.

was siehst du, wenn du nicht ja sagst ?



nimm niemals die rolltreppen,
wenn du auch gehen kannst:
denn sie geben nur vor, dir dein leben besser und schöner zu machen.

( Köln, Januar 07 )

24.March.2007 09:52:13am [Harald]
Zur Veröffentlichung der Zauberberg-Trilogie II „caged“ am 2. April 2007
Sieh dir das an


Sieh dir das an, das könnte
einer sein, der einfach weg geht
aus seinem weltlichen Leben,
nachdem er sich mit einem Rest
Saint Emilion den Mund gespült hatte,
der höflich verschwindet, ohne Panik
seinen Abgang voraussah, als er sich
zum erstenmal fragte, was er hier solle
unter anderen, die das alles
ganz selbstverständlich hinkriegen.
Niemand gab ihm Feuer fürs Weiterleben,
und die sinnliche Revolution
verschaffte keine Erleichterung.
Von diesem Augenblick an
fiel es ihm nicht mehr schwer,
sich zu sagen, dass es
ziemlich gleichgültig sein müsse,
in welche Richtung man sich
entferne.


Karl Krolow (1974)

07.March.2007 04:47:58pm [Harald]
Exzerpte aus "DRUCKWELLEN.FUNDSTÜCKE" (7)
50

ICH – WER - WELCHES ?


wer bin Ich.

Wer ?

Bin ?

Ich ?

Ist das, was ich mir wünsche zu sein
Ich.
Ist meine Vergangenheit
Ich.

Bin
Ich
In der Gegenwart.

Ist ich
ein Programm.


Was kann
Ich.

Was will
Ich.

Wer denkt
Ich.

So viele
Ichs
im
Ich.





Konkurrierende Ichs.
Wechselnde Anzahlen der verschiedenen Ich im
konstituierenden Rat des
vereinigten Ich.
Wechselnde Koalitionen zwischen den ich Fraktionen des
Ich.

Was sich da alles wann, wie, wo, unter welchen Umständen in ständig wechselnden
Koalitionen und Mehrheiten mit einander tummelt.


Konservative.
Progressive.
Reaktionäre.
Gemässigte.
Radikale.
Angepasste.
Aggressive.
Rebellierende.
Erträumte.
Befürchtete.
Beschämende.
Bürgerliche.
Virtuose.
Geparkte.
Zu kurz Gekommene.
Gepflegte.
Erarbeitete.
Dressierte.
Mutierte.
Vernünftige.
Zerstörerische.
Selbstmitleidige.
Brave.
Ängstliche.
Liebende.
Herzliche.
Kalte.
Scheue.
Beschränkte.
Arrogante.
Bornierte.
Schwindelnde.
Wissende.
Entspannte.
Entschlossene.
Selbstgefällige.
Gestresste.
Strebsame
Spinnerte.
Unruhige.
Verbitterte.
Altkluge.
Trainierte.
Angestaubte.
Klammheimliche.
Brutale.
Zerstörerische.
Verklemmte.
Verkümmerte.
Eitle.
Ausgetriebene.
Widersprüchliche.
Triebhafte.
Harmoniesüchtige.
Gelöste.
Neu Entdeckte.
Depressive.
Frische.
Verdrängte.
Ruhige.
Hochpolierte.
Einholende.
Alberne.
Friedliebende.
Nachholende.
Vertraute.
Sichere.
Stressige.
Schlummernde.
Verschachtelte.
Überforderte.
Überschätzte.
Virtuose.
Zu kurz Gekommene.
Zufriedene.
Befriedete.
Offene.
Bleierne.
Abweisende.
Selbstgefällige.
Hoffnungsvolle.
Unterdrückte.
Unfähige.
Kompakte.
Eingegrabene.
Gewohnte.
Forschende.
Schmerzende.
Deformierte.
Freundliche.
Wunde.
Erkannte.
Herausgeputzte.
Ruhige.
Verluderte.
Auf Linie gebrachte.
Lustige.
Verträumte.
Schmerzhafte.
Verschüttete.
Verklärte.
Eingebildete.
Anspruchsvolle.
Angestrengte.
Gewachsene.
Befreite.
Abgespaltene.
Liebgewonnene.
Idealisierte.
Dumme.
Geniale.
Beschwichtigende.
Unüberwindbare.
Verbotene.
Überraschende.
Banale.
Geduldige.
Pubertäre.
Pessimistische.
Schillernde.
Eingebrannte.
Kluge.
Kindliche.
Unsichere.
Brilliante.
Überzeugte.
Skeptische.
Abgestoßene.
Kritische.
Geliebte.
Wieder Kommende.
Verlogene.
Ehrliche.
Mutige.
Verstümmelte.
Intelligente.
Verzweifelte.
Neue.

11.October.2006 04:29:33pm [Harald]
Parallel Ton Arten (Johannes Schmölling: white out)
Heute will ich eine kleine Geschichte erzählen.

Es war einmal ein Knabe, der war fasziniert von Musik. Als er das pubertäre Alter erreichte, entdeckte er eine für ihn noch neue musikalische Welt: Wenn er im Kinderzimmer an seinem Klavier saß, es leid war, die Aufgaben seines Klavierlehrers aus dem Vokabelheft abzuarbeiten, dann träumte er von Minimoogs, Elka String-Ensembles, Arps und Melotrons. Geräten, von denen er damals noch gar nicht genau wusste, wie sie aussahen und wie sie funktionierten. Diese unendlich vielen und neuen Klänge hatten es ihm schwer angetan. Er legte „Tangram“ auf den Plattenteller, schloß die Augen, begleitete die Musik an seinem Klavier und träumte, er wäre Johannes Schmölling.
Zehn Jahre später hatte sich in seinem Leben einiges getan: Er hatte Klavierausbildung, Schule und auch seine Heimatstadt hinter sich gelassen und lebte nun in Berlin. In der Zwischenzeit wusste er, was Synthesizer waren. Mittlerweile nannte er eine kleine Anzahl davon selbst sein Eigen – es waren ältere und somit relativ günstig zu erstehende Modelle, die er im Laufe der letzten Jahre um sich geschart hatte. Wenn er nicht gerade studierte, jobbte oder die einschlägigen Cafes, Bars und Clubs der Stadt besuchte, verbrachte er Tag und Nacht mit seinen kleinen Schätzen und spielte mit Hingabe und Begeisterung. Er fühlte sich großartig, denn er sah sich als Bestandteil einer neuen musikalischen Generation, die sich an der Schwelle glaubte, die Welt zu erobern. Währenddessen war sein Idol aus jungen Jahren aus der berühmten Band ausgestiegen und machte sein erstes Solo – Album, mit dem unser Held eilig vom Plattenladen in seine Kreuzberger Ein-Raumwohnung rannte. Doch groß war seine Enttäuschung beim aufgeregten, fahrigen Durchhören. Die Musik entsprach so gar nicht seinen freudigen Erwartungen: Weder schien sie nahtlos an die liebgewordene Vergangenheit des früher bewunderten Interpreten anzuknüpfen, noch gab es irgendetwas zu hören, was er mit seiner eigenen neuen, aktuellen Musik-Generation in Verbindung bringen konnte. Die geschriebenen Anmerkungen überflog er nebenbei. Sie gaben ihm nichts – lieblos und ohne mit der Wimper zu zucken, verschwand die CD auf Nimmerwiedersehen ... er hatte anderes zu tun.

Vor ein paar Tagen fiel ihm die CD zufällig wieder in die Hände. Johannes Schmölling – „Wide out“. Seltsamerweise. Sechzehn Jahre später. Sechzehn Jahre, in denen viel passiert war. Er holte das Booklett aus der Verpackung und las. Ihm fiel die schöne, überlegte und doch sehr persönliche Sprache auf. Er las von „Gefühl“, dem „plötzlichen Schnittpunkt dreier Dinge, die zur gleichen Zeit stattfanden“, von literarischen, filmischen und geografischen Inspirationen. Während er las, hörte er ungespielte Musik. Sprach-Musik, Gedanken-Musik:

„Wobei ich das Neue, das Unerhörte der elektronischen Klänge eigentlich niemals als ortlosen Punkt, als Phantom der Schwerelosigkeit begriffen habe, sondern immer als etwas diesseitiges, „von dieser Welt“. In Ermangelung jenes Bedürfnisses, mich ins Weltall hinauskatapultieren zu lassen (man sagt, dass auch dort, trotz all der Sphärenklänge, der Satellitenmüll sich bedenklich häuft) habe ich es vorgezogen, mich auf das zu beschränken, was mir geläufig ist. Das heißt: man läuft – anstatt durchs Schwerelose zu taumeln.“

Der Lesende sagte sich: Das kommt mir mehr als bekannt vor. Gedankenverwandt. Ja !

„Vielleicht ist die Landschaftsmalerei etwas sehr Altmodisches, etwas aus dem Neunzehnten Jahrhundert, als die Leute noch Zeit dazu hatten. Vielleicht ist der Versuch, genau zuzuhören, etwas sehr Altmodisches. Vielleicht ist es überhaupt altmodisch, an die Zukunft zu denken.
Womit natürlich gesagt sein soll, dass diese Art, altmodisch zu sein, irgendwann, ganz von selbst, brandaktuell sein wird“.

Er blickte von den Zeilen auf und rauchte eine Zigarette. Sein ganzes bisheriges Leben rauschte an ihm vorüber. Er lächelte still. Er fühlte sich auf eine ganz besondere Art angesprochen. Jetzt: Ertappt und gleichzeitig ermutigt, an den Ohren gezogen und gleichzeitig verstanden. Da sprach ihm jemand aus der Seele, jemand, den er vor langer Zeit freudig-naiv verehrt und dann pubertär-dümmlich-blasiert in die Ecke geworfen hatte. Er las weiter:

„Als ich die Arbeit an dem Album beendete, brachen Reinhold Messner und Arved Fuchs in die Antarktis auf. Nicht mehr (wie noch im letzten Jahrhundert), um die weißen Flecken von der Landkarte zu tilgen, auch nicht (wie um die Jahrhundertwende) mit dem Ziel, die Fahne irgendeines Landes dort aufzustecken, sondern allein der Landschaft, ihres puren So-und-nicht-anders-Seins (der Gegenwart) wegen. Und ich dachte, früher, als Kind, da hätte ich es mir nicht träumen lassen, daß selbst das Spaziergehen eines Tages zu einem politischen Akt werden könnte.“

Ein Kreis schien sich zu schließen: Kindheit – Jugend – Entwicklung – älter Werden. Oder: träumen – anhimmeln – rebellieren – sich ins Zentrum setzen – Vollstoff geben - nachdenken – Veränderungen wahr nehmen - neu erleben – wieder träumen. Nur anders.

28.September.2006 08:30:43am [Harald]
Exzerpte aus "DRUCKWELLEN.FUNDSTÜCKE" (6)
21

Die freie, westliche Welt. Die Zivilisation. Fortschritt in Freiheit. Demokratie. Wir (11)


Warum hat sich der Kapitalismus als herrschendes gesellschaftliches System so erfolgreich und unangefochten durchgesetzt ?
Doch sicher nicht weil er, - nach eigenen Aussagen – überall, wo er eingeführt wurde, „ Freiheit, Glück und Wohlstand für Alle“ geschaffen hätte. Wenn dem so wäre, dann müsste die Welt anders aussehen. Und das nicht nur da, wo sie sich partout nicht schönreden lässt, also nicht nur in den so genannten „Brennpunkten“ von Berlin- Wedding, über Bronx/New York, zu den Favelas von Sao Paulo und den Slums von New Dehli, Johannesburg und Mexiko City. Dabei herrschen auch dort die selben Gesetze der freien Marktwirtschaft, der parlamentarischen Demokratie, der Chancengleichheit; sind auch dort die Rechte der freien Meinungsäusserung verbrieft, wie auch alle anderen eingetragenen Werte der westlichen Zivilisation.
Gut, also daran scheint es nicht liegen zu können. Woran liegt es dann ?

Vielleicht, weil kein anderes System geschickter ködert, weil kein anderes System die Menschheit jemals so erschreckend präzise an seinen Grundinstinkten gepackt hat. Wer will nicht „schöner“ sein, als der Andere ? Wer will nicht „glücklicher“ werden, oder zumindest mehr „Spass am Leben“ haben. Wer will nicht eine gewisse Macht haben über Andere, sich gewisse Vorteile erarbeiten. Oder zumindest etwas ganz ausschliesslich für sich selbst besitzen wollen, dass ihm der Andere nicht nehmen kann, wenn er ihn auch noch so sehr darum beneidete, was den Besitz dieser Sache wiederum erst recht lohnend mache? Wer will nicht daran glauben, sich Status, Anerkennung Schönheit, Sex und Macht offensichtlich ( wie permanent im Fernsehen und im sonstigen wirklichen Leben vorgelebt ) kaufen zu können, ganz problemlos ( wenn das Geld dafür da ist ), anstatt sich mit sich selbst und der Welt auf subtilere und aufwendigere Weise befassen zu müssen.

Vielleicht, weil kein System bis dato so erfolgreich von seinen eigentlichen Zielen ( durch so genannte „freie Information“) hat ablenken können, die es tatsächlich im Schilde führt. Kein System konnte so virtuos täuschend einer Mehrheit der Beherrschten das Gefühl suggerieren, ganz freiwillig das zu wollen, was die herrschende Elite wünscht, was ihre Untergebenen zu wollen haben sollen. Eine anscheinend übereinstimmende „Gleichheit“ der Wünsche von „Oben und Unten“. Anscheinend herbeigeführt ohne die Einwirkung von repressiver Gewalt. Herrschaft ohne Beherrschte ? Das Volk als „oberstes Souverän“ ? Oder doch eher eine Menschheit von eingebildet mündigen, informierten, kritischen, eingebildet in ihrem Denken und ihrem Handeln freien, für ihr Schicksal selbst verantwortlichen Souveränen ?

Kein System vorher schaffte es, auch denen, die zu den „Verlierern“ im System gehören, überzeugender einzureden, dass sie selbst an ihrem Schicksal Schuld wären (Versager, Verlierer), oder man ( mit nachdenklicher Unschuldmine vorgetragen ) wenigstens nichts daran ändern könnte, weil es sich dabei („der Markt“) um eine Art „Naturgesetz“ handele, das niemand auf der Welt gänzlich „justieren“ könne ( „Schicksal“ ). Niemals zuvor wurde den faktisch Hoffnungslosen die permanente Illusion, es jederzeit trotz alledem „schaffen zu können“ ( „Chancengleichheit“, „wenn Du nur willst, werden auch Deine Träume wahr “) plausibler eingebläut. In Geschenkpapier verpackte Vulgarität. Premium – Lügenprodukte. Nehmen wir die teuer aussehende, aber in Wirklichkeit lachhaft billige ( von Kindern in Billiglohnländern hergestellte ) Verpackung bei Seite und betrachten wir, was wir konkret vor uns haben.

Im Kapitalismus hat jedes gefertigte Produkt einzig und allein den Sinn, einen möglichst hohen Profit für den Besitzer der Produktionsmittel und Produzenten des Produkts zu erzielen. „Rechnet sich“ ein Produkt, ist es gut, „rechnet es sich nicht“, ist es schlecht. Das, und nur das macht seinen Sinn aus, ist Definition des kapitalistischen Glaubensbekenntnisses. „Gesellschaftlichen Nutzen“ definiert man wahrlich anders. In der ideologischen Werbebroschüre des Kapitalismus steht: ein so genannter „Wettbewerb“ unter den „ gleichberechtigten Marktteilnehmern“ entscheide mittels „Gesetz von Angebot und Nachfrage“ unbestechlich-fair über Erfolg und Misserfolg des Produkts. Gerade dieser „faire Wettbewerb“ generiere „Innovation“, schaffe also „kreative“ und von der Gesellschaft („Verbraucher“, „Konsumenten“) „gewünschte“ Produkte, die zu den wahren Segnungen für die Menschheit führten („Mobilität“, „Zeitersparnis“, „Bequemlichkeit“, „Unterhaltung“, „ungeahnte neue Möglichkeiten“, „Fortschritt“, kurz gesagt „Wohlstand“ und „Glück“).
Ein Kapitalismus will nun aber nicht für den Menschen da sein, kann aus seinem Selbstverständnis heraus gar nicht wollen können, dass „es allen gut geht“, dass alle „zufrieden“ sind. Denn er lebt ja gerade davon, dem Verbraucher-Menschen permanent einzureden, gerade durch das „neue“, noch „bessere“ Produkt, erst richtig „glücklich“ werden zu können. Und so weiter und so fort. Dass er es behauptet, ( „wir arbeiten dafür, dass Dein Glück verwirklicht wird“) steht auf einem anderen Blatt. Und dass er es mit Hilfe aller ihm zur Verfügung stehenden Instrumente der Beeinflussung erfolgreich behauptet, beweist erstmal nur, wie virtuos er diese Mittel der komplexen Manipulation und Kontrolle beherrscht. Und damit die Welt beherrscht.

Sein beliebtestes ideologisches Mittel (das er selbst als „unideologisch“ bezeichnet) : er macht den Unterschied zwischen „Gleichheit“ und „Individualität“ auf und bringt diese Worte in Zusammenhang mit dem Begriffspaar „Freiheit - Unfreiheit“ . Demnach wird der Ansatz der „sozialen Gleichheit“ ( möglichst alle sollen gleichberechtigt an der gesellschaftlichen Konsumption teilhaben können ) denunziert als „langweilige“ oder „totalitäre“ „Gleichmacherei“ („Unfreiheit“). Hingegen wird die „Individualität“ als humanistischer Wert an sich hoch gehängt („Freiheit!“). Dabei muss natürlich geflissentlich die Frage ausgeblendet werden, unter welchen Bedingungen die Menschen diese offerierte und gewünschte „Individualität“ überhaupt realisieren können. Es scheint ungerechtfertigt, einen Zusammenhang zwischen einem lässig 70.000 Euro kostenden BMW-Cabrio ( „Individualität!“) und der sozialen Herkunft des „Individuums“ herstellen zu wollen, es sei denn der Begriff der „Individualität“ und der „Freiheit“ ist eben doch kein ethisch-philosophischer Bergriff, sondern hat ausschliesslich etwas mit „Geld haben“ und „kaufen können“ zu tun. Dieses nötige „Geld“ hat im allgemeinen aber nur derjenige, der einen privilegierten sozialen Hintergrund zur Verfügung hat. Hat er den nicht, bleibt nur der Weg, sich die Kohle über die kriminelle Gegengesellschaft zu beschaffen. Da es dem Verkäufer im Endeffekt natürlich egal ist, aus welchen Quellen das Geld kommt, das er verdienen möchte ( angesichts der globalen „Börsenrallye“ ja sogar verdienen „muss“...), sind natürlich auch die Grenzen zwischen „legal und illegal“ beschafftem Kapital unerheblich.
Zudem sagt die Tatsache, dass ein (Kauf-)Angebot besteht, wenig über die Möglichkeiten darüber aus, wie vielen Menschen dieses Angebot auch tatsächlich offen steht. ( Ein wichtiger Punkt, den der johlende Mob der durch gesponsertes Westbier enthemmten Einheitsbrüller am Ende der DDR leider zu spät dämmerte ...).
Noch jeder, der in Hauptstädten von Ländern der Dritten und Vierten Welt durch die (abgesicherten und von den massenhaften gesellschaftlichen „Abfallprodukten“ gesäuberten ) Einkaufszonen geschlendert ist, muss darüber staunen, dort eine vielfach grössere Anzahl von Luxusprodukten offeriert zu bekommen, als in den heimischen Exklusiv-Avenuen der Fasanen- oder Friedrich Strasse - deren bevorzugte Käuferschicht natürlich nicht das „Volk“, sondern durch mafiose Strukturen zu Geld gekommene Gangster sind ( legale oder illegale Gangster, vollkommen egal ! ).
Jeder würde sich lächerlich machen, daraus schliessen zu wollen, in Bukarest oder Lagos wäre die „Freiheit“ und „Individualität“ in höherem Masse verwirklicht, als bei uns. Nach den (unverdeckten, nackten, also ent-täuschten) Spielregeln des Kapitalismus ist dem aber genau so.

Nun wird uns permanent erklärt, dass Kapitalismus („Freiheit des Privateigentums“, „Freiheit des Handels“, „Freiheit des Individuums“, etc., etc. ) untrennbar mit den Werten der westlichen Zivilisation verbunden ist, ja gar ein immanenter Bestandteil dieser Werte ist, die sich in einem historischen Band von der griechischen Antike, über den römischen Staat, die christliche Religion, bis hin zur Aufklärung und dem liberal-bürgerlichen Humanismus, also den Idealen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, definiert.
Ich bitte nachzuprüfen, was die ehrenwerte Gemeinschaft der „westlichen Welt“ immer als erstes einfordert, wenn wieder einmal ein neues Land in den Reigen der „Zivilisation“ aufgenommen werden soll ( oder um in Aussicht gestellte IWF-Gelder bettelt ): es muss als allererstes die so genannte „Öffnung“ oder „Liberalisierung des Marktes“ gewährleisten. In den „Kandidatenländern“ stehen Frauen und Männer bereit ( „Bürgerrechtler“, „Demokraten“, „Regime-Gegner“, „Oppositionelle“, „Gemässigte “, „Dissidenten“, „Opfer der Diktatur“, „Exilanten“, „freie Stimmen für den Aufbruch“, usw. ...), die in unseren Medien dann genau diese, „unsere“ Forderungen verkünden dürfen. Sie werden dann mit medialer und finanzieller Power aufgebaut, unterstützt („beraten“), gründen Parteien, die in ihren Programmen und Strukturen „unseren“ aufs Haar gleichen. So entsteht eine „pluralistische Parteienlandschaft“, die den neuen „Verfassungsrahmen“, also die grundsätzlichen gesellschaftlichen Spielregeln aufstellt, die in Zukunft gelten sollen. Jetzt ist es Zeit für „freie Wahlen“, aus denen eine Fraktion dieser „freiheitlichen Kräfte“ als Sieger hervorgehen wird. Meist diejenige, die zuvor schon „bei uns“ als die Plausibelste präsentiert und gepäppelt wurde ( also die häufigste Sendezeit bekam ). Diese Regierung leitet dann die „nötigen Schritte“ auf den „Weg zum Hineinwachsen in die Freiheit“ ein. Das geht meist nicht ohne das „Schlucken von bitteren Medizinen“, wie es immer so schön heisst, die ( nach „unabhängigen“ und „unideologischen“ –aber doch streng neoliberalen – „Expertenempfehlungen“ ), „unumgänglich“ seien. Sind diese „Reformen“ dann umgesetzt, sind sie auch gleich „unverrückbar“ – komischerweise ganz im Widerspruch zu dem sonst von den gleichen Leuten stetig geforderten Geschrei nach permanenter „Flexibilität“ und permanentem „Wandel“. Unausgesprochen steht hinter dieser „Medizin“ die lautlose Einverleibung des vorhandenen Materials an Produktivkräften durch die westlichen Grosskonzerne ( „Wir“ !) und die legale Festschreibung ihrer Macht durch parlamentarisch verabschiedete Gesetze. Zum Abschluss werden die ersten „Erfolgsgeschichten“ hochgejubelt. Das geschieht durch die „freie Presse“, die nun nicht nur bei uns, sondern auch vor Ort den selben Leuten gehört (Beispiel: über 70% des polnischen „Medienmarktes“ wird von deutschen Verlegern – also von „uns“ - kontrolliert). Über das weniger Erfolgreiche erfährt man nur dann, wenn es entweder schon nicht mehr ins Gewicht fällt, oder sich partout nicht leugnen lässt. Und dann hat sich’s und das gleiche Spiel beginnt mit dem nächsten Land, das „auf der Agenda“ steht. Wir können das schon im voraus ahnen: nämlich dann, wenn wir in den „Medien“ mit einem Mal Namen und Staaten auftauchen, von denen wir bis dato wenig bis nichts gehört und gelesen hatten ...

Freiheitliche Demokratie –„untrennbar verbunden mit Marktwirtschaft“- ist für den Menschen da, macht den ewig gehegten Traum der Menschheit nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wahr ...

Die letzten wunderbaren Beispiele, an denen man sich von den erklärten Absichten der westlichen Welt und allen voran denen ihrer Führungsmacht, den USA, überzeugen konnte, waren die prosaisch als „Orange-Revolution in Kiew“ und „Rosenrevolution von Tiflis“ verkauften Übernahmen ins eigene Lager der „Guten“. Der Bericht des US-Council on Foreign Relations, ein von der Bush-Junta hochgeschätzter Think Tank, lässt daran nicht den geringsten Zweifel: „Im Jahr 2005 haben russische Behörden den Zugang der USA und der NATO zu Luftwaffenstützpunkten in Zentralasien zu beschränken versucht. Amerikanische Hoffnungen auf eine Zusammenarbeit im Erdölbereich haben ebenfalls eine Reihe von Enttäuschungen erlitten“. Das klingt nun weniger blumig, als in den Werbebroschüren, die uns als öffentliche Meinung von den gleichen Leuten untergejubelt werden !
Ich lege mich schon jetzt fest, dass nach der, sozusagen selbstverständlichen Einverleibung der DDR, Polens, Ungarns, Tschechiens, der Slowakei, Sloweniens, Kroatiens, Albaniens, des Kosovo, Bulgariens, Rumäniens und der baltischen Staaten (die bis 1991 immerhin zu dem Territorium der UdSSR gehörten !), nach der Ukraine und Georgien nun Weissrussland an der Reihe ist. An der endgültigen Kapitulation des Schurkenstaaten Serbiens muss ebenfalls noch gearbeitet werden.

Ist es denn so schwer zu begreifen, dass die Vorraussetzung für einen demokratischen, freiheitlichen Staat unter den Bedingungen des Kapitalismus ein Widerspruch in sich ist ?

Wie definiert man „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ ? Es scheint eine Sache der Interpretation zu sein. Kann ein Mensch – selbst bei „freien Wahlen“ - wirklich „frei“ über sein politisches Schicksal entscheiden, wenn die wirklichen Weichenstellungen von Eliten betrieben werden, die in keinster Weise von ihm gewählt werden können ? Regierungen kommen und gehen, die Leute, die die wirtschaftliche Macht besitzen, diese Regierungen nach ihren Gutdünken zu fördern oder fallen zu lassen, aber nicht. Das ist in Deutschland nicht anders wie in Guatemala ( beide Staaten gehören zum gleichen „Lager“!!!) , nur stellen sich die gesellschaftlichen Verhältnisse und Widersprüche bei einer (gewollten, zumindest sehr billigend „in Kauf“ genommenen ) Analphabetisierungsrate von 80 Prozent nur weit extremer und offensichtlicher dar. Siemens oder Chiquita („United Fruit Company“). Zwei Seiten der gleichen Medaille. Nicht eine Frage der Philosophie , sondern ausschliesslich des wirtschaftlichen „Standorts“ und seiner Bedingungen.

Nochmal: ein Staat, der als „freiheitlich demokratisch“ akzeptiert sein will, muss nach offizieller Doktrin als erstes „den freien Handel“ gewährleisten. Müsste nicht der erste Schritt sein, erstmal den Boden unter den ärmsten Schichten aufzuteilen, die nationale Produktion so zu organisieren, dass jeder Bewohner eines solchen Landes die Chance bekäme, genug zu essen zu haben, ein Dach über dem Kopf, alle Güter des täglichen Bedarfs, ein Recht auf ärztliche Versorgung und eine Schulbildung, die diesen Namen auch verdient ?
Nein, denn Staaten, die mit einer alternativen Interpretation an die Frage von „Freiheit und Gerechtigkeit“ herangingen und versuchten, sie praktisch umzusetzen, gehören ohne Wenn und Aber nicht zur freien, westlichen Zivilisation. Regierungen, die ( ebenfalls) in freien Wahlen gewählt wurden, um genau das zu tun (z,B. im Iran 1953, in Chile 1970 ) wurden durch Putsche und anschliessende an Brutalität nicht zu überbietende Diktaturen erst wieder in die „freie Welt“ hereingeholt. Staaten, die sich herausnahmen, den „freien Handel“ im Sinne des Gemeinwohls hin zu sozialer Gerechtigkeit in die Schranken weisen zu wollen, die die humanistischen Ideale „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ also vielleicht nicht nur als Verpackung, sondern als ein einzulösendes Menschenrecht ansahen, müssen mit schärfsten Konsequenzen derjeniger rechnen, die vom Kapitalismus als wirtschaftlichem und politischen System am meisten profitieren respektive kontrollieren und steuern . Allen voran deren Führungsmacht. In seiner bemerkenswerten Nobelpreisrede vom Dezember 2005 brachte es der Schriftsteller Harold Pinter auf den Punkt:

»Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges unterstützten die Vereinigten Staaten von Amerika jede
rechtsgerichtete Militärdiktatur auf der Welt, und in vielen Fällen brachten sie erst hervor. Ich verweise auf Indonesien, Griechenland, Uruguay, Brasilien, Paraguay, Haiti, die Türkei, die Philippinen, Guatemala, El Salvador und natürlich Chile. Die Schrecken, die Amerika Chile 1973 zufügte, können nie gesühnt und nie verziehen werden. (Anmerkung von mir: am 11. September 2001 wurden uns leider die Bilder jubelnder Bevölkerungsschichten in Santiago de Chile vorenthalten, die an diesem Tage eine Art traurige Genugtuung über das Leid kund taten, dass an ihnen beginnend mit dem 11.September 1973 begangen wurde, dem Tag, an dem in Chile unter bester brüderlicher Unterstützung der USA die Regierung Salvador Allende und damit die Hoffnung auf eine freiheitliche Zukunft des Landes weggeputscht wurde...)
In diesen Ländern hat es Hunderttausende von Toten gegeben. Hat es sie wirklich gegeben? Und sind sie wirklich alle der US?Außenpolitik zuzuschreiben? Die Antwort lautet ja, es hat sie gegeben, und sie sind der amerikanischen Außenpolitik zuzuschreiben. Aber davon weiß man natürlich nichts.
Es ist nie passiert. Nichts ist jemals passiert. Sogar als es passierte, passierte es nicht. Es spielte keine Rolle. Es interessierte niemand. Die Verbrechen der Vereinigten Staaten waren systematisch, konstant, infam, unbarmherzig, aber nur sehr wenige Menschen haben wirklich darüber gesprochen. Das muß man Amerika lassen. Es hat weltweit eine ziemlich kühl operierende Machtmanipulation betrieben und sich dabei als Streiter für das universelle Gute gebärdet. Ein glänzender, sogar geistreicher, äußerst erfolgreicher Hypnoseakt.«

Aktuelles Beispiel: Bolivien. Dort wurde das von einer Clique von Grossgrundbesitzern gehortete Agrarland an die bis dahin recht- und besitzlosen Bauern verteilt. Gleichzeitig verstaatlicht die neue Regierung die Öl- und Gasindustrie und kündigt gleiche Schritte, für den Bergbau und die Forstwirtschaft an, die allesamt enorme Gewinne einbringen. Gewinne, die bisher einzig und allein von transnationalen Unternehmen gemacht wurden, die sich seit Jahr und Tag durch Recht und Gesetz verbrieft, wie die Herren und Besitzer des gesamten Landes aufführen konnten. Nun fordert Evo Morales, der frei gewählte Präsident des Landes Bolivien eine Rückkehr zu einer national-staatlichen Souveränität. Nicht mehr und nicht weniger. Ein einhelliger Aufschrei der wütenden Entrüstung geht durch die westliche Wertegemeinschaft. Dieses Handeln wird prompt als „totalitarismusnahe, populistische Evokratie“ in „unseren“ Medien denunziert. Unter „Freiheit“ verstehen „die Guten Staaten“ etwas anderes. Unser demokratisch, freiheitlich, zivilisierter Aussenminister, der frühere BND-Mann (oh!) Steinmeier äussert auf einem EU-Wirtschaftsgipfel sich höchst „besorgt“ über die realisierten Massnahmen und weiteren Vorhaben in Bolivien. Wehe, wenn Exponenten einer Gemeinschaft von Machtstaaten eine Entwicklung in Regionen, die sie zu Ihrer Interessensphäre zählen, mit „grosser Sorge“ betrachten. Was passierte, wenn sich beispielsweise die USA in den letzten 150 Jahren „besorgt“ gezeigt hatten ?
Reichen heute die „Sorge-Bekundungen“ aus („ Ihr wisst ja, was passiert, wenn Ihr nicht...“ ) oder kommt das bewährte Spielchen wieder zum Einsatz:

- „besorgt“ sein
- mediale Kampagnen in der freien (seltsamerweise aber vollkommen uniform tönenden ) Presse aufbauen
- parallel schon heimlich Instabilitäten aller Art in den betreffenden Staaten schaffen ( Handels-Embargos, Bombardierungen, Ausbildung und Verschickung von als „Freiheitskämpfer“ gelabelten Söldner-Terrorgruppen, Förderung, Unterstützung und Forcierung von Unruhen und wirtschaftlichen Katastrophen aller Art durch vielfältigste Mittel )
- „Argumente“ und „Beweise“ suchen und präsentieren („irre“, „blutige“, „korrupte“ „Demagogen“ und „Diktatoren“ von „Schurkenstaaten“, die durch „Waffenarsenale“, „Unterdrückung der Bevölkerung“, „menschenverachtende“, „totalitäre“ oder andere „besorgniserregende Zustände“ „den Weltfrieden(!!!) gefährden (!!!) “, usw., usw., usw....)
- „Weltöffentlichkeit“ schaffen
- „Drohkulissen“ aufbauen
- die einen „verhandeln“ lassen, während die anderen ( „Partner“, „befreundete Staaten“ ) in aller Deutlichkeit den Krieg vorbereiten ( den sie heimlich schon jahrelang zielstrebig geplant und vorbereitet haben ).
- Ultimaten stellen
- losschlagen
- „befreien“
- „Normalität herstellen“
- „kleine Fehler“ zugeben ( das darf dann wieder die gleichgeschaltete freie Presse „enthüllen“, um die schäbige Legende ihrer „Unabhängigkeit“ aufrecht zu erhalten )
- vergessen
- mit dem nächsten Problem „konfrontiert“ werden
- „besorgt“ sein
- usw., usw., usw.

Findet dieses Schema in Bolivien eine Fortsetzung ( vielleicht gleich noch die beiden anderen Unrechtssysteme und Schurkenstaaten Venezuela und Kuba mitnehmen, dann werden Argentinien, Brasilien, Chile und der ganze nordamerikanische „Hinterhof“ wissen, dass es weiterhin ratsam ist, keinen Unfug zu machen – „don`t fuck with us !!!“ ) ?. Kann man das parallel mit Irak und Iran schaffen ? Eine grosse Herausforderung für die freie Welt: diplomatisch, logistisch, finanziell...wahrlich.

Historisch gesehen konnte der Kapitalismus noch immer in verschiedenen Formen, angepasst an die zeitlichen und gesellschaftlichen Notwendigkeiten seine Ziele ( nämlich zu aller erst die des Privatbesitzes und der möglichst ungestörten Profitmaximierung, die durch ein konformes Herrschaftssystem abgesichert wird ) durchsetzen und sicherstellen: ob in einverleibten, auf den letzten Tropfen ausgepressten und ausgebeuteten Kolonien, in obrigkeitsstaatlichen Kaiser - und Königreichen, in faschistischen Diktaturen oder in so- genannten „Demokratien“, deren Ausprägungen in den Staaten der Ersten, Zweiten, Dritten und Vierten Welt sich natürlich etwas verschieden gestalteten. Eines war und blieb immer gleich. Und einzig und allein das interessiert: der Kapitalismus.

Warum hat sich der Kapitalismus als herrschendes gesellschaftliches System durchgesetzt ?
Zusammenfassung: weil er virtuos die Menschen an ihren Grundtrieben packt, weil er seine wahren Ziele erfolgreich verschleiert und als allgemeinen Willen ausgeben kann und weil er auf der anderen Seite sämtliche Mittel der konkreten Macht in Händen hält. Geht es mit scheinbar gewaltlosen Mitteln, sein System stabil zu halten: gut ! Bedarf es die Mittel der physischen Gewalt: auch gut !

Der Kapitalismus ist hässlich. So widerlich hässlich in seiner „locker-unideologischen“ Verlogenheit, seiner selbstgefällig zur Schau gestellten Selbstsicherheit und seiner dreisten Selbstverständlichkeit. Am aller hässlichsten ist er aber in seiner kriegerisch-mordenden Bestialität, die er permanent, sei es zur notwendigen Sicherung bzw. Einverleibung seiner Territorien, oder einfach nur zur ungefährdeten Profitmaximierung bei der Herstellung von Kriegsgerät im allgemeinen, praktiziert und produziert (in kühlen Kosten-Nutzen Bilanzen durchgerechnet nach optimierten Auschwitz-Ressourcen-Verwertungs-Management-Kriterien ).
Zu jeder beliebigen Zeit und an jedem beliebigen Ort kann aus der lächelnden Fratze („WM: zu Gast bei Freunden“) eine blutige werden ( „Enduring Freedom“). Wie auch umgekehrt die blutige ( „War against Terrorism“, „Coalition of the Willing“ ) mühelos zur lächelnden Fratze ( „we are the world“, „let`s make things better“, „make it real“ ) mutieren kann.
Hässlich. So abscheulich, widerwärtig, verlogen hässlich!

21 a

Die Frage aller Fragen

Dieses Gefühl der
Schön verpackten
Hässlichkeit und Widerlichkeit,

der man sich niemals
und nirgends vollständig
entziehen kann,

die eindringt in
jede Pore, so dass man
niemals zur Ruhe kommt,
weil es permanent
da ist.

Die Frage aller Fragen.
Ausserhalb leben ?
Wie ?
Geht nicht !
Fliehen ?
Wohin !

Also: ihn abschaffen.
Also: ihn bekämpfen.
Also: Widerstand.
Aber: wie Widerstand.
Also: Widerstand wie ?
Aber: wie ihn stürzen.
Also: Wie ihn stürzen.

Stürzen von selbst wird der Kapitalismus noch lange nicht.
Nicht einmal wanken, straucheln, sich ein Bein brechen, in die Knie gehen.
Bombensicher.

Michael Kolhaas ...
Michael Kolhaas ?
Michael Kolhaas ...

20.September.2006 11:32:44pm [Harald]
Vor drei Wochen, als ich die drei Pappschachteln aufmachte.
Als ich die drei verschiedenen Pappschachteln aufmachte und aus jeder eine andere CD herausholte, hatte ich das Gefühl, sieben Jahre meines Lebens in Händen zu halten. Symbole des hart erkämpften Wunsches, den unsäglich vielen "geht nicht“, die sowohl aus dem eigenen Inneren, wie von Aussen kamen, ein "ich versuch`s aber doch“ entgegen zu setzen.

Was meine ich damit ?
Vielleicht an aller erster Stelle den Entschluss, Schritte zu ergreifen, den eingebrannten Bildern von „Success-Freedom-Comfort-Happiness“ nicht mehr hinterher-leben zu wollen - was schwierig ist und für viel Unruhe, Verlustangst, Zweifel und Verunsicherung sorgt. Im künstlerischen wie im rein menschlichen Leben, wenn da überhaupt echte Grenzen zu bestimmen und zu ziehen sind.

Als ich die drei verschiedenen Pappschachteln aufmachte und aus jeder eine andere CD herausholte, fühlte ich mich wie ein Bergsteiger, der Jahre brauchte, Routenplanung, Organisation und Logistik an den Start zu bringen, um nun endlich am Basislager angekommen zu sein, von dem es nun weiter geht.

Und ich dachte an die Unterstützung, die ich von dem kleinen Kreis von Leuten bekam, ohne die ich es so nicht geschafft hätte. Sie machten es aus dem Herzen heraus. Ihnen mein grosser Dank !

20.September.2006 11:29:21pm [Harald]
Vor drei Wochen, als die drei Pappschachteln aufmachte.
Als ich die drei verschiedenen Pappschachteln aufmachte und aus jeder eine andere CD herausholte, hatte ich das Gefühl, sieben Jahre meines Lebens in Händen zu halten. Symbole des hart erkämpften Wunsches, den unsäglich vielen "geht nicht“, die sowohl aus dem eigenen Inneren, wie von Aussen kamen, ein "ich versuch`s aber doch“ entgegen zu setzen.

Was meine ich damit ?
Vielleicht an aller erster Stelle den Entschluss, Schritte zu ergreifen, den eingebrannten Bildern von „Success-Freedom-Comfort-Happiness“ nicht mehr hinterher-leben zu wollen - was schwierig ist und für viel Unruhe, Verlustangst, Zweifel und Verunsicherung sorgt. Im künstlerischen wie im rein menschlichen Leben, wenn da überhaupt echte Grenzen zu bestimmen und zu ziehen sind.

Als ich die drei verschiedenen Pappschachteln aufmachte und aus jeder eine andere CD herausholte, fühlte ich mich wie ein Bergsteiger, der Jahre brauchte, Routenplanung, Organisation und Logistik an den Start zu bringen, um nun endlich am Basislager angekommen zu sein, von dem es nun weiter geht.

Und ich dachte an die Unterstützung, die ich von dem kleinen Kreis von Leuten bekam, ohne die ich es so nicht geschafft hätte. Sie machten es aus dem Herzen heraus. Ihnen mein grosser Dank !

31.July.2006 04:55:53pm [Harald]
Ferien
Jetzt geht es zwei Wochen inne Ferien !

Verdientermassen: habe in der Glutofenhitze heftigst gearbeitet.
„die Toteninsel“, „caged“ und „Industrie & Melodie“ sind im Presswerk !!

Im September wird es soweit sein: CB/HB – Werke werden in Form von CDs
wieder öffentlich !

Sehr schön !!!

15.July.2006 05:03:10pm [Harald]
An Tagen, die sich periodisch wiederholen
Samstag, 15.Juli 2006, Berlin.
Vormittags sonnig, Nachmittags bedeckt, sehr schwül.

Man kann Geburtstage hernehmen,
oder Hochzeitstage,
oder Silvester.
Allgemein
also Tage, die sich in ihrer Funktion periodisch wiederholen.

An ihnen kann man über Entwicklungen nachdenken.
Konstatiert, was und wie man heute fühlt und
stellt dem Erinnerungsstichproben aus vergangenen Zeiten
desselben Tages gegenüber.

Ich habe gelesen, dass heute „Love Parade“ ist.
Es gab Zeiten, da musste ich
zwanghaft
aus der Stadt flüchten,
weil mich allein der Gedanke daran krank gemacht hat.

Krank werden
kann man nur an einer Sache,
an die man einmal
geglaubt hat.

Die Jahre Eins bis Vier
waren der schwebende Traum von der
Erfüllung aller gehegten Wünsche.

Fünf bis Sieben
waren staunende Beobachtung
in die Distanz.

Acht bis Zwölf
waren Flucht
resultierend aus einem Gefühl des ungläubigen Ekels.

Danach:
Nichts mehr gefühlt.
Oder ausgeblendet.

Heute
übe ich vier Stunden an einem schweren Bartok – Stück.
Konzentriert und mit Hingabe.
Das Geschenk der Musik.

Sehr gesund !

07.July.2006 09:10:41am [Harald]
Gottfried Benn - 50. Todestag
Menschen getroffen

Ich habe Menschen getroffen, die,
wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
schüchtern - als ob sie gar nicht beanspruchen könnten,
auch noch eine Benennung zu haben –
„Fräulein Christian“ antworteten und dann:
„wie der Vorname“, sie wollten einem die Erfassung erleichtern,
kein schwieriger Name wie „Popiol“ oder „Babendererde“ –
„wie der Vorname“ – bitte, belasten Sie Ihr Erinnerungsvermögen nicht !

Ich habe Menschen getroffen, die,
mit Eltern und vier Geschwistern in einer Stube
aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren,
am Küchenherde lernten,
hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen –
und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa,
die reine Stirn der Engel trugen.

Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muß nun gehen.


Gottfried Benn ( 2.5.1886 – 7.7.1956 )

29.June.2006 09:49:26am [Harald]
Exzerpte aus „DRUCKWELLEN. FUNDSTÜCKE“ (5)
Exzerpte aus „DRUCKWELLEN. FUNDSTÜCKE“ (5)





28

friendscheissing

Betriebswirte, die
am medialen Zapfhahn
den abgestandenen,
schalen Schaum
der fusionierten Grossbrauerreien
in die trübgespülten Gläser
der Kundschaft
kippen,

die sich
bierselig
ihre Armseligkeit
in leutseliger Lustigkeit
schön
schwätzt.
( schön schwätzen muss).


Und ab und zu
in Nackenstarre
nach oben
in die laufende Röhre kuckt,
die diese rührende Gemütlichkeit
am laufen hält,

mit schaumschlagenden
Animierbildchen der Grossbrauerreien.

Beistand in Rat und Tat,
Lebenshilfe,
wie man sich die eigene Existenz
schön
trinken kann.

Mit ihrem monopolisierten Aufguss,
der oben wie unten,
hier und dort
simultan
zu vernünftigen Preisen in
vernünftigen Dosen
von den Betriebswirten
an die Kunden
ausgeschenkt wird.

23.June.2006 10:35:35am [Harald]
Exzerpte aus „DRUCKWELLEN. FUNDSTÜCKE“ (4)
Exzerpte aus „DRUCKWELLEN. FUNDSTÜCKE“ (4)


19


Die freie, westliche Welt. Die Zivilisation. Fortschritt in Freiheit. Demokratie. Wir (10)

Flexible Response


ii
Der Musiker P. mit electro-clashiger Vergangenheit, wechselte vor drei Jahren in das Lager der avantgardistischen Laptopkünstler, da seiner Meinung nach aus der Klubkultur „nix Neues mehr“ kam. Schnell fasste er Fuss im neuen Umfeld, an dem ihm der „diskursiv-abstrakte Cut und Klick Ansatz“ begeisterte, der endlich die kommerziellen Klischees der zur Chartmusik verkommenen Techno– und Liedform- Plattheiten in einem neuen „elektronischen Kunstraum“ aufheben sollte. Zwei CD-Veröffentlichungen auf einem auf der Höhe der Zeit stehenden Indielabel verschafften ihm, mit Ausnahme einiger wohlwollender, doch –wie er zugeben musste, auch reichlich unverbindlicher - Kritiken ( zu denen sogar eine im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ gehörte ) keinerlei weiterführende Resonanz. Da konnten auch zwei Auftritte auf transmedialen Kunstkongress-Events in Bukarest und Barcelona nicht versöhnen. Er hatte sich mehr erhofft.

Heute nun spielt er in Bandformation hinter einem original Fender Rhodes 73 Mark II sitzend auf einem der schwer angesagten Musiknächte in der Volksbühne. P. sieht sich auf einer neuen Stufe angekommen: endlich „richtige Musik“ machen, endlich „sinnliche Musik“ machen, die ohne die verdammte Elektronik auskomme, von der er schon immer wusste, dass sie eigentlich „jeder Depp“ programmieren könnte. Musik, die „zu künstlich“ sei und heute nur noch „Dumpfbacken vom Land“, „ewig Gestrige“, oder „intellektuelle Dauermasturbierer“ interessiere; wo der Mensch in der heutigen „eisigen Zeit“ sich doch nichts mehr als „verbindliche Wahrhaftigkeit“ wünsche. Er hat sich mit einem blassen Mädchen, das vor zwei Jahren aus dem ostwestfälischen Raum nach Berlin gekommen war, zusammengetan. Die Kinds-Frau mit grossen melancholischen Augen und einer irgendwie schutzbedürftigen Anti-Star-Aura, singt mit hochhell-linkisch-dünnem Unschuldsstimmchen in Nena / Humpe - Facon. Nach Presseinformation handeln die „in dieser ungeschönt-authentischen Form selten zuvor gehörten Texte“ thematisch vom „Identitätsverlust in der heutigen Gesellschaft“ . Die „junge Band“ sei Ausdruck der „Speerspitze einer neuen, frechen, deutschen Popkultur, die treffend ausdrückt, was ihre Generation denkt“.

„Ich sehe da grosse Möglichkeiten. Die Band kommt cool rüber. Da ist Potential drin. Wir müssen das nur irgendwie gut positionieren. Elektronics sind out. Ich hab das Gefühl, die Leute wollen jetzt so was wie Euch, wollen wieder junge deutsche Bands performen sehen. Wir sind da ganz vorne mit dabei, glaub ich. Wenn wir noch ein paar Argumente am Point of Sale generieren, können wir ein stimmiges Package schnüren“ sprudelt der extra aus München eingeflogene AR-Erfolgsdynamiker im Backstageraum, in dem es von optischen Nachwuchs-Superstars nur so wimmelt. Ein Plattenvertrag seiner Majorcompany liege unterschriftsreif bereit. P. steht am Gipfelpunkt seiner Musikerkarriere. Endlich, nach vielen Jahren, wird sein Traum wahr werden. Der Traum vom Erfolg- Haben, in die Charts kommen, im Fernsehen auftreten, Geld-Haben, in geilen Hotels schlafen, mal richtig auf die Kacke hauen, ein Star sein. Endlich. Endlich. Endlich.

17.June.2006 02:40:13pm [Harald]
Exzerpte aus „DRUCKWELLEN. FUNDSTÜCKE“ (3)
Exzerpte aus „DRUCKWELLEN. FUNDSTÜCKE“ (3)



30


Gedenktag

Heute begehen
die modernen Unterdrücker
mit grosser Rührung und mit
wichtig – nachdenklichen Mienen
grossen Staatsakt.

Im Gedenken
an die heldenhaften,
angstlosen und
verzweifelten
Aufständischen und Opfer

als die
Arbeit habenden
Arbeiter und
Arbeit habenden
Bauern
im Unrechtsstaat DDR
unerschrocken
für Freiheit und Demokratie
kämpften
damals.


Feiern frech und
wiegen sich
feist

in bombenfester Sicherheit

wie die Made
im Speck.

13.June.2006 09:56:16am [Harald]
Exzerpte aus „DRUCKWELLEN. FUNDSTÜCKE“ (2)
Exzerpte aus „DRUCKWELLEN. FUNDSTÜCKE“ (2)



8


Die freie, westliche Welt. Die Zivilisation. Fortschritt in Freiheit. Demokratie. Wir (4)

Der Mensch, dem in Ermangelung von permanenten Fussballweltmeisterschaften, ersatzweise freudige Schauer des persönlichen Stolzes den Rücken herunterrieseln, wenn „unsere“ Deutsche Bank kraft ihrer Finanz-Schweinereien in die Top Ten des Weltkapitals aufgestiegen ist, wenn „wir“ als Siemens Milliardenaufträge für Atomkraftwerke in China ergaunert haben. Oder, wenn irgendwelche „unserer Traumfrauen“ mit akribisch eingeübtem und dennoch an arroganter Dümmlichkeit nicht zu überbietendem deutsch-amerikanischen Gestammel, irgendwelche konfektionierte UNO-Aktionen als Schirmherrinnen repräsentieren dürfen.

Wie ist es möglich, es überhaupt wagen zu können, diesen durchkalkulierten Dreck denselben Menschen vorzusetzen, denen man gleichzeitig so lange einbläut, bis sie es selbst erfolgreich glauben (wollen), dass sie Teil einer überlegenen Zivilisation sind, sozusagen am Bau und der Verbreitung eines Erfolgsmodells beteiligt sind, wie Kleinaktionäre an den Finanzschauplätzen der Global Players?

Jubilierend streichen sie die kärgliche Dividende ein und sehen sich ihrer eigenen Frei-Setzung aus Gründen der Effiziens-Steigerung plausibel zuapplaudieren. Noch haben sie nicht gemerkt, dass der ihnen medial zugeratene Notgroschen für die selbstverantwortliche Sicherung im Alter schon nach den ersten Harz IV – Monaten von denselben Experten-Ratgebern enteignet werden wird.

Beschäftigungslos sehen sich diese Menschen dann im Fernsehen zu: johlend, brüllend, sich auf Kommando bezahlter Animateure bedingungslos allen Erniedrigungen freudig hingebend (Game-,Talk- und Comedyshows ), fickend (Pornos), sich gegenseitig abmurksend (Spielfilme), Tips, Tricks und Latest News erhaschend und aufmerksam aufnehmend und befolgend (Propaganda-„Informationssendungen“).

Mit offenem Mund schlucken sie willig-angewiedert das lauwarm, abgestandene Sperma vierundzwanzig Mal pro Sekunde. Realonovelas, neuerdings in 16 zu 9.
Bilder von der Freiheit, Demokratie in Selbstbestimmung! Sie bekommen das, was sie glauben, sich als oberstes Souverän gewünscht zu haben !

Dann sie sehen Bilder von Menschen, die noch nicht demokratisch und frei sind wie sie selbst. Denen es noch nicht so gut geht. Die nicht ihrem, das heisst unserem Way of Live folgen können. Die unaufgeklärt, uninformiert sich verhasster Fremdbestimmung zu beugen haben:
Bilderschleifen von bösen, hysterisch hassenden religiösen Mobs, ausser Rand und Band geratenen Coca-Banditen und eiskalt agierenden chinesischen Ökonomie-Robotern.
Bilderschleifen von Fundamentalisten, Terroristen, Diktatoren und auf den ersten Blick unsympathischen Potentaten von Schurkenstaaten.
Bilder von durch vorsintflutliche Machtapparate Unterdrückte, Verachtete, Gleichgeschaltete, Unwissende, Geschundene, denen geholfen werden muss, die eigentlich auch zu UNS, zu den Guten gehören. Die, wie wir wissen, keinen sehnlicheren Wunsch haben können, als endlich auch befreit zu werden.

11.June.2006 02:56:41pm [Harald]
Exzerpte aus „DRUCKWELLEN. FUNDSTÜCKE“ (1)
Exzerpte aus „DRUCKWELLEN. FUNDSTÜCKE“ (1)


1

„Ich werde verrückt bei vollem Verstand“
Marguerite Duras



2

Die, die ich auf der Strasse sehe,
in den Warenhäusern und Supermärkten,
in ihren Autos, in Cafes,
in der Bahn, im Fernsehen,
am Morgen, am Mittag, in der Nacht.

Hektischer Frohsinn überall,
gute Laune so gut es geht,
aufgeregtes Geplapper und Geschäftigkeit,
nicht Geizen mit den Reizen,
das einmalige Angebot beim Schopfe packen,
wuselnd-wichtige, wissende Willigkeit.

Ein informel-informiertes,
mechanisches Einverstanden-Sein.
Ein stetiger Strom aus eingeübten Handlungsmustern.

Millionenfache Individualisten,
die alle das gleiche wollen,
das gleiche denken,
das gleiche anziehen,
die nur noch von Dingen träumen,
die sie kaufen können.
Scheinmündige Konsumenten.
Simulierter Sachverstand.

Sozialverhalten, das nur noch ein Markt ist,
auf dem sich fast jeder und jede
als ein Markenprodukt präsentiert,
in Konkurrenz zu dem anderen,
dem man nacheifern,
ihn überflügeln oder
ausstechen muss.

Der millionenfache Versuch,
die eigene Situation
auf Biegen und Brechen
so cool wie möglich in eine
präsentable Form zu bringen.

Jede öffentliche Handlung eine Powerpoint-Projektion.
Schnell erfassbare Bilder für die Augen,
komprimierte Logos für die geistige Elastizität.
Aufzeichnung und Wiedergabe
von formelhaften Blindtexten und Ersatzhandlungen;
konfigurierte Gefühlsstrukturen.

Um immer frei
und bereit zu sein,
für die nächste Update der
gegenwärtigen Durchgangsidentität.
Ein permanentes Leben in Jetztzeit, in der
die Erinnerung als ein hemmender, verkrusteter
Standortnachteil empfunden wird, der
so gut es geht
outgesourced werden muss, auf
Sicherungs-Festplatten
für alle Fälle.
Ein ständiges
sich fit machen
für den Alltag.
Copy-Paste Biografien,
jeder sein eigener Klingeltonsouverän.

Mehr nicht.

Nicht mehr.

01.June.2006 11:27:32am [Harald]
Gestriges RADIO-EINS Interview und Toteninsel
1


Email von heute Morgen:

Lieber Herr Blüchel,

habe Ihr Interview auf Radio 1 vom Tage bzw. Abend gehört und fand sehr interessant, was sie gesagt haben. Ich frage mich aber, ob es wirklich zu mehr Einsichten verhilft, wenn das menschliche Gehirn nicht selektieren würde, wie Sie in dem Gespräch vermuteten. Würde das Gehirn nicht komplett überfordert ohne diesen eingebauten Mechanismus und ist es nicht auch ein Schutz?

Viel Erfolg für Ihre künftigen Projekte wünscht Ihnen
...


Antwort:

Liebe Frau ...,

vielen Dank für Ihre Anmerkung.

Ein Radiointerview hat immer den Nachteil , ( jedenfalls für mich ), einen relativ komplexen Gedanken nur sehr unzureichend ausformulieren zu können.
Zu deutsch: als ich mich gestern Nacht sprechen hörte, fiel mir meine "aufgeregte sprachliche Wirrnis" auf, die sicher damit zu tun hatte, möglichst viel in die kurze Zeit hineinpacken zu wollen.
Da musste ich schmunzeln...wüsste ich nicht, wovon ich reden wollte, ich hätte es sicher selbst nicht verstanden....

Grundsätzlich geht es bei der "Toteninsel" erstmal um das "Gedankenexperiment": was KÖNNTE PASSIEREN, WENN... und zwei Gesichtspunkte in der Ableitung:
a) Asperger-Syndrom/Autismus: wie ein Mensch, dessen cerebrales Filtersystem nicht "normal" ( was ist das ???) funktioniert, eine vollkommen andere Wahrnehmung der Welt hat...
b) "Filtrierungsmöglichkeit" heisst ja erstmal noch nicht, dass die "filtrierten" (vom Gehirn als "nebensächlich" ausgeblendeten Umwelt-Informationen) nicht doch eine Wirkung auf das Sein/Bewusstsein dieses Menschen haben.

Seit Jahr und Tag beschäftigt mich: der immer wieder erlebte Widerspruch/Konflikt zwischen dem, was wir "denken" (zu sein) und dem, was wir in unserer inneren Realität (die unser Handeln unterbewusst bestimmt ), wirklich sind.
Einer unter sehr vielen verschiedenen Gründen ( die alle gegenseitig rückkoppeln ), könnte dieser "Filtrierungsansatz" sein.

Meine künstlerische Arbeit hat sich im Laufe der letzten Jahre dahin entwickelt, mich mit diesen verschiedenen Ansätzen bewusst auseinanderzusetzen. Es geht mir darum - in der Tradition der Romantik (Hölderlin-Schumann-C.D.Friedrich) - über die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema "Was ist der Mensch", " Wie fühlt der Mensch", „Wie erlebt der Mensch“, "Warum denkt er so wie er denkt" innere Zustände des Menschen klanglich abzubilden.

Herzlichen dank für Ihre lieben Wünsche,
und liebe Grüsse

Harald Blüchel



2

Lange nichts mehr hier im Tagebuch geschrieben. Aber seitenweise und tagelang für das Tagebuch geschrieben. Thema: „ Bei vollem Verstand verrückt werden “.

Ein dringendes Bedürfnis, während des konzentrierten Schreibens, immer weiter und weiter zu schreiben. Dabei auf Dinge zu kommen, die ich zu Beginn nicht erwarten konnte, die weit über eine „Selbstdarstellung“ hinausgehen. So den Entschluss gefasst, den im Hintergrund existierenden Gedanken an die virtuelle Leserschaft dadurch auszuschalten, erst einmal ganz für mich allein an den Texten weiterzuarbeiten. Wie bei einer viel versprechenden Komposition, von der ich ja auch nicht sofort die ersten Teilergebnisse herausschreien würde.


3

Grossartige Neuigkeiten:
Wolfgang und ich sind dabei, die lang versprochenen Veröffentlichungen zu mastern. Endlich ! Ich fühlte mich, wenn ich an „Toteninsel“, „caged“ usw. dachte, in den letzten Monaten wieder einmal wie mein eigener Hochdruckkessel. Die Freude über die absehbare Befreiung ist gross. Das Kind will endlich hören lassen, womit es die letzten Jahre gespielt hat ! Um ganz frei zu sein für die Spielzeuge der Gegenwart.

28.March.2006 10:28:09am [Harald]
ANDORRA IV
i

Ein verregneter Sonntag in Berlin. Ich bin aus der Andorra-Welt zurück. Lebe mich wieder ein in einen Rhythmus ohne Theater und ohne dreissig Menschen, mit denen ich täglich zusammen gewesen bin.



ii


Zeit für eine Rückbetrachtung. ( ich verspreche: es wird die letzte sein !!!)

Ich kann sagen: mit „Andorra 2006“ bin ich an dem Punkt angekommen, dessen Richtung ich mit „Andorra 1997“ ( so schliesst sich der Kreis !) einschlagen wollte. Ich wollte eine neue Kompositions - und Klangästhetik, fundiert, eindeutig und eigenständig. Ein „Stellar Supreme“ unter geänderten Bedingungen. Zeitgemässe Musik im Spiegel der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und der sich verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse.

Die Leitmotive blieben die gleichen: Gedanken nach draussen mitteilen wollen, die aus einer harten Auseinandersetzung aus „leichter“ Intuition und dem zähen Ringen um musikalische Form resultieren.

Für den Aufbau des „Stellar“/“Cosmic Baby“- Plateaus hatte ich im Prinzip 20 Jahre ( meine Lebensjahre 5 bis 25 ) Zeit gehabt – es bedurfte am Ende nur noch des Funkens, um eine kreative Kettenreaktion in Gang zu bringen. Der Funke war Euphorie in einer bestimmten Zeit, der Motor die emotionale Idealisierung meiner Wünsche an die Welt und meinen Platz darin:

in Joseph Beuysschem Sinne WÄRME übertragen, Beethovens „alle Menschen werden Brüder“ – Traum fühlbar und erlebbar machen wollen – in musikalisch gefälliger und doch neuer Form.

Später: erst eine Ahnung, dann die Gewissheit, Dinge überhöht zu haben. Auch das Erstaunen darüber, wie sehr diese Verklärung als Realitätsfilter ( das Schöne hochhängen, die Zweifel wegdrücken ) dabei half, die Kreativität anzutreiben.
Des - Illusionierung.

Danach: die Frage, welche Schlüsse daraus zu ziehen wären. Das Lavieren, die Ent-Täuschung entweder in Richtung Wut / Arroganz / Verbitterung / Zynismus aufzuheben oder besser doch konstruktivere Schlüsse daraus abzuleiten. Es blieb die bewusste Verabschiedung von einer idealisierten, stark filtrierten Deutungs-, Erfahrungs- und Lebensweise. Ich entschied, die grosse Kluft zwischen Kunstwelt und Lebensrealität kleiner zu machen, um auf stabileren Füssen stehen zu können .

Also: Rückzug ins „Kammermusikalische“, weg von den Situationen der euphorisierenden Massenzusammmenkünfte hin zum Stillen ( nicht zum Chillen! ), zur Intimität, zur Frage nach der Identität ( im Gegensatz zur Stilisierung/Inszenierung ). Leiser, weniger grossspurig, dafür differenter, differenzierter, skeptischer, mehrdimensionaler, also auch polarisierender ...
Zerlegung des grossen Gestus in seine komplizierteren Einzelteile. Wenn möglich, ohne dabei das „Leuchten in den Augen“ zu verlieren ( was öfter geschah, als mir lieb war).

Der grosse Wunsch, irgendwann an den Punkt zu kommen, an dem die Zusammensetzung der Einzelteile ein komplexeres Ganzes darzustellen vermag, nicht über-verkopft, aber erst recht ohne Simplifizierung / Stilisierung / Konfektionierung ( und damit Ent-Wertung) des Resultats.

Über die Jahre arbeitete ich an Möglichkeiten, Systeme ( so wie sie sich darstellen und nicht so, wie ich sie gerne hätte ) zu analysieren, um ihre inneren Gesetze freilegen zu können.

Kein System funktioniert so, wie es sich selbst darstellt. Denn jedes System steht im Wettbewerb zu Konkurrierenden. Vorteile ( „Verkaufsargumente“ ) verschaffen sie sich durch Manipulation, durch Täuschung, durch Maskierung, durch Stilisierung, durch Design. Da werden Köder ausgeworfen, die erschreckend präzise die Menschen erfolgreich an ihren Grundinstinkten packen. Doch nichts ist umsonst ( auch nicht das Sonderangebot bei „Real“ oder die 100 DM Begrüssungsgeld damals, als es um eine andere DDR ging...) – doch wenn die Maske irgendwann fällt, ist es zu spät. ( denn sie fällt erst dann, wenn der, der täuschte, weiss, dass er es sich nun erlauben kann ) .... Es gilt, sich auf den beschwerlichen Weg zu machen, hinter den Vorhang zu sehen – hinter seinen eigenen und hinter den der äusseren Systeme.


Die einzige Hoffnung, die ausreichen MUSS, um unter den gebotenen Bedingungen leben zu können:
klare, möglichst autarke Standpunkte und Lebenskonstanten zu entwickeln, die es möglich machen, die Widersprüche zwischen Wünschen und Wirklichkeit aushalten zu können. Eine überschaubare Anzahl von Menschen zu haben, mit denen ich – so gut es geht – maskenlos zusammenleben kann, zu denen ich heim kommen kann, an denen ich mich aufrichten kann, mit denen ich frei sein kann, weil sie auf ihre eigene Art Ähnliches wünschen und probieren. In einer Sphäre zu leben, in der die Angst davor möglichst klein ist, das offiziell geforderte Rollenspiel aufzugeben.



iii

Andorra 2006 ist die erste Landung auf dem neuen künstlerischen Plateau, auf dem ich nun weiter aufbauen kann. Es verbindet eine inhaltliche Analyse, aus der ich klare Aussagen ableitete, mit einer Kompositions- und Klangtechnik, die sich über die Zeit von neun Jahren entwickelte und verdichtete. Die „Zauberberg Trilogie“ wird die Möglichkeit geben, diesen Weg mitgehen zu können. Da liegen die „zerlegten Einzelteile“ ( ebenso in den für mich eminent wichtigen Theaterkompositionen „Memory“ und „Die Frau vom Meer“ ). In den letzten sechs Wochen entstand in Hamburg, so empfinde ich es wenigstens, das erste neue „Gesamtwerk“, in dem alle Details in Präzision, aber ohne Überstrapazierung der einzelnen Teilelemente auf dem gewünschten Punkt liegen.

Sehr wichtig war mir, das Problem der „Wahrnehmung“ ( Max Frisch würde sagen: „die eigene Wachsamkeit“ ) zu einem Hauptthema der musikalischen Konzeption zu machen:

Die Musik klingt „schön“, klingt nach ( und ist auch ) „Kammerflügel“, „vollendet“, „perfekt“,
„makellos“ ...
Doch höre genauer hin ... es offenbaren sich Unzulänglichkeiten, Fehler, Irritationen, es geht nicht wirklich „mit rechten Dingen“ zu ... da „zittert stets das Wasserglas“ (vgl. Tagebuch, Andorra I) ... es kommt auf die Sensibilität des Beteiligten an, was er ( Kraft seiner persönlichen Bedingungen und Möglichkeiten) HÖREN MÖCHTE oder HÖREN KANN... da ist nichts so „natürlich“ und „organisch“ und „wunderbar “ wie es oberflächlich behört den Anschein hatte ... da wird manipuliert: sowohl mit Hilfe der harmonischen Klischees (auf die wir allesamt emotional abgerichtet sind), als auch mit Hilfe der digitalen Technik, die Labor-Künstlichkeit (also profitorientierte Kälte ) als glücklich machende globale Wärme verkauft ... der Blick hinter den Vorhang, hinter die Maske ist von Nöten: hinter die der sauberen, unbescholtenen „Andorraner“ (stellvertretend für unsere unendlich gepriesene westliche Zivilisation als beste aller möglichen Welten) ... der Blick hinter den Vorhang führt dazu, die Risse wahrzunehmen, die Risse, die mit allem Research und Design und PR dieser Welt übertüncht werden, um uns bei der Stange zu halten.

Tünche, die endlich dazu geführt hat, dass die Täuschung ( das Abbild ) als „natürlich“ / „menschlich“ empfunden, das Original ( also das, was den einzelnen Menschen einmal ausgemacht haben könnte ) hingegen auf einer offenen Skala von „nicht repräsentativ“ über „nicht integrierbar“ bis hin zu „ab-artig“ gesellschaftlich abgeschafft wird.



iiii


Was immer die Kritik über diese Inszenierung schreiben wird ( und ich nicht lesen werde... ), die in den nächsten Monaten im Hamburger Schauspielhaus zu erleben sein wird: ich bin stehe mit Überzeugung hinter dem Ergebnis , ich bewundere die Leistungen aller, die an dieser Inszenierung beteiligt waren, ich bin stolz und glücklich, ein Teil davon zu sein. Es war eine ganz eigene Welt en miniature, die wir da miteinander hatten und ich wünsche mir, dass ich im Laufe der nächsten Jahre noch viele davon besuchen kann.


Im Zuge der Hamburger Produktionszeit hatte ich die Möglichkeit und den Anspruch, eine ganze Menge verschiedene Ansätze der Thematik grundsätzlich und ausführlich zu verfolgen. In der Funktion als integrierte Theatermusik hätten viele dieser Spezifikationen weit über die Ziele hinausgeschossen, so dass grosse Teile des komponierten Materials de facto nicht in der Theaterpartitur auftauchen konnten. Umso mehr freue ich mich darauf, nach einem angemessenen zeitlichen Abstand an einem rein musikalischen „Andorra“ auf Tonträger zu arbeiten. Da ich Dank der Zusammenarbeit mit den exzellenten Tonmeistern Shorty und Andre das erste Mal konzeptionell bewusst mit Raumklang gearbeitet habe, kündige ich jetzt schon an, mich eingehend mit einer ausgefeilten Dolby-Surround-Produktion zu beschäftigen. Persönliches Ziel: Fertigstellung Dezember 2006.

P.S: drei Klangbeispiele aus der Theaterpartitur werde ich sehr bald in die „diskografischen Betrachtungen“ stellen.

18.March.2006 12:25:34am [Harald]
ANDORRA III
Mittwoch, 8. März

Nachdem wir auf der richtigen Bühne arbeiten konnten, ist es ein sehr seltsames Gefühl, wieder zurück auf die Probebühne nach Altona zu ziehen. Alles, was wir machen, fühlt sich im A/B – Vergleich nach Schulaulaatmosphäre an. Wir quälen uns über die Runden, nach der grossen Euphorie von letzter Woche. Aber: seit dem Wochenende ist auch die Videokünstlerin an Bord, so dass jetzt alle Komponenten ineinander greifen können. Tina hatte schon letzte Woche zwei der Reihenkompositionen in den Prolog und das 5. Bild gesetzt. Die letzten Tage nutzte ich, um allen Szenen, die „klar“ stehen, den Feinschliff zu geben. Das sind immerhin gut neun von siebzehn Bildern. Am Abend machen wir beide eine Abschlussbesprechung, denn vor dem Sturm, der nächsten Montag beginnen und bis zur Premiere anhalten wird, ist probenfrei. Ich werde also bis Sonntag Nacht Zeit haben, die letzte grosse Liste abzuarbeiten.

I) mit der Regieassistenz einen jedes Detail enthaltenden Ablaufplan des Buchs ( mit allen Zeiten, Cues, Gängen und Positionen der Schauspieler) anfertigen, um nun punktgenau arbeiten zu können ( bis jetzt reichte es ja, ausgewählte Stücke von den CD-Spielern raus und rein zu faden, was für die Proben ja nur gut war, um beim Inszenieren nicht zu festgelegt zu sein. Ab jetzt zählt nicht mehr Pi-mal-Daumen, sondern absolute Exaktheit: noch der kleinste Sound muss zeitlich und räumlich genau da platziert sein, wo er hingehören soll, ohne wenn und aber !!!)
II) Besprechung mit beiden Tonmeistern, um mein Konzept vorzustellen und wir uns gemeinsam darüber Gedanken machen können, wie wir es am besten realisieren. Mögliche technische Probleme abklären, die ich bei der Überspielung der Mixe von mein auf ihr System berücksichtigen muss.
III) Musik für die Bilder komponieren, die ich mir bis ganz zum Schluss aufgehoben habe und die folglich immer noch tonlos laufen...
IV) Aus der Fülle des Materials, von dem irgendwie ( aber leider nur irgendwie ! ) klar ist, dass es eigentlich gut in die Inszenierung passen würde (aber eben noch nicht so, wie es ist ) hieb-und stichfeste Lösungen auf den Punkt bringen.
V) Die Endmixe erstellen. Dafür wiederum ist Vorraussetzung, dass ich eine klare Vorstellung davon entwickle, welche Ebenen der Tonanlage des Schauspielhauses den einzelnen Sounds in den Bildern zugeordnet werden sollen: ich stelle mir einen spannenden, interessanten Aufbau vor, der das Potential der hervorragenden Hausanlage nutzt, dabei aber einer inneren Logik folgt, die klar und in sich geschlossen ist , nicht sinnlos-prahlerisch mit den Möglichkeiten umgeht und vor allem auch eine durchdachte Struktur aufweist, die für die Tonmeister brauchbar ist.


Donnerstag, 9. März


Den Punkt eins realisieren wir zwischen 15.00 Uhr und 19.00 Uhr. Zu jeder Bühnensituation haben wir Diagramme entworfen, mit deren Hilfe das gesamte Geschehen präzise dargestellt ist.
Um 9.00 Morgens begann ich damit, die „Pfarrerbilder“ 2.2 / 8 und 12 komplett neu anzugehen. Endlich fand ich einen Klang, aus dem heraus ich diesen Bildern von meiner Seite eine wirklich überzeugende Färbung, ein Statement, eine Unterstützung geben kann. Das sind immer tolle Momente: seit Wochen habe ich die Bilder im Kopf, habe probiert, aber der wirkliche Funke ist nicht gekommen. Das war alles „nicht schlecht“, aber eben auch nicht genau das, was es in meinen Ohren sein soll – ohne wirklich zu wissen, WIE es denn nun „sein soll“. Das ist wohl grundsätzlich einer der problematischsten Punkte in der Kunst ( wie im anderen leben auch):

.... Balance zwischen Ansprüchen / Wünschen / Ängsten des Scheiterns ..... Geduld haben, auf den richtigen Moment warten können und doch die Spannung aufrecht halten;
mit der inneren Unruhe klar zu kommen, noch tausend ungeklärte Dinge erledigen zu müssen und doch darauf zu vertrauen, dass die Momente kommen werden, in denen sich alles lösen wird;
dabei aber eben trotzdem nicht die anderen vielen Dinge, die ebenfalls getan werden müssen aus den Augen zu verlieren. Sich nicht in Details verbeissen, aber trotzdem nicht mit Halbheiten ( so viel Mühe in sie auch investiert wurden...) zufrieden zu geben, also nachlässig zu werden. Die Ruhe zu haben, nichts künstlich zu verdrängen, mit den Anforderungen leben können, die Widersprüche und den Druck aushalten zu können ... Das schreibt sich so schön und leicht und kann einen zerreissen als Person....


Aber am Morgen war es wieder da: es ist die Resonanz eines dem Pfarrer-Setting zugeordneten h-Akkordes. Ich setze diesen Klang in einer Folge von Ganznoten auf verschiedene Spuren, die dann ab Montag fünf definierten Lautsprechern der Tonanlage zugeordnet werden können. So wird sich die Sequenz im ganzen Saal bewegen können. Ich komme voran. Aber so richtig viel Zeit, mich daran zu erfreuen habe ich nicht. Wenigstens ist Zeit für einen leckeren Salat in der Kanine.


Sonntag, 12. März

Als ich in der Nacht im Schneegestöber vom Theater in die Wohnung taumle, kann ich keinen klaren Gedanken mehr fassen...es reicht gerade noch für eine für eine Tasse Tee und den Gedanken, dass ich jetzt ganz schnell schlafen muss. Aber auch noch schnell den Tagebucheintrag, den ich gestern Nacht geschrieben habe, noch schnell ins Netzt stellen...

Ich habe es geschafft, all das, was ich mir vorgenommen hatte, zum Abschluss zu bringen. Es hätte auch keine Stunde länger mehr dauern dürfen, denn mein Kraftpotential habe ich mehr als ausgeschöpft. Jetzt geht nichts mehr. Es reicht nicht mal mehr für eine kleine Freude über das Erreichte... der letzte Gedanke, den ich vor dem Einschlafen mitnehme, ist schon wieder das Morgen. Die Anspannung, ob die Mixe sich gut überspielen lassen, ob es auf der Saalanlage klingen wird, ob die vier Stunden Einrichtungszeit, die ich den Abteilungen Licht, Bühnenbild und Dramaturgie in harten Verhandlungen abtrotzen konnte, reichen werden, um das gesamte Konzept für den Durchlauf am Abend wenigstens einigermassen fahren zu können und ob das alles dann auch noch mit dem Gesamtwerk funktionieren wird ... ich bin so müde, jetzt, wo ich eigentlich ( wie jeder andere aus dem Team) am allerallermeisten gefordert sein werde: die „Woche der Wahrheit“ beginnt nach dem nächsten Aufwachen !!!!!

13.March.2006 01:37:04am [Harald]
ANDORRA II
Dienstag, 21.Februar

Zurück in Hamburg. Die kleine Zäsur hat mir sehr gut getan und ich setzte mich in guter Stimmung in die S-Bahn nach Altona. Wir proben zum ersten Mal mit Musik. Bild 1. Andri und Barblin werden mit ihren Grundtönen eingeführt, aus denen sich ein magnetisches Klanggeflecht entwickelt. Es scheint, als dass dessen Kraft die Beiden aufeinander zu-bewegen lässt ( „die Fäden“ !!!). Die aus dem „Setting 1“ herausschauende Klaviermelodie wärmt den Dialog der Beiden. Sehr gut - es funktioniert ! Der für mich in meiner Funktion bis jetzt wichtigste Moment in Hamburg: wir erleben, dass Tinas Inszenierung und meine bisher nur im Kopf stattgefundene Klangvorstellung zusammen gehen. Freude und Erleichterung. Mit diesem Gefühl kann ich mich jetzt wieder in mein Musikzimmer begeben und mich an die weitere Entwicklung machen.

„Sommer“, „etwas von Heimatmelodien“, „Idylle und Naivität“ vor dem Hintergrund der Angst ... das ist das Thema der Woche.
Dienstag Abend entstehen die „Reihen“. Ich erarbeite eine Folge von einunddreissig A-Dur Akkorden, die ich vom Flügel am Stück in den Computer spiele. Danach nehme ich für jede Reihenkomposition jeweils drei Akkorde aus dem Material und setze sie miteinander auf verschiedenen Audiospuren in neue Verbindungen. Ich bin fasziniert von den Möglichkeiten, die in dieser scheinbar so strengen und minimalistischen (Aus-)Wahl liegen können. Mit grosser Begeisterung spiele ich bis spät in die Nacht und dann gleich wieder am Mittwoch Morgen bis in den Nachmittag. Es entstehen insgesamt acht dieser „Reihen“. Sie klingen im Zusammenhang wie ein geschlossener Zyklus von Klavierminiaturen, deren klanglicher Reiz darin liegt, dass sie vom Flügel gespielt sind, durch ihre digitale Bearbeitung und Montage jedoch einen ganz eigenen Charakter bekommen. Atmosphärisch gehen sie von „verträumt - kindlich“ über „idyllisch“, „dörflich-pastoral“ zu „Sehnsucht nach Hellem“ , „in der Luft liegende Bedrohung“ und „traurige Gewissheit“.


Mittwoch, 22. Februar

Abends trifft sich die gesamte Crew zum Essen, wir feiern die „Produktionsmitte“ in der Filmhauskneipe. Wir können guter Dinge sein: alle Bilder des Stückes sind mindestens schon angelegt und grundsätzlich durchgeprobt. Die Basis steht, wir können uns Schritt für Schritt an den Feinschliff machen, an die Details gehen.
Meine nächste Aufgabe: Musik für die „Senora“, deren Person im Stück die quasi-ausserirdische Gegenwelt zur (von allen Andorranern betont) so friedlichen, humanen und sauberen Andorra-Idyllen-Enge transportieren soll

Das Tempo Andorras liegt im Bereich von 80 Schlägen. Das Elegante, Weitläufige, Andere könnte demnach in einer weitaus höheren Geschwindikeit daher kommen. Ich sehe mich im Geiste an einem Bahndamm stehen, an dem neben den vielen regionalen Zügen einmal am Tag eine Primadonna in Form eines internationalen Schnellzuges (vgl. „Besuch der alten Dame“) vorbeirauscht ... Ich folge diesem Gefühl und mache mir beim Spielen am Flügel Gedanken über Assoziationen, die wir im Laufe des Stückes über die Senora ( und damit auch über den Lehrer und vor allem Andri) erfahren werden: von der Liebe zum Lehrer vor zwanzig Jahren, von ihrem gemeinsamen Kind, dem nach dem offensichtlichen Scheitern der Beziehung die Legende angedichtet wurde, ein exotisches ( „jüdisches“) Findelkind zu sein, das der progressive Lehrer in seiner unendlichen Menschlichkeit zu sich nahm ...
Noch in der Nacht steht die Skizze.


Donnerstag, 23. Februar

Der seelisch-inhaltliche Charakter steht – jetzt kann ich mich am Morgen an die Aura der Senora-Musik machen; ich kleide also die Person in ihr klangliches ein: sind die Andorraner „gemütliche Leut`“, so muss die Senora extrem „brilliant“ klingen. Liegt im schwülen, aufgeladenen Andorra „ein Gewitter in der Luft“, so brauche ich für sie elegante Kühle. Ist Andorra der überschaubare „Hort des Friedens“, so muss es hier grossräumig tönen.
Zum ersten Mal setze ich nun grosse Hall – und Echogeräte ein. Das Ergebnis befriedigt mich in höchstem Masse: ich höre eine „andere Welt“, die aber gleichzeitig nicht das Konzept sprengt, für die gesamte Andorra-Produktion ausschliesslich Klänge eines einzigen Flügels zu verwenden.

Nachmittags überarbeite ich noch einmal die letzte Woche gemachten und während der Proben auch schon eingesetzten Takes zu den „Soldatenbildern“ 2, 4 und 7. Während der Proben bekam ich das Gefühl, diese ( als einzige der ganzen Partitur) rhythmisch angelegten Variationen noch weiter voranzutreiben, noch zwingender machen zu müssen: bisher kommen die Percussionssounds allesamt aus dem Innenraum des Flügels. Ich gebe mir einen ideologischen Ruck und lege zwei Schlagzeugloops unter den vorhandenen Beat. Ergebnis ist eine spürbare Verdichtung des Höreindrucks ... das Hitzige, das Gewalt-Sinnliche des Dreicks Barblin – Soldat – Andri kommt nun überzeugender zum Tragen.
Also, kleine Anmerkung zum Gesamtkonzept: alle Klänge der Produktion sind mit dem im Musikzimmer stehenden Flügel gemacht worden, mit Ausnahme von zwei Schlagzeugloops ( und einer Rhythmusmaschinenspur, die noch an späterer Stelle auftreten wird...).


Freitag, 24. Februar

Ich gehe die Arbeit der Woche durch, feile hier und da noch ein bisschen an dem Entstandenen Stücken, kreiere noch zwei neue Reihenstücke und kann Tina in der Abendprobe viel Neues auf CD gebrannt in die Hand geben. Glücklich, aber ganz schön ausgepowert freue ich mich auf zwei Erholungstage.


Mittwoch, 1.März

Heute ist wieder einmal ein besonderer Tag des Produktionsgeschehens. Uns steht bis Samstag die Orginalbühne im Schauspielhaus zur Verfügung. Ein Quantensprung, eine andere Welt: die „richtigen“ Bühnenbauten, „richtiges“ Licht, „richtiger“ Sound. Da geht einem das Herz auf !!!


Freitag, 3.März

Um 22.00 Uhr sitzen wir in der Kantine mit leuchtenden Augen. Die beiden letzten Tage haben extrem viel Freude gemacht. Nach szenischen Proben am Donnerstag, gab es am Freitag mit Ausnahme des Schlussbildes zwei Komplettdurchläufe. Einzelne Szenen für sich zu betrachten und im Detail zu formen, ist das ( vorausgesetzte ) Eine; ob sie in der Gesamtheit einen schlüssigen und aufregenden Rhythmus ergeben, ist das Andere. Zu unserer aller Freude liefen die Übergänge überraschend prima. Und noch sind zwei Wochen Zeit !
Meine Ziele für die nächste Woche: alles, was ich bei den Gesamtdurchläufen gesehen, oder von der Regie angemerkt wurde, jetzt präzisieren: das ausgewählte Material, das passt, in den Details perfektionieren; mich andererseits von Dingen endgültig verabschieden, die eher „so lala“ als Halblösungen mitliefen oder rein musikalisch zwar prima sind, aber im Gesamtkontext des Stückes sich als nicht wirklich passend herausstellten. Wie alle anderen in ihren Bereichen kann auch ich mir nun ein klareres Bild davon machen, was summa summarum in der Musik wirklich stimmt. Zudem wird nun auch klar, an welchen speziellen Stellen der Inszenierung die Musik noch einmal richtig angreifen muss !

27.February.2006 09:54:15pm [Harald]
Andorra I
Samstag, 4.Februar 2006

Seit heute bin ich Hamburger auf Zeit. Ich öffne die Fenster meiner Wohnung und strecke meinen Kopf mit geschlossenen Augen heraus aus dem ersten Stock. Vom Klang her Grossstadt, im Schrittempo fahrende Autokolonnen in Einbahnstrassenrichtung von rechts nach links, heftiges Menschengeläuf, laute, meist hektische Stimmen in verschiedenen Sprachen, Absatzgeklapper. Ich versuche tief einzuatmen. Die Luft gibt mir nicht wirklich einen konkreten Anhaltspunkt ... eine Nicht-Luft, die mir in die Nase kommt. Das liegt vielleicht auch an meiner immer noch bestehenden –aber schon deutlich abklingenden – Nasennebenhöhlenentzündung, die meine Ankunft um eine Woche verzögerte.




Sonntag, 5.Februar

Erkundung der Umgebung: ich lebe in St. Georg, also absolut dran am Wesentlichen: 3 Minuten zum Hauptbahnhof und unschlagbare 2 Minuten zum Schauspielhaus. Zur Aussenalster an der „Langen Reihe“ vorbei (die mich, wie ich realisiere mit den Grundnahrungsmitteln versorgen wird ) führt mich mein allererster Spaziergang in 10 Minuten. Vorgenommen habe ich mir etwa ein Viertel des Weges bis hoch zum „Bellevue“ – doch weil`s so schön ist und ich auch noch Kraft habe, mache ich die gesamte Umrundung. Danach bin ich aber echt müde und entspanne für den Rest des Tages. Morgen wird ein harter Tag.


Montag, 6. Februar

Jetzt geht es los. Ich freue mich auf alles, was ich heute erleben werde; habe aber auch eine gehörige Portion Angst: viele neue Menschen, mit denen ich von nun an den Grossteil der nächsten sechs Wochen verbringen werde und komplett neue Lebens- und Arbeitsbedingungen, die ich noch nicht kenne.

Als ich Nachts gegen 23.00 Uhr im Bett liege, bin ich ein erleichterter und glücklicher Mensch. Ich wurde von der Gruppe herzlich und selbstverständlich aufgenommen. Ich erlebte meine erste Probe (Bild 11). Die Arbeitsatmosphäre gefällt mir. Wir sind bis 29. Feb in Altona auf den Probebühnen; erst danach werden wir ins Schauspielhaus umziehen. Den Rückweg nach St. Georg kriegte ich gleich beim ersten Mal problemlos hin, eine Monatskarte hab ich auch schon besorgt. Am späten Nachmittag betrat ich zum ersten Mal den Bühneneingang des Schauspielhauses. Später wird mir mein Musikzimmer gezeigt. Es ist prima: ein Stübchen im 5. Stock mit zwei Fenstern und einem Flügel drin. Hier werde ich also die Musik machen. Ich setzte mich auf die Klavierbank, schloss die Augen, berührte die Tasten ohne sie zu drücken und hörte in mich hinein. Oh ja, hier werde ich mich bestimmt ganz wohl fühlen.




Freitag, 10. Februar

Die letzten Tage habe ich viel zugehört, zusgesehen, nachgefragt und nachgedacht. Ein Ballet von Eindrücken spielt in meinem Kopf, aus dem sich nun meine grundsätzliche Vorstellung von dem musikalischen „Was“ und „Wie“ herausmodelliert.

I :Aus Max Frisch`s Tagebuch „Marion und die Marionetten: „(...) die Menschen, die Marion sah, bewegten sich nicht mehr von innen heraus, wie ihn dünkte, sondern ihre Gebärden hingen an Fäden, ihr ganzes Verhalten, und alle bewegten sich nach dem Zufall, wer an diese Fäden rührte; Marion sah eine Welt von Fäden. Er träumte von Fäden...“
Andorra also ein soziales Gebilde, ein Modell menschlichen Zusammenlebens, deren Personen an Fäden hängen, die sie selbst nicht dirigieren können. Von den „Fäden“ komme ich zu den „Saiten“ des Flügels, den Saiten, an denen die pesonifizierten Töne hängen könnten. 11 Personen repräsentieren Andorra, 12 Töne die musikalische Skala. Die musikalische Skala als zu übertragendes „geschlossenes“ Modell. Der Tonumfang von A nach A wie Andorra: vom Grundton A für Andri aus gehend, werden die harmonischen Verwandschaften den anderen Personen des Stückes zugeordnet: also folglich in der Quinte E für Barblin, Quarte D für Lehrer etc., bis hin zu dem Block der zu Andri und seiner Verwandten disharmonischen Andorraner, die als Gruppe konsequenterweise in ihrem „nicht Schuld haben“ in sich wieder harmonisch klingen (B Geselle, Des Doktor, Es Tischler etc.)

II :Während meiner Aufenthalte in Mexiko war ich mehrere Male Zeuge von Erdbeben verschiedenster Qualitäten. Einmal sass ich in meinem Zimmer am Tisch, als plötzlich das Wasserglas ganz leicht zu zittern begann. Fast unmerklich... ein sanfter Ausschlag, eine minimale Vibration... nur zu merken auf Grund der absolut ruhigen Umstände in denen ich mich gerade befand, also objektiv im Moment der Aufmerksamkeit, der Sensibilität. „Andorra“ stellt auch die Frage, wann das gesellschaftliche Wasserglass zu vibrieren beginnt. Wo ist der (noch fast nicht wahrnehmbare) Ausgangspunkt, an dem etwas in Bewegung kommt, an welcher Stelle zeigen sich die ersten Risse in der sauberen, anscheinend so intakten Systemwelt.
Gesellschaftliche Katastrophen haben immer eine Geschichte, einen Verlauf. Es beginnt ganz leicht, ,unterschwellig-unmerkbar, aber doch zu registrieren - für jeden. Doch scheint das Ereignis zu klein, zu bedeutungslos, als dass es ins Gewicht zu fallen scheint: bitte keine Hysterie – alles in Ordnung –davon geht die Welt nicht unter ! Der Alltag geht schadlos weiter für den „Normalen“, er stellt sich darauf ein, an seiner Lage ändert sich nichts. Je stärker die Vibrationen zunehmen, desto besser scheint der Normale mit den Veränderungen leben zu können... vielleicht springen sogar kleine Vorteile, Vergünstigungen und Freuden für ihn heraus ...hätte er an einem Zeitpunkt X einen harten A/B-Vergleich Vergangenheit-Gegenwart, so würde er sicher staunen. Da der Prozess aber stufenlos-gleitend läuft kommt er nicht ins Staunen oder Zweifeln, sondern lebt synchron: ein manchmal aufkommendes Stutzen, womöglich gar schlechtes Gewissen wird verdrängt. Kollektiv verdrängt und abgespalten, um weiter ruhig leben und schlafen zu können. Die Normalen versichern sich gegenseitig. Am Ende konnte man „das alles nicht vorraussehen“, „war machtlos“, „hat es nicht gewusst“, erst recht „nicht gewollt“ und bedauert die Opfer, die Tragödie ... hatte „keine Schuld“.

III: Vom Individuum Andri spiegelverkehrt heraus gesehen: die Geschichte von einem Menschen, der Wünsche, Träume von der Welt hat, der sein eigenes – weiss Gott nicht wahnsinnig „anderes“ Leben führen möchte, nur halt seines, seines, seines. Wie diese Wünsche vom eigenen Leben und folglich dieser Mensch vom ersten Zittern des Glases an Stück für Stück kaputt gemacht wird, bis dass das Glas endlich vom Tisch herunterfallen muss und seine noch einzig mögliche freie Entscheidung der eigene Tod sein kann.


Montag, 13. Februar

Eigentlich das gesamte Wochenende im Musikzimmer verbracht.

Im ersten Schritt die langwierige Arbeit gemacht, die Flügeltöne einzeln über ein Neumann-Mikrofon aufzunehmen und danach auf dem Harddisksystem zu bearbeiten. Jeder Ton kann nun beispielsweise unendlich lang klingen. So kann ich nun für jede Szene klangliche Personenkonstellationen erstellen. Diese verschiedenen Konstellationen ergeben im Zusammenspiel der Töne spezifische Klangfarben, die ich „Settings“ nenne. Die Personen hängen an ihren Saiten und sorgen im Zusammenagieren für ein bestimmtes szenisches Klanggeflecht.


Dienstag und Mittwoch

Die am Montag erstellten Settings liefern die unterschwelligen Atmosphären auf deren Grundlage ich nun im zweiten Schritt am Flügel kurze Klavierstücke komponiere und einspiele. Sie sollen die sinnlichen Entsprechungen zu den eher abstrakt – kopfmässigen Klangarbeiten werden.


Donnerstag, 16. Februar

Dritter Schritt, zur Umsetzung des Bildes vom leicht zitternden Wasserglas: die sechs aufgenommenen Klavierstücke durchlaufen Variationen: klingt das Original noch tadellos sauber, sind in der ersten Variation fast unmerkliche Knackser, Hüpfer und Drop outs eingebautt, die sich im Verlauf steigern bis hin zur fast unkenntlichen De-konstruktion in der letzten Variation.
Die Ergebnisse sind musikalisch super, doch befürchte ich, dass sie für das Theaterstück nicht geeignet sind: zu dominant...aber als reines musikalisches Thema-mit-Variationen-Konzept nicht zu verachten.

Freitag, 17. Februar

Erste Stunde der Wahrheit: Vorstellung und gemeinsames Hören der musikalischen Ergebnisse mit Tina Lanik (Regie) und Werner Feig (Dramaturgie) und darauf folgende Manöverkritik.

Essenz: „ Die Musik ist manchmal zu klug. Sie weiss schon am Anfang zuviel davon, was sich im Laufe des Stückes entwickeln wird. Orientiere Dich mehr an der Dramaturgie, helfe den Schauspielern mehr auf ihrem Weg, mach es nicht zu schwer, gib uns auch ein Stück Naivität, sei nicht nur Ligeti.“

Im folgenden Berliner Wochenende habe ich Zeit, das Gespräch auf mich wirken zu lassen und vor allem auch mal abzuschalten. Stündchen für Stündchen verlässt die verletzte Eitelkeit ein Stückchen mehr die Bühne und macht Platz für die neuen Ideen ...

25.November.2005 12:28:13pm [Harald]
Über das Verhältnis „Autobiografie“ und „Umwelt“ in der Kunst
Über das Verhältnis „Autobiografie“ und „Umwelt“ in der Kunst


Grundsätzlich jedes künstlerische Werk entsteht aus dem Spannungsverhältnis Person – Umwelt / gesellschaftliche Verhältnisse.
Fakt ist, dass niemand behaupten können wird, etwas „komplett aus sich selbst zu schöpfen“. Lassen wir mal die trivialste aller Intentionen, etwas künstlerisch zu schaffen ( für „den Markt produzieren, um „reich und berühmt“ zu werden ) weg. Dann bleiben unglaublich viele motivische Möglichkeiten übrig. Grundansatz wird sein: „ich habe auf Grund einer Erfahrung X oder einer Situation Y, das Bedürfnis, meine daraus resultierenden Gedanken und Emotionen in eine für mich beschreibbare Form zu überführen und ich will mich mit dem Ergebnis mitteilen.“
„Autobiografisch“ scheint mir folglich jedes „Kunstwerk“ zu sein (selbst das ausschliesslich kommerzielle, denn auch, ja sogar gerade dieses verrät ja einiges über die dafür verantwortliche Persönlichkeit bzw. die Zeit, in der sie lebt und wie sie sich in diesen Umständen verhält...). In der Konsequenz daraus scheint es eher wichtiger zu untersuchen, inwieweit das originär „autobiografische“ Werk für den Hörer, die Hörerin Sinn macht. Da könnte man mit den Stichworten „Identifikation“, „Konfrontation“ , „Aufhorchen“ und „Relevanz“ arbeiten. Ich glaube, dass eine rein subjektive Nabelschau der persönlichen Biografie vom inhaltlichen Qualitätsanspruch an eine Komposition her nicht ausreicht. Sie muss sowohl den Ausführenden als auch den Hörenden langweilen, weil sie zu „durchsichtig“, zu „eindimensional“ ist.
Dagegen macht es Sinn, von einer eigenen Befindlichkeit auszugehen ( denn sie ist der stärkste, weil authentischste kreative Ansatz, der mir zur Verfügung steht ), um in der künstlerischen Auseinandersetzung dann zu einer „aufgehobenen“ objektivierten Aussage zu kommen. Der Reiz und die Kunst besteht darin, in andere Rollen zu schlüpfen, verschiedene Standpunkte auszuloten, dazuzulernen, eine Sache zu drehen und zu wenden, um ihr – im Laufe der Arbeit - NEUE Aspekte abzugewinnen. Ich möchte (als Ausführender) eine komplexe (Micro-)Welt zur Verfügung stellen können , als „Publikum“ habe ich an das Werk eines Künstlers den Wunsch, eine komplexe Welt zu meiner Verfügung gestellt zu bekommen.
„Die Toteninsel“ geht auf meine „autobiografische“ Faszination dem bekannten Gemälde gegenüber zurück. Dieses Bild „tut etwas mit mir“, es versetzt mich in eine schwierig mit Worten beschreibbare Stimmung, es führt mich in eine absolut spezielle Welt. Ich unterstelle, dass es den meisten Menschen, die dieses Bild betrachteten, auf Ihre Art genau so ging, geht und gehen wird. Dabei ist es sicher sehr interessant, die „autobiografischen“ Motive des Malers zu kennen, doch beweist die Tatsache, dass –selbst, wenn ich diese Motive kenne- dies meiner eigenen Vorstellung, die mir das Bild gibt, keinerlei Grenzen setzt. Es ist in meinem Kopf „mein“ Bild und im Kopf des nächsten Betrachters „sein“ Bild. Wenn Kunst das schafft, dann ist es für mich „Kunst“ und nicht nur ein „Kunstprodukt“.
Zu meinem musikalischen Entwurf der „Toteninsel“ kann ich eine Menge sagen und werde demnächst eine Menge inhaltlichen „Stoff“ liefern, doch wird es für den Hörer, die Hörerin vor allem spannend und letztendlich ausschlaggebend sein, ob sie ihr eigenes Erlebnis damit haben werden, ob das, was sie hören, sie inspirieren kann.

09.October.2005 12:51:32pm [Harald]
Andrej Tarkowskij: NOSTALGHIA
Stichpunkte zu einem Film.



Innerer Kampf mit zwei sich widersprechenden, einander ausschliessenden existentiellen Grundbedürfnissen. Ausweglosigkeit, weil Unlösbarkeit. Liebe. Schwermut. Isolation. Handeln. Tot. Sehnsucht. Heimat. Spiritualität. Wahnsinn. Versuch der Orientierung an dem Machbaren, dem „Normalen“ und sein Scheitern. Verzweifelte Suche nach dem Sinn, nach dem eigenen Sein, nach der (Un-)Möglichkeit, es im Ganzen leben zu können. Grenzen, die unüberwindbar sind;
Fragen einer menschlichen Existenz, auf die die Normalwelt, die technokratische Welt keine Antworten hat.


Spiel mit den Symbolen Feuer – Wasser – Erde – Luft.

Feuer:
Zigarette ( Freiheit und Tod) ,
Kerzen ( Wärme, Geborgenheit, Licht & Hoffnung ),

Wasser:
Heilwasser (dampfend, warm),
„heiliges Wasser“ ( Metaphysik) ,
hoffnungsloses Wasser der Regentropfen ( die Dächer („Zivilisation“) halten nicht mehr dicht),
Waschen ( sich reinigen, den Alltagsschmutz abwaschen)

Benzin: ( Technologie, Treibstoff der Zerstörung und der (Auf-)Lösung ) – Synthesestoff aus „Wasser“ und „Feuer“.


Erde:
die Landschaften: Toskana (Farbe, Gegenwart) und Russland (schwarz-weiss, Erinnerung), die immer stärker miteinander korrellieren, sich gegenseitig überlagern, bis sie nicht mehr von einander zu unterscheiden sind.

Luft:
Zigarettenrauch ( der aufsteigt) ,
Wind ( der die Kerzenflamme bedroht)



Obwohl er stark herzkrank ist, raucht er. Er wird sterben. Er ist in der neuen „paradiesischen“ Landschaft der Toskana, doch er denkt an seine Heimat, seine Vergangenheit, die er verlassen hat. Er hat zurück gelassen: seine Frau, seine Kinder, seine Sprache, seine Biografie, seine Aufgabe. Er hat eine existentielle, schmerzvolle Entscheidung umgesetzt, doch er ist nicht „frei“ geworden;
er ist an einem neuen Ort, doch er kann ihn nicht wahr nehmen. Er nimmt die Landschaft nicht wahr, er nimmt die schöne neue Frau nicht wahr, er schreibt keine neuen Gedichte; allein zum „Wahnsinnigen“ gibt es eine Verbindung, ein Mann, der isoliert am Rande des Städtchens lebt.
Der Dichter sagt zum „Wahnsinnigen“: „ich verstehe Deine Tat“.
Der „Wahnsinnige“ hat sich mit seiner Familie sieben Jahre in seinem Haus eingesperrt. Vielleicht, weil er Angst davor hatte, sonst die Familie zwanghaft verlassen zu müssen. Dann hätte er sich vor allem selbst eingesperrt und damit die Familie davor schützen wollen, dass er sie verlässt. Der russische Dichter hat sich nicht eingeschlossen, er ist von seinem Nähesten weg gerannt. Doch er hat sein Dilemma (anscheinend das Gleiche wie das des „Wahnsinnigen“) ebenfalls nicht lösen können, denn in seinen Gedanken ist er an dem Ort, vor dem er flüchtete; er vermisst den Ort, von dem er kam. Der Wahnsinnige überschüttet sich mit Benzin und zündet sich an, löscht seine körperliche Existenz aus.
Der Dichter durchschreitet das Heilwasserbecken mit brennender Kerze, er tut das, was ihm der „Wahnsinnige“ geraten hat.
Er geht hinüber in eine andere Sphäre, er überschreitet die Grenze der „Wirklichkeit der Normalen". Letzte Konsequenz: nur in dieser Sphäre scheint es möglich, das „Unlebbare“ leben zu können, den Widerspruch zwischen sich ausschliessenden existentiellen Wünschen zu vereinen.

Aufbau des letzten Bildes im Film erinnert verblüffend an die Komposition von Böcklins „Toteninsel“.

07.October.2005 02:14:58pm [Harald]
Die Krähen
Vorsichtig,
auf der Hut,
aus der Distanz halten sie
Kontakt,
registrieren sie das Interesse,
das ich ihnen entgegenbringe und sind
ihrerseits an mir interessiert.

Sie sind aufmerksam;
sie beobachten:
ruhig, mit
sehr konzentriertem,
klaren Blick;
sie sehen einen an,
wenn man sie ansieht;

Eine Mischung aus listiger Tollpatschigkeit
(bei den schnellen, hüpfenden Bewegungen) und durchaus
würdevollem Selbstbewusstsein
(beim staksigen, selbstverständlichen Flanieren),
wenn sie ganz selbstverständlich
die Strassen, Gehwege und Parkanlagen
der Menschen wie die Menschen benutzen.

Spatzen sind
quirliger, mutiger,
aber unruhiger.
Tauben sind
grösser an der Zahl, scheinen
„angepasster“, kleingeistiger.
Amseln und Nachtigallen
singen schöner, doch
schenken sie mir
nicht ihre Aufmerksamkeit.

Die Krähen haben
etwas charmant-ganovenhaftes, gleichzeitig
etwas individualistisch-philosophisches,
was sie wiederum von den Elstern unterscheidet,
die mir eher wie organisierte
kriminelle Vereinigungen vorkommen.

Sie bewegen sich „gemessenen Schrittes“,
sie geben sich keine „Blösse“:
nie sehe ich sie balzen,
streiten,
einfach so herumlungern; immer sind sie
konzentriert und engagiert beschäftigt;
sie wissen, was sie tun: wenn sie
Kastanien aus baumhoher Höhe fallen lassen,
wenn sie mich über eine halbe Stunde
konzentriert und geduldig
beobachten, und
genau wissen, nachdem ich mich langsam entferne,
an welche Stelle ich
ein Stück Brot für sie abgelegt habe.

In den Augen der Krähen
spiegelt sich Klugheit.
Ich habe immer das Gefühl, dass
sie mich verstehen, wenn
sie mir ins Auge sehen.
Ich mag sie,


die Krähen.

07.October.2005 12:49:24pm [Harald]
Oktober 2005
I

Dabei lief doch alles wie am Schnürchen.
Da lässt man die rot-grüne-Koalition eine „Neujustierung des Sozialstaats“ nach der anderen durchziehen und freut sich noch hämisch darüber, dass sie zur Strafe eine Landtagswahl nach der anderen verliert. Die „Reform-Koalition“ beteuert auf Knien vor den Wirtschaftsbossen, was sie nicht alles „für die Attraktivität des Standortes Deutschland“ getan hat, bekommt aber zum Dank dafür einen Tritt in den Hintern. Das aus den Zeiten des „kalten Krieges“ stammende „Konsenzmodell“ wird nicht mehr benötigt. All das, was unter Rot-Grün „angestossen“ und „gelockert“ wurde, muss nun endlich komplett umgestossen werden. Die „Wirtschaft“ setzt auf Merkel. Denn das, was Rot-Grün für sie tut, reicht (anscheinend) nicht. Im Gegenteil: die Forderungen werden grösser und grösser. Die Zeit ist reif für „den Wechsel“, Schluss muss sein mit „Halbherzigkeiten“, jetzt muss mit Hilfe von Schwarz-Gelb „durchregiert“ werden. Die Chancen stehen gut, man kann es probieren, herauszufinden, wo die Schmerzgrenze beim Volk liegt. Man fühlt sich sehr sicher.

II

Die Medien unterstützen die Kampagne, in bisher selten erlebter Einheitlichkeit. Noch der kleinste Provinzjournalist ruft aus, was die Chefredaktionen der Leitmedien für beschlossene Sache halten: mehr Flexibilität, Mobilität, Lockerungen, Deregulierung, Privatisierung braucht „das Land“, „brauchen wir“, braucht die Wirtschaft. „Der Wechsel“ wird beschworen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, jeder dieser Schreiberlinge wäre selbst Vorstandsvorsitzender von Daimler-Chrysler, EON oder der Deutschen Bank.
Alle bestätigen sich gegenseitig, haben den gleichen Text: die ( besorgten ) Wirtschaftsführer, die ( unabhängigen ) „Wirtschaftsexperten“, die (freien) Journalisten der (freien) Presse, die (überparteilichen) Demoskopen, die begleitenden Aussagen der (engagierten) Prominenten aus nShow und Sport, die „ehrliche“ Meinung (ausgewählter) „kleiner Leute“: alle wissen, was jetzt passieren muss. Die Siegesparty wird seit Mai schon permanent gefeiert: „ jeder Tag, an den Rot-Grün früher verschwindet, ist ein guter Tag für Deutschland“. „Wechselstimmung“ wird dem Volk bescheinigt – alles läuft in die richtige Richtung – und dann dies:
Das Volk hat anders gewählt als vorhergesagt, als gewünscht. Was ist falsch gelaufen ? Wie konnte das passieren ?

III

Kann es sein, dass das Gros der Wähler den schlechten Atem der Allparteienkoalition stärker gespürt hat, als erwartet ? Kann es sein, dass viele Bürger es als unangenehm durchschaubar empfanden, die übereinstimmenden Interessen der „Elite“ als Ihre eigenen Interessen verkauft zu bekommen ? Kann es sein, dass viele Bürger nicht mehr von der Tatsache überzeugt sind, dass die auf allen Fronten „einhellige“ und gleichzeitig gebetsmühlenartig wiederholten Schlagworte und Slogans der hinreichende Beweis ihrer „Richtigkeit“ sind ? Sind die vorgeschlagenen, immer wieder gehörten Rezepturen wirklich so "alternativlos", nur weil sie der einen ( der stärkeren ) Seite offensichtlich nützen und prinzipiell alle „demokratischen“ Parteien dabei am gleichen Strang ziehen ?

IV

„Schicksalswahl“. „Richtungswahl“... Ein Gleichnis: CDU/CSU/FDP/SPD/GRÜNE kommen eher wie Fahrzeughalter von schweren Benzinkutschen rüber, die sich vor der Tankstelle darüber ereifern, ob es besser ist, bei „Shell“ oder bei „BP“ zu tanken. Da lassen sich wunderbare (Schein-)Diskussionen zum politischen Event stilisieren. Über solche Nichtigkeiten soll das Volk diskutieren. Abgelenkt wird dabei von der wirklich interessanteren Frage: wie wäre es, über den grundsätzlichen Holzweg zu sprechen, weiterhin mit 20-Liter-SUVs herumzukutschieren ?
Hier wird nicht ein ( bisher gemeinsam gegangener ) Weg in Frage gestellt. Es geht ausschliesslich um ein „etwas mehr“ oder „etwas weniger“ innerhalb der von allen akzeptierten Spielregeln.

Hier werden „Schicksalsentscheidungen“ inszeniert, die den Bürgern Entscheidung, Wahl und Souveränität suggerieren, die sie in Wirklichkeit nicht haben, da die „Richtung“ ja „alternativlos“ ist.

V

Jetzt, nach der Wahl ist alles ein bisschen anders als vor der Wahl: „der Wirtschaft“ geht es plötzlich nicht mehr ganz so schlecht, als noch vor drei Wochen, manch einer stellt fest, dass man dem Bürger die „notwendigen Einschnitte“ nicht plausibel genug „erklärt“ hätte.
Besonders gern lese ich jetzt in den Blättern der freien Presse: wie sich die gleichen Journalisten jetzt winden, sie hätten wohl mit Ihrer „Berichterstattung“ etwas „übertrieben“. Wie die von Angebot und Nachfrage lebenden sogenannten „Meinungsforschungsinstitute“ um ihren fast gottähnlichen Status bangen, der nun erstmal weg ist, weil sie gegen Auftrag Zahlen lieferten, die die dafür Zahlenden dann nicht bei der Wahl eingelöst bekamen. Oh, oh ...


VI

Das riecht ein klein bisschen nach SED im Oktober 1989, wo man plötzlich ein Stück zurückweichen musste, signalisieren musste: „wir haben Fehler gemacht“, ohne natürlich den totalen Herrschaftsanspruch in Frage zu stellen. „Wir haben verstanden“, aber auch: „Wir sitzen weiterhin fest im Sattel.“
Könnte es sein, dass die Mehrheit der Bevölkerung den letzten anerzogenen Respekt, die letzte anerzogene Ehrfurcht vor „Experten“, Medien“, „Politikern“ und ihren „Realitäten“ tendenziell verloren haben ?
Was wird passieren, wenn dem so wäre ?

07.September.2005 11:59:49am [Harald]
Blockaden und Freiheit
Ich habe die Freiheit, etwas zu tun. Das Tun erfordert Energie, Esprit, Tatkraft. Wenn nun aber gerade der Antrieb nicht da ist ? Was tun ?
Ich habe gelernt, dass man sich dann über die inneren Widerstände hinweg setzen muss. Deutsche Tugenden. Trotz der Unlust weiter machen sollen. Wenn es aber nicht voran geht, trotz der plausiblen Rezepte aus der psychologischen Hausapotheke ?

Dann kollidiert die Freiheit, etwas zu tun, mit der Freiheit, es gerade nicht zu tun. Was denn jetzt tun ? Loslassen, den Fakt akzeptieren, denn im Hinterkopf ist ja ganz klar, wo die Reise hingehen wird, also ist eine Unterbrechung doch gar nicht so schlimm, ganz im Gegenteil. Doch zeigt sich immer wieder, wie schwer dies umzusetzen ist. In den letzten Wochen wieder mal eher zwischen den Stühlen hängen geblieben: mit schlechtem Gewissen, nicht nach den eigenen Vorgaben zu funktionieren, sehnsüchtig auf den Moment gewartet, endlich wieder "auf Linie" zu sein. Folglich mich erfolgreich vor der Freiheit ausgesperrt , nach meinen aktuellen Bedürfnissen zu leben. Das was ist, so zu nehmen, wie es ist. In der Konsequenz tut man in diesen Zeiten dann effektiv gar nichts mehr. Nicht mal das blanke Nichts-Tun tut man. Das ist dumm.

Man hat selbstgewählt das Taktometer angestellt und kriegt ein Problem, wenn man spürt, an irgendeiner Passage eine andere als die vorgegebene Geschwindigkeit spielen zu wollen (weil es passender wäre), oder spielen zu müssen, weil die Vorgabe gerade unmöglich zu realisieren ist.

Die kleinen Dramen des Alltags.
Jetzt geht`s wieder.
Bis zum nächsten Mal.
Ausserdem ist da die Hoffnung,
es ein Schrittchen lockerer zu nehmen.
Jetzt und später.

02.August.2005 10:03:45pm [Harald]
Ernst Jandl (* 1. August 1925 in Wien; † 9. Juni 2000 in Wien)
liegen, bei dir

ich liege bei dir. deine arme
halten mich. deine arme
halten mehr als ich bin.

deine arme halten, was ich bin
wenn ich bei dir liege und
deine arme mich halten.

(Ernst Jandl, dingfest)



zum glück

seh ich auch nichts, das ich gern sehen möchte,
so seh ich doch, zum glück auf beiden augen
wie eh und je;
und hör ich auch nichts, das ich gern hören möchte,
so hör ich doch, zum glück auf beiden ohren
wie eh und je;
und fühl ich auch nichts, das ich gern fühlen möchte,
so fühl ich doch, zum glück, an allen körperstellen
wie eh und je;
und denk ich auch nichts, das ich gern denken möchte,
so denk ich doch, zum glück, in meinem Kopf
wie eh und je;
und steh ich auch nicht, wo ich gern stehen möchte,
so steh ich doch, zum glück, mit beiden beinen
wie eh und je;
und nehm ich auch nichts, das ich gern nehmen möchte,
so nehm ich doch, zum glück, mit beiden händen
wie eh und je;
und wenn, vor der vergeblichkeit von allem,
mich grauen packt, so bin ich doch, zum glück,
intakt wie eh und je.


(Ernst Jandl, der gelbe hund)


suchen wissen

ich was suchen
ich nicht wissen was suchen
ich nicht wissen wie wissen was suchen
ich suchen wie wissen was suchen

ich wissen was suchen
ich suchen wie wissen was suchen
ich wissen ich suchen wie wissen was suchen
ich was wissen


(Ernst Jandl, die bearbeitung der mütze)



lichtung

manche meinen
lechts und rinks
könne man nicht
velwechsern.
werch ein illtum!


(Ernst Jandl, Laut und Luise)

30.July.2005 02:25:59pm [Harald]
kleine korrektur
es muss natürlich heissen: "Von Dieter Jepsen-Föge (übrigens Chefredakteur des d-radios und NICHT Pressesprecher der CDU oder des BDI)"

30.July.2005 02:21:19pm [Harald]
(Kommentar zum) KOMMENTAR d-radio 30.07.2005, 12:40 Uhr
Schlechte Aussichten (für wen?)


Chancen für Politikwechsel schwinden
(da sollten wir erstmal darüber diskutieren, was „Politikwechsel“ heissen soll. SIE jedenfalls verstehen darunter: „Merkel“ statt „Schröder“ und massen sich an, damit eine allgemein gültige Definition geliefert zu haben...Für mich ist das kein „Wechsel“ sondern Fortsetzung der selben Politik, woraus folgt, dass wir aus unterschiedlichen Sichtweisen zur gleichen Einschätzung kommen...)

Von Dieter Jepsen-Föge
(übrigens Chefredakteur des d-radios und Pressesprecher der CDU oder des BDI)



"Unsere Zukunft und die unserer Kinder stehen auf dem Spiel"
(ein schöner Satz, der aber NICHTS aussagt) - Der Bundespräsident, der so die Auflösung des Bundestages und vorzeitige Neuwahlen begründete, hat leider nicht übertrieben. Keine Bundesregierung ist so dramatisch gescheitert wie die rot-grüne Koalition - trotz richtiger, aber zu später und zu halbherziger Reformversuche.
(aber dann müsste doch „die Regierung“ nur ein bisschen gescheitert sein, wenn die „Reformversuche richtig“ waren – scheitert da möglicherweise nicht etwas viel Grösseres ?).


Es ist wahr, dass es uns noch immer Gold geht im Vergleich zu den meisten anderen Ländern dieser Welt (wow!). Aber es ist leider auch wahr, dass die Substanz geschmolzen ist, das aufgezehrt wurde und wird, was in früheren Jahren erarbeitet worden ist
(bitte genauer: WAS „wurde“ eigentlich „erarbeitet“ ??? Und für WEN, von WEM ???)
Das Polster ist weg, wir leben auf Pump
( richtig: mit der „gemässigten“ Spielart des Kapitalimus ist Schluss...) .
Die Schuldenlast ist eine Hypothek für die Jüngeren und die nachfolgenden Generationen. Politik nach der Divise: Nach uns die Sintflut( die Devise der grossen „global players“).

Für diese Bilanz mit Rekorden bei Arbeitslosigkeit und Verschuldung und gleichzeitiger Wachstumsschwäche selbst bei boomender Weltkonjunktur (wie sieht`s dann erst aus, wenn die „Weltkonjunktur nicht mehr boomt?“ und wer hat von diesem „Boom“ eigentlich etwas...) haben die in Berlin regierenden Parteien die Quittungen bei Landtagswahlen erhalten.
( denn die Kapitalisten und wirklich Herrschenden kann man ja nicht wählen!).
Aber bereits kurz nach dem Start in den Bundestags-Wahlkampf, noch zu einer Zeit, da niemand weiß, ob wir wirklich am 18. September an die Wahlurnen gehen dürfen, erscheint fraglich, ob der Politikwechsel, der nötig ist auch möglich wird. Sozialdemokraten und Grüne dementieren ihre eigene Reformpolitik und rücken nach links(ist das so ?). Bundeskanzler Gerhard Schröder ist für die SPD unverzichtbar, weil er sich besser als andere in den Medien darzustellen weiß. Den Kurs der SPD bestimmen andere. Er hat ja tatsächlich nicht mehr das Vertrauen seiner eigenen Genossen. Die SPD führt einen Wahlkampf, als hätte nicht sie das Land in den vergangenen Jahren regiert, sondern die schwarz-gelbe Koalition unter Helmut Kohl und der Ministerin Angela Merkel.

Diese Strategie wird nicht der SPD zum Wahlsieg verhelfen und ganz gewiss nicht die Regierungszeit des Kanzlers Gerhard Schröder verlängern. Aber die Diffamierung (wer hier gerne diffamiert, wird noch an anderen Stellen dieses „Kommentars“ zu zeigen sein...) der bürgerlichen Opposition zeigt Wirkung
( auch bei Ihnen, oder? Sonst wäre ja Ihr „Kommentar“ nicht entstanden...). Sie stärkt jene, die sich als die wirkliche Alternative verstehen, die als "Linkspartei" umbenannte kommunistische („ein Gespenst geht um“) PDS (bitte auch noch :“SED - Nachfolgepartei“...?).
Konsequenter als es die SPD kann und will, sammelt sie Protest und schürt hemmungslos Populismus. (Diffamierung 1: also jeder, der es wagt, den Pfad des allgegenwärtigen Konsenses zu verlassen, „schürt“ also „hemmungslos“ „Populismus“. Wie sieht eigentlich „gehemmter Populismus“ aus?).
Welch eine Allianz mit den frustrierten (unterstellende Diffamierung) ehemaligen linken Sozialdemokraten aus den alten Bundesländern! Als Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten wurde Oskar Lafontaine gerade in Ostdeutschland nicht gewählt, weil die Menschen spürten, dass ihm die deutsche Einheit keine Herzensangelegenheit war.
(glatte historische Lüge: Lafontaine erfüllte 1990 den DDR-Bürgern nur nicht die heissersehnte Illusion der „blühenden-Landschaften-Lüge“.“Populismus“ betrieben hingegen die „Wahl-Sieger“).
Heute soll ihm die Partei, von der sich vor 15 Jahren die Menschen befreit haben, helfen, in den Bundestag zurückzukehren. Für die PDS wiederum sind Lafontaine und andere nützliche Idioten, die dieser Partei helfen, endlich auch im Westen Fuß zu fassen. Welche Ironie der Geschichte!
(ja, welche Ironie der Geschichte, ohne den Feind von damals wieder in das Vokabular des kalten Krieges zurück zu fallen. Das beweist, wie gross die Rechtfertigungs-Probleme der medialen Helfershelfer des herrschenden Kapitals heute sein müssen !!!)

Gerade weil die umbenannte PDS gar keine Regierungsverantwortung anstrebt, kann sie umso ungehemmter Unverantwortliches fordern. Die Menschen in Not sind verführbar.
(es kommt natürlich immer darauf an, wer sie „verführen“ möchte, gell? Wenn Sie das mit ihren Mitteln in ihrem Rundfunk machen ist es o.k, oder?)
"Mehr Geld, weniger Arbeit. Die Rechnung bezahlen die Reichen!" Offenbar mögen viele Menschen an dieses Rezept glauben.
(offenbar mögen noch viel, viel mehr Menschen immer noch an das Rezept glauben: „hat endlich „die Wirtschaft“ die „Freiheit, die sie braucht“, dann „kommt die Konjunktur wieder in Fahrt“ und dann gibt`s wieder „Jobs, Jobs, Jobs “ .... jetzt in Indien, China, in 5 Jahren in Kirgisien und danach in Afrika...)
In Ostdeutschland jedenfalls ist die PDS stärkste Partei. Daran ändert auch nicht die Aussicht, von einer Ostdeutschen, von Angela Merkel, regiert zu werden. Im Gegenteil: In den Ländern der ehemaligen DDR ist Angela Merkel deutlich weniger populär als in der alten Bundesrepublik (woran das wohl liegt...). Sollte Angela Merkel Kanzlerin werden, dann nicht wegen sondern trotz der Stimmung in Ostdeutschland (da haben Sie recht!).

Von Woche zu Woche verschlechtern sich die Aussichten, dass die rot-grüne durch eine christlich-liberale Koalition abgelöst wird.
(wie furchtbar ! Was kann man denn da machen ?)
Gerade noch einen Prozentpunkt liegen Union und FDP in der neuesten Umfrage der ARD vor SPD, Grüne und der Linkspartei. Von Woche zu Woche schwinden damit auch die Möglichkeiten für einen Politikwechsel.
(wie oft denn noch?)
Sollte der gegenwärtige Trend unserer Stimmungsdemokratie (ist es denn sonst nicht immer „unsere freiheitliche Demokratie“?) anhalten, könnte eine Koalition von Parteien erzwungen werden, die heute erklären, nicht miteinander regieren zu wollen. Sozialdemokraten und Grüne dürfen nach menschlichem Ermessen
(grosse Worte...gibt es ein „unmenschliches“Ermessen ?)
auf kein "weiter so" hoffen. Ihre Führungen erklären heute, ein Bündnis mit der Linkspartei käme nicht infrage. So wie auch diese eine Regierungsbeteiligung ablehnt. Doch die Erfahrungen in den Ländern zeigen, dass Sozialdemokraten nach der Wahl ihre Meinung ändern können. Das Land Berlin, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern stehen für unterschiedliche Bündnisse zwischen SPD und PDS.

Da mag dann eine große Koalition von Union und SPD noch als das kleinere Übel erscheinen. Sie wird von beiden nicht angestrebt, würde aber auch nicht ausgeschlossen werden. Während ein linkes Regierungsbündnis die Krise zur Katastrophe steigern würde
( „Diffamierung und die Frage: Katastrophe für wen? Für die, die jetzt schon aussichtslos arbeitslos sind?),
böte eine große Koalition jedenfalls die Chance für die Durchsetzung von Reformen (zum Thema „Populismus“: ein wunderbares Wort! Wir sprechen doch eher von Rücknahmen, also „Konterreformen“...) auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Gefahren (!!!) wären allerdings größer als bei dem Vorbild, der Koalition von Kiesinger und Brandt vor 39 Jahren. Damals entstanden eine außerparlamentarische Opposition auf der Linken und ein kurzfristiger Zulauf zur NPD auf der rechten Seite. Heute ist eine viel größere Radikalisierung und Stärkung der Extremen zu befürchten.
(Im Ernst: „grössere Radikalisierung“ wegen einer grossen Koalition, oder nicht eher, weil sich mehr und mehr Menschen auf der Welt nicht mehr von den gebetsmühlenartig wiederholten neoliberalen Phrasen verarschen lassen wollen?)

Wie hatte der Bundespräsident gesagt? : "Unsere Zukunft und die unserer Kinder stehen auf dem Spiel". Zu viele Bürger sind offenbar bereit, ihre Zukunft Spielern und Demagogen zu überlassen.

(Vollkommen Richtig, Herr Chefredakteur: zu viele Bürger sind offenbar IMMER NOCH bereit, ihre Zukunft Spielern und Demagogen, Handlangern, Profiteuren und Gestaltenden der herrschenden Klassen zu überlassen.)

30.July.2005 11:47:11am [Harald]
Vier neue Werke von Peter Kuhlmann
I



Ich war gerade dabei, meine Steuerunterlagen 2004 zu ordnen: die gesamte Wohnung ist mit etwa 180 verschiedenen Papierhäufchen zugepflastert, als hätte die berühmte „Bombe eingeschlagen“. Da kommt das Päckchen von Peter Kuhlmann mit den vier neuesten Produktionen seines Fax – Labels an. Nichts schneller jetzt tun, als sich zum CD-Player durchzuschlagen und gespannt zuzuhören...

II

Koolfang III – „be aware“

Elegant, lässig, luftig und locker läuft, fliesst, pluckert alles. Aber nicht im Sinne von „schludrighalbcoolrelaxed“, sondern präzise, überlegt, klar und (trotzdem) sinnlich... Und wenn`s ganz besonders rund läuft muss ich grinsen ( in meinem Chaos-Verhau ). Und aus dem grinsen wird ein lachendes strahlen bei stück vier. Dramaturgischer Aufbau der CD prima. Sowohl in den kleinen, als auch den grossen rhythmischen Bögen ist immer wieder zeit zum Luft holen, habe nie das Gefühl, irgendetwas müsste anders gemacht sein. Sehr angenehm, Jungs !

Ich sehe vor mir zwei begabte Männer im Studio, die sich gut kennen und ihre grossen Talente teamfähig machen, sich auf einem gemeinsamen Nenner treffen, der ihnen beiden Spass macht. Also macht`s auch dem hörer spass ! Da lass ich mich gern vom schwül-heissen Berliner Sommer in die luftigen Kanaren-Strand-Abendspaziergänge führen...und dass der Herr Kuhlmann gerne mal die Conferance übernimmt und sogar singt, wusste ich bis dato auch noch nicht. Gefällt mir !



III


Move D & Pete Namlook – „VIII ( the art of love )“

wieder die Herren David Moufang und Peter Kuhlmann, hier mit milesdavisjazz-dub-acid-ambient-klang-liegenschaften. Diesmal sinisterer: „aufgeklärte psychodelische musik“. Erster Höhepunkt: Stück drei, ein keines Klanghörspiel, fesselnd und mit vielen phantastischen, weil nicht vorhersehbaren Wendungen versehen. Grossartige Organisation und Komposition der Klänge! Masterpiece: das 24-minütige Schlussstück. eine karge Landschaft baut sich auf und bereitet die Bühne für einen eindruckvollen Saxophon-Diskurs solo. Dann beginnt es sich langsam zu bewegen ... careful with that axe – floydianisch, aber nicht live-in-pompej 1972, sondern heute vor der Fassade eines Frankfurter Glasbankenhochhauses.



IV


The dark side of the moog – „X“

Zeitreisen durch die Welt der elektronischen Klangerzeuger und Klangkompositionsstile – das ist für mich das übergeordnete Thema von „the dark side of the moog“. Immer gespickt mit augenzwinkernden Hinweisen, Anspielungen und kleinen Witzchen. Komponierte Historiologie, spannend, unterhaltsam und lehrreich.

Unglaublich, das ist schon der zehnte Teil dieser fruchtbaren Schulze-Kuhlmann-Kollaboration ( ich besitze, glaub ich, fünf davon...).
Zwei der besten Köpfe der Elektronik-Generation 1.O (1970-1979) und 2.0 (1990-1995) machen ihr gemeinsames Forschungslabor wieder auf. Wir hören sechs Versuchsreihen, die ich in zwei Einheiten unterteilen würde. Stichpunkte während des Hörens:

I : Ausgangsanordnung. Brechung von Klangspektren, so wie das Lionel Feininger in den zwanzigern mit Farbe auf Leinwand untersucht hat.
II : silbriges, stählernes kommt hinzu.
III: eine Bassline mit Groove komplettiert das untere Spektrum und löst sich in einer impessionistische Klavierfigur auf. Schluss der ersten Einheit.

IV : elektronik-klassizistische sequenzer-arpeggios der „Berliner Schule“ leiten die zweite Einheit ein, die sich mit einem „Schulze-Largo“ fortsetzt, in dem später wieder die Arpeggios auftauchen, um dann gemeinsam in einer „Forbidden Planet“-Klanglandschaft der Elektronik-Generation 0.2 ( 1950-1957) aufzugehen.
V :enoesque realisation des Kuhlmannschen „Travelling without moving“-Klangbildes, wird in VI mit schweren Schwarze-Messen-Streichern und einem obligatorischen 70ger-Solo angereichert und geht -paradox zur bisherigen epischen Weite- sehr abrupt zu Ende – eine Art Alternativ Soundtrack zu Kubriks „eyes wide shut“.



V


Pete Namlook & New Composers – „Russian Spring 1-13“


1996 lernte ich St. Petersburg Valerij von den „New Composers“ kennen.
Letztens überlegte ich noch, was er denn jetzt so mache und hätte dabei nur Peter fragen brauchen, der die wunderbare Gabe, Offenheit und Neugierde hat, mit vielen grossartigen Künstlern zusammen zu arbeiten, so auch mit den „New Composers“.
Also sparte ich mir diese CD für den Schluss auf , was dramaturgisch gesehen intuitiv richtig war: von den vier Vorliegenden ist sie für mich die MAXIMA PRIMA INTER PARES.


„Russian Spring“ beginnt mit Kraftwerk während der Schneeschmelze. Die Tage wachen auf. Die Menschen lehnen sich an die Mauern der Peter-Paul-Festung und geniessen die ersten wärmenden Sonnenstrahlen nach dem kalten, langen Winter. Die Neva entfrostet sich. Es wird wärmer. Neue Blende: die Vögel und der Strand. Danach „Solaris“: die russische Erde in einer persönlichen Schärfe-Relation. Ich kann jedem einzelnen Saitenschlag der Gitarre lauschen, verliere nie den Bezugspunkt zu seiner klanglichen Umgebung, freue mich jetzt schon darauf, die selbe Stelle beim nächsten Mal von einem anders positionierten Hörpunkt aus zu erleben. Irdische Raumfahrt am Korrelationspunkt zwischen innerer und äusserer Welt. Utopischer Realismus. Die Energie des Frühlings ist die Energie der Auferstehung, des Wachsens, des neuen Lebens. In Teil 10 siegt die Sonne endgültig über die Kälte. Das Leben hebt ab, sanft, schön mit Zeit. Der Schluss (11-13) ist Epilog, Reflektion, hält mich im Zustand der Freude über den sich immer wieder neu vollziehenden Rhythmus der Jahreszeiten.



Eine wunderbare CD. Wer kennt Andrej Tarkowskij, Stanislaw Lem, Michail Bulgakow ? PK&NC scheinen sie zu kennen. Hier arbeiten Leute an der gleichen Idee von Musik, wie der, der hier gerade schreibt; Musik als Klangspiel, Hörspiel, Hörliteratur, Hörfilm, Bewusstseinskaleidoskop. Dankeschön !



VI

Links zu den Künstlern:

Peter Kuhlmann/Pete Namlook: www.namlook.de
www.2350.org

David Moufang: www.source-records.com

Klaus Schulze: www.klaus-schulze.com

New Composers: www.e-kozlov/events/NewComposers.htm

10.July.2005 09:35:01pm [Harald]
"Kunst" und "Freiheit"
Typus X, Typus Y: zwei Auffassungen zu „Kunst“ und „Freiheit“– Bad Saarow, 25.Juni 2005

I

X und Y sehen sich nach langer Zeit wieder. Sie kennen sich seit fünfzehn Jahren, begegnen sich stets mit Sympathie , Respekt und Interesse für Lebensweg und Lebenswerk des Anderen. Es entsteht ein angeregter Meinungsaustausch über ihr jeweiliges Selbstverständnis als „Künstler“:

II

Typus X sieht es als wichtigstes Kriterium an, sich immer neu und unvoreingenommen offen mit dem Zeitgeist zu beschäftigen, neue Tendenzen in die eigene Persönlichkeit aufzunehmen, sich davon kreativ inspirieren zu lassen, es in das eigene Werk einfliessen zu lassen, auf dem „Stand der Zeit“ zu sein. Er hinterfragt kritisch den Begriff „Künstler“, hält ihn in der heutigen Zeit für problematisch, vermutet dahinter eine Arroganz, ein selbstgefälliges, sich „über-die-Dinge und Andere-Stellen-Wollen“, erkennt eine kaschierte Feigheit und elitäre Starrheit bei so genannten „Kulturschaffenden“. Er sieht „KUNST“ als überkommenen, demaskierten Mythos; wählt - rationaler- die möglichst gut zu schaffende „FUNKTION“ einer kreativen Arbeit als Ausgangsbegriff. Für ihn zählt mehr das „Angebot“, der Beitrag in den lebendigen Wirklichkeitsprozess. Die „Forderung“, den „Ernst“, „die Authenzität“ eines „Künstlers“ beäugt er skeptisch, hinter dem „sich als- Künstler- Fühlen“ verberge sich oft ein prätenziöses, selbstgefälliges Statusdenken.

III

Y hingegen, unterstellt dem Funktionsbegriff das Ziel „funktionieren“ zu wollen. Hinter „Funktionieren“ und „offen sein für aktuelle Tendenzen“ sieht er –klug und politisch korrekt verpackt- die Akzeptanz der Marktgesetze, die freiwillige Aufgabe der „künstlerischen Subjektivität“ hin zu einer Funktion als Bereitsteller kreativer Waren für den Unterhaltungsmarkt.
Die „Offenheit für Aktuelles“ ist daher weniger eine inhaltliche, kritische Auseinandersetzung mit der Welt, sondern diene eher der „Markt-Beobachtung“, wäre damit Kompass und Vorgabe für das eigene Schaffen.
In einem Akt einer kreativen Selbstzensur ständen bei der Schaffung eines Werkes dann nicht mehr persönliche Fragen, also Inhalte im Vordergrund, sondern eher Stil, Verpackung, Form. „Eigenständigkeit“ wäre dann eher Ornament, ein „Logo“, um unter dem vielen Ähnlichen der eigenen Konfektion zu besseren Marktchancen hinsichtlich der Konkurrenz zu verhelfen. Die vorhandene Intelligenz, Sensibilität, Kreativität und Energie würde folglich vor allem dazu verwendet, das eigene Schaffen in den Grenzen des „Verkaufbaren“ und „politisch Vertretbaren“ zu positionieren.


IV

Für X dagegen ist es nach dieser These nicht weit zum „Geniebegriff“, zur Überhöhung von Ideen und Personen, zur Einteilung in „gut und schlecht“, „über und unter“, „berechtigt und unberechtigt“. In einer demokratischen Gesellschaft wären diese Kategorien redundant, von „Kunst/Können“ über „Genie/Übermensch“ wäre es nicht weit zu zu elitär-faschistischen Tendenzen.

Doch gerade dieses politisch korrekte, „antifaschistische“ Denken, klingt für Y nur auf den ersten Blick besehen klug durchdacht: im zweiten Blick ist es seiner Meinung nach das klassische Totschlagargument der Gegenwart: es „reguliert“ und desavouiert jegliche Kritik an einem „demokratischem“ System. Gründlich betrachtet, beweise es eher dessen Totalität in „fortschrittlicherer, moderner Form“, es zeige, wie seine Bewohner das „Richtige“, das von den Eliten „Gewollte“ denken und tun- ohne dabei offensichtliche physische und psychische Repression. Wie sie in der Illusion lebten, aus freien Stücken zu handeln, ohne zu bemerken, wie genormt, gleichförmig und systembejahend sie agierten, wie pluralistisch-reguliert sie -auch- im kreativen Bereich ihr Sein den (Markt-)Gesetzen unterwürfen. „Pluralismus“ fände ausschliesslich innerhalb der Grenzen des „Zugelassenen“ statt.

V

X entgegnet, dass er sich vollkommen „frei“ in der Ausübung seiner kreativen Tätigkeiten fühle. Niemand würde niemanden verbieten, zu machen, was er denn machen wollte. Letztendlich würde gerade in der Kunst das Publikum entscheiden, was es sehen und hören wollte. Y`s Argumentation erscheine ihm deshalb respektlos, neige zu Arroganz und scheine ihm der Gestalt wehleidig, dass es das eigene Werk schon im Vornherein vor Misserfolg in Schutz nähme, ja die mögliche öffentliche Ablehnung gar zum Qualitätsbeweis hochstilisiere.

VI

Y stellt darauf hin X`s Freiheitsbegriff in Frage: „Frei und unabhängig werden sich immer diejenigen fühlen, die gegen ein System nichts einzuwenden haben, die „erfolgreich“ in und mit den bestehenden Strukturen leben, die ja, da sie auf Marktgesetzen aufgebaut sind, dazu zwingen, eben diese zu akzeptieren.“ Er fragt sich, was die Menschen, die ständig so stolz ihre Freiheit in ihrem System bestätigten, denn mit dieser Freiheit – beispielsweise in künstlerischen Dingen – anfingen.
Wer könne es sich denn leisten, Wohlstand, Frau und Kinder zu haben UND gleichzeitig eine freie Meinung – nicht nur in Nebensächlichkeiten? Dazu brauche es Geld, so viel Geld, dass einer keine Aufträge brauche und keine Kunden und kein Wohlwollen der Gesellschaft. Wer aber so viel Geld beisammen habe, dass er sich wirklich eine freie Meinung leisten könnte, ist ohnehin mit den herrschenden Verhältnissen meistens einverstanden.

Letztendlich gäbe es maximal unterschiedliche Grade der Konformität, oder anders ausgedrückt, unterschiedliche Grade der „Unfreiheit“ zwischen denen man persönlich wählen könne.

05.July.2005 10:51:57pm [Harald]
Heute regnet es Blasen
Heute regnet es Blasen. Dicker, schwerer Regen. Es ist zehn Grad kühler als Gestern.
Die Bäume, die Wiesen und die Blumen freuen sich. Ich mich auch. War ein wunderschöner Tag heute. Schönstes vom Besten erlebt, durchweg, über den ganzen Tag.


*

Audiofile Perlen der letzten Tage: die gerade herausgekommene Emerson, Lake & Palmer – DVD „Beyond the Beginning“, Heiner Goebbels` Hörspiel „Roman Dogs“ Debussy`s „Peludes“ gespielt von Barenboim und „Spaceman 85“ – Hörspiel des Monats Juli– von Ammer/Console.


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Immer wieder ein Genuss: Lion Feuchtwanger. Erinnere mich an das Wochenend-Geschwafel von Politiki (angekündigt als bekannter Autor des Bestsellers „Weiberroman“...), wonach „Literatur nicht politisch sein dürfe“, weil da nur „unerträgliches Gutmenschengeschreibsel“ dabei herauskäme. (Übrigens stand das Gespräch unter dem Motto: „Sollen Schriftsteller über die Erhöhung der Mehrwertsteuer schreiben ?“. Ich glaub`s nicht !!). Feuchtwanger schreibt hinreissend und hätte sich niemals auch nur ein Sekündchen damit aufgehalten, ob man „politisch“ schreiben solle oder nicht.


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Vor einem Jahr: vor allem die Arbeit mit Christopher an „Mare Stellaris“. Ich höre sie, während ich schreibe, jetzt. Alle Momente, Stimmungen, Gefühle, Wünsche, also der damalige persönliche Zustand wieder da. Wie eingeschaltet.


*

Es ist schön, sie nach einer langen Zeit wieder zu hören, habe durchweg ein gutes, entspanntes Gefühl und erfreue mich richtig an einigen Passagen, die so sind, wie wir beide vorher noch nie geklungen haben. Das macht sehr viel Vorfreude auf den Herbst, wo wieder zusammen loslegen wollen.

29.June.2005 04:24:09pm [Harald]
Bitte unbedingt lesen...
Gerade, während des Mittagessens traute ich meinen Ohren nicht, was da aus dem Deutschlandradiokultur um 12:50 Uhr tropfte: ein „politisches Feuilleton“, das ich in seiner erbärmlichen Dreistigkeit dermassen widerlich fand, dass ich es mir postwendend aus dem Internet herunterladen musste, um Stellung zu beziehen.

Bitte dieses Machwerk unbedingt lesen: zeigt es sehr eindeutig, wo der Wind weht, wie heute „journalistische Arbeit“ aussieht, was „sendefähig“ ist, wie unfassbar schamlos-schlecht Quellen-und Geschichtsverfälschung gemacht wird. Von sogenannten „Eliten“ für das Volk.

Hier der Text in Reinform, danach nocheinmal mit einigen Kommentaren von mir versehen.



Unser Wolkenkuckucksheim

Die eingebildeten Besitzstände

Von Alan Posener (dradio-kultur,29.6.05, 12:50)

Was regt uns neben der Millionärssteuer noch auf? Ach ja, die Mehrwertsteuer. Und die Frage, wie es der Kanzler schafft, aus dem Amt zu kommen, ohne die Verfassung allzu sehr zu beschädigen. Unsere Sorgen müssten wir haben, meint Alan Posener, Kommentarchef bei der "Welt am Sonntag".


Nach Jahrhunderten der Abgeschlossenheit musste sich China im 19. Jahrhundert dem Westen öffnen. In Brüssel jubelte ein junger deutscher Revolutionär:

"Die Bourgeoise reißt auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen…"

So weit Karl Marx. Freilich zögerte China, sich die Produktionsweise und die Zivilisation des Westens anzueignen; und China ging zugrunde.

Aus Krieg, Bürgerkrieg, Chaos und Diktatur ist China aber am Ende des 20. Jahrhunderts wieder aufgetaucht. Es hat seine Lektion gelernt. Es produziert nun selbst wohlfeile Waren: T-Shirts und Schuhe, Autos und Öltanker, Computer und Handys. Und in Brüssel jubelt niemand. Denn ein Gespenst geht um in Europa, und das Gespenst heißt Globalisierung. Sein Gesicht ist chinesisch, japanisch, koreanisch, indisch. Darin liest Europa so wenig Mitleid wie es damals die Asiaten in den Gesichtern der Langnasen lasen. Nun sind wir dran.

Pusten wir den Staub von unserem Exemplar des Kommunistischen Manifests. Da hieß es doch … ja, richtig:

"Die Bourgeoisie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet…"

So ist es. Die Handy-Sparte von Siemens lässt als neuestes Beispiel grüßen. Handys stellen wir nicht mehr her. Morgen könnte die deutsche Autobranche dran sein. Und hören wir genau hin: Wer bedauert das? Die Reaktionäre, sagt Marx, und er hat Recht. Die Apostel der Abgeschiedenheit. Damals die Mandarine hinter ihrer Mauer, die Samurai in ihrer Rüstung. Heute die Chirac und Schröder, die hinter einer europäischen Mauer Subventionen und Sozialmodelle verteidigen wollen, die wir uns schon jetzt nicht mehr leisten können. Die Müntefering und Lafontaine mit ihrer widerlichen Hetze gegen Heuschrecken und Fremdarbeiter, die gesunde deutsche Betriebe kahl fressen und deutschen Familienvätern die Arbeit wegnehmen. Die traurigen Ritter des Abendlandes, die aus Europa lieber einen christlichen Verein alter Männer machen wollen, als es zu öffnen für jene, die noch nicht satt und müde und melancholisch sind.

Wir wissen doch alle im tiefsten Winkel unseres Herzens, wie wir leben werden, wie wir leben müssen, wenn wir nicht untergehen wollen. Wir wissen, dass wir zwei bis drei Jobs brauchen werden, um über die Runden zu kommen; dass wir bereit sein müssen, jederzeit den Beruf, den Wohnort, das Land, die Sprache zu wechseln; dass wir privat für Krankheit und Alter vorsorgen, aus eigener Tasche für gute Schulen und Universitäten bezahlen müssen; dass wir ebenso wie unser Land kosmopolitisch und multikulturell werden müssen; dass wir, mit einem Wort, in Deutschland amerikanische Zustände bekommen werden - wenn wir Glück haben. Sonst bekommen wir chinesische. Nicht die von heute. Die des 20. Jahrhunderts.

Von diesem Wissen allerdings ist im jetzt beginnenden Wahlkampf nichts zu spüren. Die SPD und die Grünen haben einen neuen alten Feind entdeckt und wollen ihn besteuern: Den Millionär. Die Union hat einen neuen alten Feind entdeckt und will ihn raushalten: Den Ausländer. Jeder weiß, dass durch eine Millionärssteuer nicht eine einzige Arbeitsstelle geschaffen wird. Die Luxus-Appartements in Dubai warten schon auf die Steuerflüchtlinge. Jeder weiß, dass durch eine Politik der geschlossenen Tür nicht einmal ein Tausendstelprozent Wachstum geschaffen wird. Die Briten aber nehmen die polnischen Klempner, die ungarischen Ärzte, die indischen Filmer und die chinesischen Computerexperten und schaffen mit ihnen Wohlstand. Für Deutschland bleiben die Sozialfälle.

Was regt uns aber neben der Millionärssteuer und der Zuwanderung noch auf? Ach ja, die Mehrwertsteuer. Und die Frage, wie es der Kanzler schafft, aus dem Kanzleramt zu kommen, ohne die Verfassung allzu sehr zu beschädigen. Unsere Sorgen müssten wir haben.
Wer genau hinhört, vernimmt ein Lied in der Luft. Es ist ein altes Lied, aber es wird von neuen Stimmen gesungen. Ein Freund von Karl Marx hat es für die schlesischen Weber an ihren Handwebstühlen gedichtet, nun ertönt Heinrich Heines Lied im Takt der neuen Maschinen in Schanghai und Guangdou:

"Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch. Wir weben. Wir weben."


Alan Posener ist Journalist und Autor. 1949 in London geboren, aufgewachsen in London, Kuala Lumpur und Berlin, studierte Germanistik und Anglistik an der FU Berlin und der Ruhr-Universität Bochum. Er arbeitete anschließend im Schuldienst, dann als freier Autor und Übersetzer. Von 1999 bis 2004 war er Mitarbeiter der "Welt", zunächst als Autor, dann als Redakteur. Seit März 2004 ist er Kommentarchef der "Welt am Sonntag". Posener publizierte neben Schullektüren u.a. Rowohlt-Monographien über John Lennon, John F. Kennedy, Elvis Presley, William Shakespeare und Franklin D. Roosevelt, die "Duographie" Roosevelt-Stalin und den "Paare"-Band über John und Jacqueline Kennedy.

© 2005 Deutschlandradio


UND JETZT NOCHEINMAL:



Unser Wolkenkuckucksheim
( ich kann es nicht leiden, wenn mir jemand schon im ersten Wort einreden will „er“ wäre „ich“...)

Die eingebildeten Besitzstände
(mal sehen, was ICH mir so einbilde...)
Von Alan Posener

Was regt uns (dito !) neben der Millionärssteuer noch auf? Ach ja, die Mehrwertsteuer. Und die Frage, wie es der Kanzler schafft, aus dem Amt zu kommen, ohne die Verfassung allzu sehr zu beschädigen. Unsere(dito !) Sorgen müssten wir (dito !) haben, meint Alan Posener, Kommentarchef bei der "Welt am Sonntag"( oh, ein Organ des echten WIR, eine Zeitung des Volkes)


Nach Jahrhunderten der Abgeschlossenheit musste sich China(das ja jetzt immer als grosses Erfolgsmodell des Kapitalismus in den Medien gefeiert wird) im 19. Jahrhundert dem Westen öffnen(wie dieses „sich öffnen müssen“ aussah, verschweigt der Autor: es sah ungefähr so aus, wie sich der Irak den „Allierten Freunden“ aus den USA und England „öffnete“). In Brüssel( toller Steilpass auf die EU-Mensch Posener, da hast Du sicher schon zum ersten Mal abgespritzt!) jubelte ein junger deutscher Revolutionär(womit schon angedeutet wird, wer die HEUTIGEN REVOLUTIONÄREN HELDEN-der Autor etwa und seine Bezahler-sind):

"Die Bourgeoise reißt auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen…"

So weit Karl Marx. (Mann, was für eine Pointe! Jetzt aber einmal die Originalquelle im Zusammenhang, saus der dies stammt:

(...)Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.
Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden.

An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur.

Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.(...)


Im Zusammenhang klingt das schon etwas anders, als wenn man einfach mal so wild ein paar Sätzchen zusammenklatscht, oder ?

Ausserdem sollte man vielleicht einmal den „Bourgeoisie-Begriff“ etwas deutlicher erklären. (Ungekürztes Zitat:)

Bourgeois und Proletarier

Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.

Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.

In den früheren Epochen der Geschichte finden wir fast überall eine vollständige Gliederung der Gesellschaft in verschiedene Stände, eine mannigfaltige Abstufung der gesellschaftlichen Stellungen. Im alten Rom haben wir Patrizier, Ritter, Plebejer, Sklaven; im Mittelalter Feudalherren, Vasallen, Zunftbürger, Gesellen, Leibeigene, und noch dazu in fast jeder dieser Klassen besondere Abstufungen.

Die aus dem Untergang der feudalen Gesellschaft hervorgegangene moderne bürgerliche Gesellschaft hat die Klassengegensätze nicht aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdrückung, neue Gestaltungen des Kampfes an die Stelle der alten gesetzt.

Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, daß sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.


Aha, die Wohltat des bourgeoisen Unternehmers sieht der „junge deutsche Revolutionär“(Marx, nicht Posener) also doch nicht so absolut. Er redet da von zwei sich gegenüberstehenden Klassen, die sich zunehmend herausbilden. Kommt einem Heute wieder sehr bekannt vor, oder?





Freilich zögerte China, sich die Produktionsweise und die Zivilisation des Westens anzueignen; und China ging zugrunde (warum mussten sich diese Idioten auch gegen unsere Interessen stellen??? Das musste die Sowjetunion auch begreifen ... und alle anderen werden das auch tun, wenn wir sie für unseren Markt brauchen ...beispielsweise wenn die Löhne auch in China und Indien einmal zu hoch werden...alles in Vorbereitung, siehe:“Poverty is a Crime“....).

Aus Krieg, Bürgerkrieg, Chaos und Diktatur ist China aber am Ende des 20. Jahrhunderts wieder aufgetaucht(ich dachte immer, China wäre immer noch eine Diktatur. Dort wandern doch neben den USA die meisten Menschen in die Todeszellen...). Es hat seine Lektion gelernt. ( genauso brav wie etwa die deutschen Wirtschaftsführer nach dem Krieg-an dem sie durch ihre Hitlerunterstützung ne Menge verdienten-um danach flugs und übergangslos in der Demokratie das sogenannte Wirtschaftswunder „aufzubauen“, gell?)Es produziert nun selbst wohlfeile Waren: T-Shirts und Schuhe, Autos und Öltanker, Computer und Handys. Und in Brüssel jubelt niemand ( ach was: vernehmen wir nicht mindestens einmal die Woche „Erfolgsmeldungen“ deutscher Konzerne, die wieder einen Milliardenauftrag in China „gewinnen“ konnten?). Denn ein Gespenst geht um in Europa, und das Gespenst heißt Globalisierung (ha,ha: der Kommunismus hat sich ausgespenstert, was?). Sein Gesicht ist chinesisch, japanisch, koreanisch, indisch ( welche Gesichter meint er: die der Slumbevölkerungen, oder die der paar „Erfolgsmenschen“, die in den tollen Glaskathedralen ihr Business für „westliche“ Firmen machen?). Darin liest Europa so wenig Mitleid wie es damals die Asiaten in den Gesichtern der Langnasen lasen. Nun sind wir dran (WIR ?? Etwa Du ??).

Pusten wir den Staub von unserem Exemplar des Kommunistischen Manifests. (Besser: „Ich schnippele mir noch ein paar Sätze aus dem Kommunistischen Manifest zusammen“)Da hieß es doch … ja, richtig:

"Die Bourgeoisie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet…"

Eben NICHT richtig, vergleiche Originalzitat von weiter oben !!

So ist es. (so wie Du es Dir zusammengebogen hast, oder wie es dort wirklich steht ?!) Die Handy-Sparte von Siemens lässt als neuestes Beispiel grüßen. Handys stellen wir nicht mehr her. Morgen könnte die deutsche Autobranche dran sein. Und hören wir genau hin: Wer bedauert das? Die Reaktionäre, sagt Marx, und er hat Recht(dito!). Die Apostel der Abgeschiedenheit. Damals die Mandarine hinter ihrer Mauer, die Samurai in ihrer Rüstung. Heute die Chirac und Schröder, die hinter einer europäischen Mauer Subventionen und Sozialmodelle verteidigen wollen, die wir uns schon jetzt nicht mehr leisten können. Die Müntefering und Lafontaine mit ihrer widerlichen Hetze gegen Heuschrecken und Fremdarbeiter, die gesunde deutsche Betriebe kahl fressen und deutschen Familienvätern die Arbeit wegnehmen. (wirklich extrem „widerlich“, diese Hetze gegen die armen Vorstandsvorsitzenden, vor allem wenn man bedenkt, welche Konsequenzen politisch daraus gezogen wurde ... nämlich gar keine)Die traurigen Ritter des Abendlandes, die aus Europa lieber einen christlichen Verein alter Männer machen wollen, als es zu öffnen für jene, die noch nicht satt und müde und melancholisch sind.

UND JETZT GEHT`S RICHTIG LOS:

Wir(!!!) wissen doch alle im tiefsten Winkel unseres Herzens, wie wir leben werden, wie wir leben müssen, wenn wir nicht untergehen(!!!) wollen(!!!). Wir(!!!) wissen(!!!), dass wir zwei bis drei Jobs brauchen werden(!!!), um über die Runden zu kommen(!!!); dass wir bereit sein müssen(!!!), jederzeit(!!!) den Beruf, den Wohnort, das Land, die Sprache zu wechseln(!!!); dass wir privat für Krankheit und Alter vorsorgen(!!!), aus eigener Tasche (!!!)für gute(!!!) Schulen und Universitäten bezahlen müssen(!!!); dass wir(!!!) ebenso wie unser(!!!) Land kosmopolitisch und multikulturell werden müssen(!!!); dass wir(!!!), mit einem Wort, in Deutschland amerikanische Zustände(!!!) bekommen werden(!!!) - wenn wir Glück haben(!!!). Sonst bekommen wir chinesische(!!!). Nicht die von heute(!!!). Die des 20. Jahrhunderts(!!!).

Jetzt legst Du Dein Scheiss-Makeup ab. Jetzt zeigst Du Deine Fratze, die zum rhetorisch-gedanklich Widerlichsten gehört, was mir je zu meinen Lebzeiten begegnet ist:

Von wem redest Du, Du mieses Stück? Was bildest Du Dir eigentlich ein? Du willst MIR sagen, was ich alles MÜSSEN MUSS.
Du willst mir drohen: wenn Du das, und das und das nicht weißt, nicht einsiehst, nicht tust, dann „gehst Du unter“ ? Du Stück Scheisse bist ja unverfrorener wie Hitler und Stalin zusammen !!! Du „Kommentarchef der Welt“. Wieviel verdienst Du? EUR 200.000 per anno? Sicher bezahlen Dir Deine Arbeitgeber für den Du diesen Dreck schreibst auch noch „zwei bis drei (andere)Jobs“. Ne neue Bush-Monografie hier und den Auftritt bei einer Wirtschaftstalkrunde da ...

Von diesem Wissen(!!!) allerdings ist im jetzt beginnenden Wahlkampf nichts zu spüren. Die SPD und die Grünen haben einen neuen alten Feind entdeckt und wollen ihn besteuern: Den Millionär. Die Union hat einen neuen alten Feind entdeckt und will ihn raushalten: Den Ausländer. Jeder weiß, dass durch eine Millionärssteuer nicht eine einzige Arbeitsstelle geschaffen wird.( vor allem weiss mitlerweile jeder, dass der ganze Deregulierungs-, Liberalisierungs,-Privatisierungs-,Entkrustungs-,Flexibilisierungs-Quatsch, der nun schon jahrelang zügist vorangetrieben wurde ja so wahnsinnig viele Stellen geschaffen hat, oder. Stell Dir mal einen Arzt vor, der Dir Jahr für Jahr das Wunderheilmittel verschreibt und Dir predigt, es zu nehmen und es wird immer schlechter: wann endlich würdest Du Dir einen anderen suchen ... Willst Du mich verarschen??) Die Luxus-Appartements in Dubai warten schon auf die Steuerflüchtlinge (viel Spass und Waidmanns-Heil für die El_Quaida !). Jeder weiß(!!!), dass durch eine Politik der geschlossenen Tür nicht einmal ein Tausendstelprozent Wachstum geschaffen wird. Die Briten aber nehmen die polnischen Klempner, die ungarischen Ärzte, die indischen Filmer und die chinesischen Computerexperten und schaffen mit ihnen Wohlstand. Für Deutschland bleiben die Sozialfälle (ach, soo einfach ist das?).

Was regt uns (!!!)aber neben der Millionärssteuer und der Zuwanderung noch auf? Ach ja, die Mehrwertsteuer. Und die Frage, wie es der Kanzler schafft, aus dem Kanzleramt zu kommen, ohne die Verfassung allzu sehr zu beschädigen. Unsere(!!!) Sorgen müssten wir(!!!) haben.
Wer genau hinhört(möchte Dich in ein Abbruchhaus nach Neuköln stecken), vernimmt ein Lied in der Luft. Es ist ein altes Lied, aber es wird von neuen Stimmen gesungen. Ein Freund von Karl Marx hat es für die schlesischen Weber an ihren Handwebstühlen gedichtet, nun ertönt Heinrich Heines Lied im Takt der neuen Maschinen in Schanghai und Guangdou:

"Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch. Wir weben. Wir weben."

Hier das Lied von Heinrich Heine vollständig:


Die schlesischen Weber

Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
"Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Götzen, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft, gefoppt und genarrt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie Hunde erschießen läßt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt -
Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht -
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
Wir weben, wir weben!



Jetzt wird ein Schuh draus. Diese Weber sind WIR (diesmal wirklich WIR):

Weber, die wissen, dass wir, wenn wir Leute wie Dich nicht endlich bekämpfen, wirklich einmal „amerikanische Zustände und schlimmer“ haben werden. Wir sind auf dem besten Wege dorthin ... zurück ...

Und Du Posener, Du, fühl Dich nicht zu sicher in DEINEM Wolkenkuckusheim, das weiss ICH !

23.June.2005 12:38:07pm [Harald]
Autsch !
Gestern Nacht bei Harald Schmidt: eine Tussi mit französischem Akzent plaudert mit Schmidt über Sartre . Man kommt auf de Beauvoirs Roman „L`invitee“, dessen deutsche Ausgabe mit HS „Der Gast“ wäre. Danach wird`s noch gruseliger: der Tussi liebster deutschsprachiger Autor, deren Name ihr erst minutenlang nur „auf der Zunge liegt“, ist Stefan Zweig, zu dem ihr dann noch einfällt, dass er ein „schwuler Schweizer“ gewesen wäre...Habe ich da einen Witz nicht verstanden ?


Da frierts einen.

16.June.2005 09:37:39pm [Harald]
Brasilienspiel
Beim Brasilienspiel das Notebook neben mir. Sinniere über „links elektronische Musik “ für die Webseite...beliebtes, Spontan-Namens-und Assoziationsspiel:

*


Der Dritte Raum – Exzellent ! Ihre Clubauftritte gehören zu dem absolut Besten, was ich dort je erlebt habe !

Toska – Meister in ihrem Fach, dem lebeschönloungemistallerlei hochüberlegen

Daft Punk: Meister in ihrem Fach mit viel Augenzwinkern und Groove !

Air: Grossmeister !

Peter Kuhlmann – führt zehn künstlerische Leben auf hohem Niveau parallel. Wie macht der das nur ? Meister !

Mouse on Mars - wie auch „Air Liquide“ u.ä. Feuillitonistenlieblingsband, da kann man nix falschmachen, etwas überschätzt, aber schon gut.

wenn, dann lieber

Kreidler – jede Produktion ein Erlebnis und Steigerung. Klasse live !!! Zu recht fürs Goethe-Institut in Sachen Deutscher Kultur unterwegs.

Johannes Schmölling: manchmal sass ich am Keyboard und träumte davon, „Schmölling“ zu sein...

RYUICHI SAKAMOTO: ohne worte

Neu, Cluster, M.Rother, Roedelius: ohne sie gäbe es so Vieles, Gutes Elektronisch-musikalisches überhaupt nicht. Unverzichtbar für mich !!

Brian Eno: einer der wichtigsten Komponisten klassischer Musik des 20. Jahrhunderts !! Cage – Nachfolger auf seine Art.

Jam & Spoon: immer noch in Respekt & Anerkennung...warte seit den „ Fairytailes 2002 “ immer noch auf ein wieder richtig gutes Album !


FSOL: eine absolute Lieblingsband : beste moderne Soundcollagen mit unglaublicher musikalischer & inhaltlicher Spannbreite. Gross !!

Yello: absolut verehrungswürdige Herren. Wären die beiden Granden der Maffia, wäre ich sicher schon vor 24 Jahren in die Familie eingetreten.

Massive Attack: wie Air: mehr kann Popmusik an Klasse nicht bieten ! Grossmeister !



*

Jetzt ist Halbzeit. Manchmal sah’s atemberaubend schön aus, was die Brasilianer, allen voran Ronaldinho da machten. Für mich nicht zu verstehen, wie der Moderator das Gerumpel der Rehagel-Handwerkertruppe dann immer schönreden musste...

16.June.2005 06:37:43pm [Harald]
AFTER THE DAUERFEUER
Habe mir gestern nach dem sehr konzentrierten Arbeits-Dauerfeuer der letzten Wochen endlich mal wieder einen Frei-Tag erlaubt. Es gibt die Zeiten, wo man wirklich viel Energie hat, aber schon fast zwanghaft an garnüscht anderes mehr denken kann, als an die persönliche Planerfüllung. Da ist man dann am besten auch alleine. Aber: - grosses Hurra – das erste Etappenziel ist erreicht: die Webseite funkt jetzt, die Vorhaben sind hinaus in die Welt posaunt und die angedachten Veröffentlichungen eins bis vier verlassen nun schon meine vier Wände und wechseln zum Mastern bzw. ins Graphikatelier. BUENO !!!

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Nachmittags Saunabesuch im Klassiker: Thermen am Eurocenter. Die legendäre Publikumsmelange aus echten CDU-Westberlinern (Zehlendorf-Schmargendorf-Reinikendorf/Durchschnittsalter 60, Durchschnittsgewicht 95kg) und Russen ( vom Granden über Killer bis zu den Junioren, die sich erst noch im Geschäft bewähren müssen). Habe jetzt endlich auch so einen endgeilen Sauna-Filz-Hut und wurde von den Platzhirschen sofort auf russisch angesprochen. Wegen des heissen Wetters gottseidank nur ein Zehntel des sonstigen Publikumsaufkommenns, so dass es ein sehr entspannter Nachmittag wurde: auf dem Dachgarten liegend, sonnend, lesend, rauchend, dösend .Von unten das Rauschen des Kudamms, wie eine runtergedimmte Soundcollage. Schön.


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Momentane Lektüre: mein lieber Sandor Marai (nach den klugen & sehr berührenden „Wandlungen einer Ehe“) jetzt die „Bekenntnisse eines Bürgers“, in der er von der Welt, aus der er kommt, erzählt. Diese Welt, die Stefan Zweig „die Welt von Gestern“ genannt hat; von der in Budapest, Wien, Karlsbad, Zürich und St Petresburg noch einiges fühlbar ist, übrig geblieben ist, noch nicht weggebombt oder wegmodernisiert werden konnte, weshalb Orte wie diese eine grosse Faszination auf mich ausüben.

Weiter „48 Variationen über Bach“, „Briefwechsel Clara & Robert Schumann“ und eine aus dem früheren „Gästehaus des DDR-Ministerrates“ entwendete Erzählungssammlung über die „Liebe (von Boccaccio bis Böll)“ – Nachtlektüre.



*

Abends bei einem Jointchen das Confedcupmatch „Deutschland – Australien“, wofür ich mir eigens ein Fernsehgerät von einem Freund geliehen habe. Klar gibt`s da viel zu bemängeln – 4:3 gegen Australien, nicht gegen Italien - aber auch ganz klar: seit etwa 1990 erlebe ich mit Klinsmann das erste Team, für das ich mich irgendwie nicht schämen muss. Kann sein – was aber überhaupt nicht sicher ist !!!! – dass diese Mannschaft von Spitzenteams mal die Hucke voll bekommen könnte, aber das haben diese „Tourniermannschafts-Rumpeltruppen“ auch, und wie... Ich scheiss auf diesen Daswundervonbern-Herberger-Faschismus, wonach immer nur das „Ergebnis“ zählt (wie gut hätte es damals den brillianten Ungarn getan, verdient zu gewinnen und was für miese „wir-sind-wieder-wer“-Gülle konnte sich diese hellbraune Adenauer-„Republik“ herbeijubilieren) ... und bei allem Respekt & Freude über die WM 2002: da war immer ein schlechtes Gewissen, ein komisches Unbefriedigtsein dabei... ins Finale gekommen zu sein, ohne gegen irgendeinen echten Gegner gespielt zu haben...das ist, wie wenn mir jemand ins Ohr raunt: „Du warst phantastisch letzte Nacht“ und ich kann mich nicht daran erinnern, bei dieser „phantastischen Nacht“ überhaupt dabei gewesen zu sein ... „ne, war nicht ich , da liegt wohl eine Verwechselung vor“... sollte ich jetzt dieses Kompliment einfach so stehen lassen, oder meine Zweifel äussern ? Der alte Kampf: Eitelkeit gegen schlechtes Gewissen ob der Wahrheit. Also, bitte keine Wörns` und keinen Nowottnys mehr, bitte lieber Herr Klinsmann, bleib stark !!!

*

Wenn schon mal ein Fernseher da ist, wollte ich noch den Fassbinder Film „Warnung vor einer heiligen Nutte“ mitnehmen ... kläglich vor Müdigkeit kapituliert aber tief/fest/zufrieden geschlafen.

20.Mai.2005 04:33:10 pm [Harald]
ULRICH SCHAUSS
Große Freude ! Ein Päckchen mit zwanzig Cds von meinem Freund David aus San Francisco ist angekommen !! Seine Empfehlungen haben meinen Musikhorizont immer erweitert. Mal sehen und hören, was es diesmal zu entdecken gibt ...

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Die erste CD: Ulrich Schnauss - far away trains passing by ( 2001)

Bin von der ersten Minute an verzaubert. Viel Sonne, Wind und Meer ist drin. Verreisen. Musik, die schöne Erinnerungen hervorholt ( in super acht Ästethik) und glücklich macht ! Roedelius, Cluster, Rother, Neu... viel von Klangsprache, Idee und Energie dieser hochverehrten deutschen elektronik-Pioniere ist drin:

die guten alten Rhythmusmaschinen, deutschrockige harmonien, aber nie auf retro-ankommen , berlin/volksbühnen-chick oder pseudo click&cut-„Kunst“- Mist aus, sondern stilsicher, phantastisch arrangiert, geschmackvoll, alles am richtigen Fleck; nix launch-und agenturberieselung - diese musik geht tiefer und berührt, weil sie nie animieren, simulieren und unterhaltung, easyness usw. vortäuschen will. Die Musik erzählt und lädt ein, die Geschichten weiter zu spinnen. Der Mann weiss, was er kann und hat es nie nötig, etwas beweisen oder vorspiegeln zu wollen. Immer dabei ein Augenzwinkern. Hier spielen die elektronischen Musikintrumente wie treue, gute freunde, nicht wie „Tools“. Elektronische Musik, die so selbst-verständlich tönt, wie die schönsten Kompositionen für kleine Akkustik-Ensembles - ein schöneres Lob kann ich eigentlich nicht machen...

Es tut gut, neue Musik zu hören, die einen unwillkürlich strahlen lässt. Ungepanschte Musik, keine Geschmacksverstärker, Musik, die ohne billige Griffe in die Klischeekiste der virtuellen Lebeschönwelt auskommt. Kein Gedanke an aufregende Casting-, Werbe und Lifestylefilmchen aus dem achsotollen Idioten-Berlin.

Da ist auch immer was unschuldiges, kindliches, so dass ich manchmal an den cd-Abspieler gehen will und ihn streicheln will wie einen lieben Hund, der schwer schnaufend am Kachelofen liegt und bei geschlossenen Augen im Traum die Pfötchen bewegt.

Und dann geht die kleine Musik manchmal auf und fängt zu fliegen an, wird gross in ihrer sehnsüchtigen sehr menschlichen Begeisterung.

David schreibt: „I recently had the chance to see him play live in San Francisco and was amazed at how similar his performance style was to yours...Just a guy with a keyboard and a Mac laptop playing backing tracks improvising his melodies on stage as he played new and versions of his songs in a very free-form and jazzy way. I have a whole new respect for him as a musician and not simply a studio guy.“

11.mai 2005 09:08:27 am [Harald]
Göhren/Rügen, Sandor Marai: „Wandlungen einer Ehe“
S65:“Sie werden eines Tages verstehen, aber Sie werden auch viel leiden. Solche leidenschaftlichen Seelen sind stolz und leiden viel. Sie sagen, Sie wollen das Herz Ihres Mannes erobern. Sie sagen auch, Ihr Mann sei kein Schürzenjäger, sondern ein ernster, reiner Mensch mit einem Geheimnis. Was mag das für ein Geheimnis sein?...Genau deswegen quälen Sie sich, liebe Tochter, das ist es, was Sie wissen wollen. Aber wissen Sie denn nicht, dass Gott den Menschen seine eigene Seele gegeben hat? Eine Seele, die so viele Geheimnisse hat wie das Universum. Warum wollen Sie wissen, was Gott in einer Seele verborgen hat? Vielleicht ist es der Sinn Ihres Lebens, ist das Ihre Berufung, dass Sie diesen Zustand ertragen. Vielleicht würden Sie Ihren Mann verletzen, ihn vielleicht zugrunde richten, wenn Sie seine Seele aufmachen, wenn Sie ihn zu einem Leben und zu Gefühlen zwingen, gegen die er sich wehrt.“

S149:“Eines Tages bin ich erwacht, habe mich im Bett aufgesetzt und gelächelt. Es tat nichts mehr weh, und ich begriff auf einmal, dass es die Richtigen nicht gibt. Weder auf Erden noch im Himmel. Es gibt ihn nicht, jenen einzigen. Es gibt nur Menschen, und in jedem Menschen ist eine Prise vom Richtigen, aber in keinem gibt es das, was wir vom anderen erwarten und erhoffen. Es gibt keinen vollkommenen Menschen, und jener einzige, Wunderbare, Beglückende existiert nicht. Nur Menschen, in denen es soviel Schutt wie Licht gibt ... (...) Ich habe mir in meiner Verlegenheit die Nase pudern müssen, weil es zwar den Richtigen nicht gibt, weil die Illusionen verfliegen, weil ich ihn aber liebe und das ist etwas anderes. Wenn man jemanden liebt, klopft einem das Herz immer, wenn man von ihm hört oder ihn sieht. Ich glaube nämlich, dass alles vergeht, nicht aber die Liebe.“

08.mai.2005 03:12:50 pm [Harald]
Göhren, Samstagmorgen deutschlandradiokultur
Beim frühstück: deutschlandradiokultur - hörer dürfen anrufen und mit programmgestalter und intendanten über die seit nun 2 monaten bestehende „neue programmstruktur“ diskuieren. Es fällt auf: sämtliche anrufer-innen sind stammpublikum, d.h. sie hören fortlaufend und aufmerksam, weil sie das vergleichsweise anspruchsvolle programm als das einzig hörbare in der gesamten radiolandschaft empfinden. Übereinstimmend wird kritik geübt: am wegfall intensiver programmplätze ( morgengespräch, tägliche features im „wortspiel“...) zu gunsten eines eines allerleis an in 3-minutenblocks zerhakten „kulturnews“ und „politiknews“. Als nervtötend werden die ständig wiederkehrenden trailer empfunden und die auswahl von mainstreampopmusik. Es klänge jetzt eher nach „inforadio ohne werbung“, maximal. Die Leute wären enttäuscht und schalteten ab. Kann ich alles bestätigen. Geht mir genau so.
Die leitenden herren gehen auf die kritik überhaupt nicht ein, sondern erklären in salbungsvoller, aber eingestanzter wortwahl gebetsmühlenartig, dass gerade hörer, die sich „kurz mal einschalten“ „kompakt“ auf den sender „deutschlandradiokultur“ hingewiesen werden müssten, dass man auf grund von „umfragen“ ( von wem geführt? an wen gerichtet? welche fragen gestellt? welche ergebnisse erwartet? welche ergebnisse gewollt?) auf die wünsche der hörerinnen und hörer reagiert hätte, dass die programmstruktur verbessert worden wäre, man jetzt in der „radiolandschaft“ bzw. auf dem „radiomarkt“ noch besser vertreten wäre.

Da haben wir`s wieder: da wird von einem abstrakten „markt“ gelabert, auf dem man sich „positionieren“ muss, von „angeboten“ und von „optimierung“. Auf der anderen seite stehen verdammt konkrete „menschen“, die engagiert zum telefon greifen, die hören, sich einbringen, für ideen stehen, einer sache „die treue halten“. Jede kackwerbeagentur würde von einer idealen „zielgruppe“ reden, nach dem man nach eigenen angaben immer so zielstrebig und für viel geld suchen müsste: kritische und doch „treue“ (denn nicht zappende) menschen, die sich die gabe bewahrt haben, vier hintereinander gesprochene sätze und zwei minuten musik, die womöglich nicht sofort nachträllerbar ist vertragen zu können, ohne sofort die automatische frequenzsuchwahl zu betätigen . Aber an denen muss auf eine unerträgliche weise mit teurem geld (agenturen, marktforschung, experten) vorbeimodernisiert werden.

Wer steht eigentlich hinter diesem verdammten „markt“, in dessen namen von deutscher bahn über plattenverträge bis zu menschlichen beziehungen hin letztendlich über alles und jeden entschieden wird ? Es wird ver-handelt über irgendwelche „kunden“, „verbraucher“, „konsumenten“ und „teilnehmer“, aber sicherlich nicht über „menschen“. Für wen ist diese art von „welt“ eigentlich da? Was habe ich in dieser art von „welt“ eigentlich noch zu suchen?

05.mai.2005 11:00:07 am [Harald]
partituren und interpretation, vier thesen
1

In meiner Kindheit „mochte“ ich ein Stück, das ich einzuüben hatte, oder ich mochte es nicht, war oft erleichtert, wenn es irgendwann funktionierte und widmete mich dem nächsten, das meine Lehrerin auswählte. Die Motivation bestand eher darin, den spieltechnischen Fortschritt dazu zu verwenden, meine Fantasie am Klavier besser umsetzen zu können, als in der Freude über eine Einsicht in das Werk eines anderen Menschen.

2

Nachdem ich die elektronischen Musikinstrumente entdeckt hatte, verschwand das Klavierspielen (als handwerkliche und geistige Auseinandersetzung)aus meinem Leben. Synthesizer und später Sequenzerprogramme gaben mir die Möglichkeit, meine ganz eigene (Klang-)Welt entstehen zu lassen - in (spiel-)technischer Präzision, die ohne den zeitlichen Umweg des Übens möglich waren. Vorstellungen konnten direkt und auch ohne Andere umgesetzt werden. Ich fand das ideale Instrumentarium, um einen musikalischen Traum ausleben zu können. In diesen Jahren hatte ich einen unfassbaren Output an Kreativität. Für Kollegen war es mitunter beängstigend, wie schnell diverse Stückzyklen im Studio realisiert wurden. Im Nachhinein ist das nicht weiter verwunderlich, den ich schöpfte aus 20 Jahren Phantasie, die auf Grund der euphorischen Bedingungen im weltweiten Technoaufbruchsparadies ungezügelt fließen konnten. Was ich nicht einsehen konnte oder wollte war die Tatsache, dass die später einsetzende Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten wieder einen langen Entwicklungszeitraum in Anspruch nehmen musste; zu glauben, alles würde mir -wie vorher- zufliegen, war naiv. Ich war von dem Erlebten zu verwöhnt, um nicht frustriert darüber zu sein, einem zeitlich langen Weg der Suche realistisch ins Auge sehen zu können! Ich wollte schnelle, neue Erfolgserlebnisse - ein grosser (Lebens-)Irrtum !! Gleichzeitig aber auch eine grosse persönliche Chance, existentielle Dinge nach Sinn und Leben neu zu stellen.

3

Wenn ich mir heute Werke bestimmter Komponisten auswähle, dann liegt eine echte Erfüllung in der Empfindung, in die Welt eines hochsensibel fühlenden Menschen blicken zu dürfen. Ich trete in einen Dialog. Es beginnt ein langer, vielgestaltiger Auseinandersetzungsprozeß. Das „Üben“ führt alle Effektivitäts- und Rationalisierungsprozesse hinsichtlich der Zeit ad absurdum, denn es geht eben gerade nicht darum, möglichst „schnell“ „Resultate“ zu bekommen , etwas möglichst „mühelos“ zu absolvieren. Je genauer man hinschaut und hinhört, desto intensiver wird Spiegelung und Diskurs mit dem Werk, der Biografie des Künstlers und seiner Zeit. Ein Schuhmann-Stück ist dann beispielsweise nicht nur eine pianistische Herausforderung, sondern führt automatisch in die Vertiefung in seine Biografie, seine Lebensumstände, seine gesellschaftliche Realität und motiviert, sich mit zeitgleicher Literatur ( Heine, Eichendorff, Keller, Kleist, Jean Paul, Hölderlin ...) und Malerei,Philosophie und Politik zu beschäftigen. Natürlich erst gar nicht zu reden von musikalischen Vorbildern , Zeitgenossen und Nachfahren ...

4

„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“. Es hat mich immer eher befremdet, wenn irgendein DJ oder „Künstler“ davon plapperte, gestern „schnell einen Track gemacht zu haben“ ( er, oder der Toningenieur im Hintergrund ?) und der Zeitgeist diese musikalische Unbedarftheit sogar als „Errungenschaft“ bejubelte ( bis dann der selbe Zeitgeist auf Grund einer masslosen Gleichheit und Beliebigkeit und Menge der Machwerke das gesamte Kind mit dem Bade ausschüttete - weil nichts mehr von der Substanz übrig geblieben war). Von Markt und „Berühmt/Gefragt-und Erfolgreich-sein-Wollen gesteuerte Dilettanten in der Musik-, Medien- und Bewusstseinsindustrie : Musik wird immer unanstrengender, beliebiger, austauschbarer, sowohl was die Produktion, als auch ihre Konsumierung anbelangt. Heraus kommt eine Masse an Gleichheit, die anödet und ständig nach „Neuem“, aber bitteschön wieder schnell und leicht zu verdauendem/vermarktbarem Material schreit. Dann jagen sie alle nach dem „nächsten grossen Ding“, Haltbarkeitsdatum unter 3 Monaten; das Marketing wird`s schon machen ...Doch Komplexität und Ausdruck, individuelle Kreativität und Erfindungsreichtum haben mit „Können“ zu tun, dass man sich in mühsamen Prozessen erarbeiten muss. Das klingt „alt“ in den Ohren und Köpfen der Geschmacksverstärker - doch mangels eigener Möglichkeiten haben sie gar keine andere Wahl, als so zu handeln. Denn nur dies haben sie gelernt im wunderbaren Hier und Heute der Spassmaximierung - hinter der immer die GEWINNMAXIMIERUNG steckt: „Handeln“ im kapitalistischen, nicht im philosophischen Sinne des Wortes.

30.Apr.2005 02:14:10 pm [Harald]
pollesch: telefavela, volksbühne/prater
„MEIN GESICHT IST EIN DISPLAY, DAS EINKAUFT“

Die Verhältnisse, wie Rene Pollesch sie zeigt, sind buchstäblich unangreifbar geworden. Hier gibt es kein erkennbares Gegenüber mehr, also auch keinen gemeinsamen Widerstand dagegen. Die Grundlage dieser Vereinzelung und Ohnmacht ist die Organisation der Arbeit auf höchstem technologischem Niveau, bei deren Ausübung der Einzelne nicht mehr unterscheiden kann, ob er noch etwas Sinnvolles, Nachvollziehbares tut oder einfach beschäftigt wird. Die „Beschäftigung“ impliziert totale Anpassung bei ständiger Gefahr des Arbeitsplatz- und Existenzverlustes.

Identitätsnachweis und Sinn bietet diese Welt nur über die Kreditkarte, deren Besitz die Unterwerfung unter die Marktgesetze voraussetzt. Ist diese Welt eine „zivilisierte Welt“ ? Wir leben nicht in dem wunderbaren „globalen Dorf“ sondern in einem ordnungslosen, dereguliertem Slum, bewohnt von Zombies, die sich den Erwartungen der Ökonomie so weit angepasst haben, dass sie sogar ihr Gefühlsleben den Gesetzen des Marktes und der Dramaturgie der Medien angepasst haben. Was bleibt übrig von „Freiheit und westlicher Demokratie“, wenn der Kapitalismus die totale Kommerzialisierung aller sozialen Beziehungen herbeizwingt, wenn sich sein Diktat bis in die letzte Körperzelle menschlicher Lebewesen hineingebrannt hat, wenn vom Einzelnen ein Höchstmass an reguliertem Verhalten, zuallererst strickt „regulierte Gefühle“ verlangt wird - bis zur Selbst-Unterdrückung, zur letztendlichen Selbst-Negation. Es bleiben Menschen übrig, denen alle Möglichkeiten zu konkret-sinnlicher Erfahrung genommen sind, die Computer und Displays in Chip-Form unter ihrer Haut tragen und wie ferngesteuert in einem System funktionieren, zu dem ihnen Begriff und Berührung gleichermaßen fehlen.

„Bin ich schön, bin ich sexy, bin ich erfolgreich, habe ich also etwas zu verkaufen, um kaufen zu können ?“ - Gnade Dir Gott, wenn nicht !!!

28.Apr.2005 11:14:10 am [Harald]
das wüten der ganzen welt
vor zwei wochen sabina marten t`hard`s „wüten der ganzen welt“ gegenben. Sie war derart begeistert, dass ich es seit Samstag auch noch einmal gelesen habe. Ein phantastisches buch: grossartiger aufbau; die handlungsstränge geschichte, erinnerung, liebe, musik, widersprüche, ethik, heimat, alltag, menschlichkeit wunderbar gekoppelt...


*


„das Wüten der ganzen Welt“.




*

„Die Toteninsel“ ist fast fertig. Lasse diesen Stand der Dinge jetzt erstmal eine Weile ruhen, um dann noch mal aus der Distanz zu hören. Bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Einziger Verdachtsmoment: es ist über die Zeit (65 minuten) vielleicht zu viel drin, ich gebe den Hörern fast keine Entspannungsphasen, eben weil ich „viel“ drin haben will.

Das ist beim Wiederhören zu bedenken !!! Ich weiss ja von mir selbst als Hörer, wie sehr ich mir manchmal den einen oder anderen bogen wegwünschen würde, obwohl ich ganz genau verstehe, welche gedanken der komponist dabei hatte, sich für die „ernste“ Variante zu entscheiden.
Dramaturgie: Konzentration braucht immer wieder phasen der Entspannung. Zu viel Anspruch aus Eitelkeit ( vor allem zur Selbstversicherung ) schadet dem Gesamtergebnis.



*

Am Samstag „die Kinderscenen“ von Horowitz gespielt gekauft. Live 1985 in Wien aufgenommen. Neben Endres bis jetzt die besten Interpretationen, die ich gehört habe. „Kinderszenen“ ist wie “Album für die Jugend“ ein kompositorisches meisterwerk, ein kompendium von schumann`s gesamtwerk, und intensivste seelensprache. Gestern mit No: 1 am Klavier begonnen. Heute in einer Übungspause wieder mal kurz in meine eigenen neuen klavierstücke hineingehört und mich über die richtung und die musikalischen Fortschritte gefreut !!!

20.Apr.2005 02:12:47 pm [Harald]
habemus papam
„Die Befreiungstheologie ist ein Steigbügelhalter der Diktatur.“ (Kardinal Ratzinger).
Arschloch !!!

18.Apr.2005 03:11:45 pm [Harald]
arrrgggghhhhh
Furchtbarer Moment am Nachmittag. Konnte nach einem „Real“-Einkauf ( wollte eigentlich ein gutes Fahrradschloß, fand es nicht, nahm aber zwei „Don Camillo und Peppone“-DVDs zu je EUR 9,99 mit) zu Hause meine Geldbörse nicht mehr finden. Total beschissene Situation, weil ich mich absolut daran erinnern konnte, wie ich Kreditkarte und Quittung in die Börse steckte, mir eigentlich ganz sicher war, sie mit den DVDs in die Tasche gepackt hatte. ( vgl. „heiße-Herdplatten-Syndrom).War aber nicht mehr da. Suchte die Wohnung zur Sicherheit noch dreimal gründlich ab ( beim letzten Mal dann schon aufgelöst-fatalistisch). Dann zwischen Hoffen und Bangen die 7 Minuten zurück. Gehe die an der Kasse hinter mir Gestandenen noch einmal durch: blonder Mann, Ende dreißig mit seiner Tochter (sieben) hatten sich zwei Eis gekauft. Den Mann hab ich schon öfter auf der Seestraße hundeausführenderweise gesehen – weißer, sympathischer Strubbelhund, mittelgroß. Auffallend ausgewählte Garderobe immer. (Arbeitsloser) Kunstlehrer ? Könnte der die am Ende des Warenbandes liegengebliebene Geldbörse eingesteckt haben? Nö. Dahinter ein 15 jähriges Teeny mit raffinierter Mischung aus Burka (weiß) und Hip-Hop (schwarz).Sah so unschuldig aus. Wieder eher „nö“. Und dahinter noch...Weiß nicht mehr.
An der Kasse und am Informationsschalter natürlich nichts. Natürlich ! Beim Rausgehen die endgültige Panik vor der Kartensperr-Arie. Den Weg zurück zur Wohnung mit genervter Planung des bevorstehenden „wen muß ich alles anrufen“, „Du Scheiße, die Telefonnummern hab` ich immer noch nicht gesammelt auf ein Blatt geschrieben“, „schon wieder einen neuen Paß“ etc. pp. verbracht. Alles versaut ! Vor zwei Jahren das letzte Mal passiert. Davor auch vor zweien, und davor auch. Kotz !!! Stampfe wütend durch die Wohnung, hab die Schnauze voll und sehe die Geldbörse unter dem Schreibtischstuhl liegen . arghhh !!

18.Apr.2005 10:31:00 am [Harald]
fahrradtouren
Wir fuhren mit dem Zug nach Kremmen.
Nach furchtbarer Klimaanlage in der Regionalbahn, die wie die frühere Ferkeltaxe mit 60km/h durch die Landschaft zuckelt aber aufgemotzt windschnittig wie ein ICE aussieht, dann die wunderbare Luft draussen:
Warm, sonnig, Mittagszeit. Die Räder fahren gut – nicht zuviel los auf der Straße, wir drücken ganz schön aufs Tempo.
In Linum: der erste Storch auf dem ersten Gittermast – tolle Lachsbrötchen in der Fischerei – der liebe dicke Wirt hat immer noch wegen Krankheit geschlossen – Picknick auf dem Sportplatz. Gespräch über Phil Glass, Koyanisquatsi, auf den wir über einen bestimmten (weiß nicht mehr welchen anderen) Titel kamen, der ein ähnlich atmosphärisch Bild erzeugt.
Entscheidung die Fahrt nach Nauen fortzusetzen. Herrliche, fast unbefahrene Autostraße. Links und rechts die weite brandenburgische Landschaft mit viel Feldern und langen Baumreihen, wohin man auch kuckt. Später in hundert Metern Entfernung voraus kreuzt ein Marder von links nach rechts: wir fahren heran, verhalten uns ganz still und sehen ihn im Gestrüpp. Er sieht uns auch an, kommt heraus, auf uns zu, bleibt in drei Metern Entfernung stehen, sieht uns wieder an und überquert an uns vorbei vollkommen unaufgeregt die Straße von rechts nach links, die kleine Böschung zum Bach hinunter, in den er sich übergangslos hineingleiten lässt und ihn hinaufschwimmt. Wir haben noch nie einen Marder in freier Wildbahn gesehen. Hinter Hertefeld steht eine große verlassene LPG mit 8 hohen Getreidesilos in Reih und Glied. Das müssen wir uns natürlich ansehen und schlüpfen durch den Zaun. Die Klappen der Silos sind offen, ich halte die Kamera in den Innenraum. Zur LPG gehören noch Fahrzeugwagen, Stromhäuschen und riesige Kuhstallanlagen aus Beton. Vor einer finden wir alte Betiebsbücher (letzter Eintrag 10.7.1990), in einer anderen eine DDR-Porno-Fototapete im Schaltpultraum für die automatische Futteranlage .
Dann weiter nach Nauen. In der Altstadt angekommen, haben wir das Gefühl, es würde die rote Armee erwartet: Niemand auf den Strassen. Alle Fenster zu. Dann aus heiterem Himmel plötzlich Regen. Wir stellen uns in einer Einfahrt unter.
Später zum Bahnhof und zurück nach Berlin.
Bei 451 zwei DVDs geholt: von Sabina empfolen: „gegen die wand“ und „requiem for a dream“. Zu Hause schnell noch die letzte halbe Stunde der Sportschau mitgenommen. Bayern wird Meister, für den Club ist es auch gut gelaufen. Super !
Danach sehr leckere Pasta und „gegen die wand“.

17.Apr.2005 11:10:00 am [Harald]
"Die Toteninsel"
Jetzt, wo die neue Website Gestalt annimmt und ihr „Launch“ nicht mehr sehr lange auf sich warten lässt, macht auch das Nachdenken über neue Veröffentlichungen richtig Laune.

Da ist ein riesen Berg an Material, das für eventuelle Veröffentlichungen in Betracht käme, doch kann ich eigentlich ganz entspannt-intuitiv bei der Auswahl vorgehen, da ich in den letzten Jahren ja schon ziemlich zielgerichtet in diverse Hauptrichtungen/Themenprojekte geforscht und komponiert habe:
werde mit der „Toteninsel“ als erstem konkreten, neuem Veröffentlichungsprojekt beginnen.
Arbeite seit zwei Wochen fast jeden Tag ein paar Abendstunden an dem Album.

Die thematische Grundidee ist klar und die dramaturgische Grobstruktur hinsichtlich der Auswahl und Reihenfolge der Hauptparts steht auch schon. Mache jetzt Zeitreisen, in dem ich mich an Klänge oder Miniaturen erinnere, die ins Konzept passen könnten, hole sie in den Mix und probiere aus. Ich sitze vor meinem Pult wie ein Filmregisseur am Schneidetisch.

„Die Toteninsel“ ist ein klangliches Gedankenspiel. Ausgangssituation:


Beschreibung der Parallelität einer Dichte unzähliger Gedanken innerhalb der Zeit eines Zigarettenzuges.

Stichpunkte:
-Kreation einer Dehnung der Zeit, ein Einfrieren der Zeit.

-Darstellung von Parallelität mit seriellen musikalischen Mitten.

-Zeitgleichheit: im Denken sind die Komponenten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufgehoben. Alles passiert jetzt.

- im Denken ist es unerheblich, was „authentisch“ selbst erlebt oder durch Medien (Menschen, Bücher, Filme, Musik) virtuell zur eigenen Authenzität wurde.

-Denken ist Zeit- und Raumunabhängig

- Relation Zeitgleicheit - Reisen in Lichtgeschwindigkeit – Tod
- Denken als permanente Nahtoderfahrung: assoziative Bilderketten, die im millisekundenbereich durch das Gehirn schießen.

04.Apr.2005 09:49:10 am [Harald]
atelier fertig
ich sitze auf dem Fußboden und rauche eine Zigarette. Alle Fenster sind offen, herein kommt frische Frühlingsluft. Wunderbar hell und sonnendurchflutet ist mein Atelier.
Ich sitze da, lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Ich bin wahnsinnig glücklich: alles ist aufgeräumt, geputzt, geordnet, steht an seinem neuen Platz, strahlt eine prima Atmosphäre aus – hier lässt es sich arbeiten! Die 96qm sind in mehrere Bereiche aufgeteilt, sieht sehr einladend aus, trotz der Menge an Zeug ist wieder Luft und Struktur im Raum. Wunderbar !!!!

Mir geht durch den Kopf, dass ich endlich an dem Punkt angekommen bin, den ich seit etwa 1996 zu finden versuchte:
Meine alte musikalische Biographie genießen zu können, weil sich die gewünschte ( und über Jahre hinweg auf Biegen und Brechen herbeigesehnte) Neuorientierung jetzt ihren Weg macht.

Ich bin innerlich frei zu tun, was ich möchte.
Keine Zweifel mehr an dem Weg, keine gemischten Gefühle mehr hinsichtlich des gedanklichen Spagats zwischen Vergangenheit und Zukunft, Erwartungen und Wunschzielen. Endlich zufrieden mit der Gegenwart !!!

Disziplin, Euphorie, Lust, und ruhiges, bewusstes Umgehen mit dem Tagwerk. Zurückgelassen habe ich die Ängste davor, „wie die Musik zu sein hat“. Keine blockierenden Fragen wie: „ist das jetzt wirklich neu?“, „ist das jetzt Deinem Anspruch angemessen?“, „ist das jetzt den Ansprüchen von Außen
angemessen?“, „wird das erfolgreich ?“, etc. pp. Dieses zermürbende Kopfgeplapper geht mich nichts mehr an, ist verschwunden. Ich tue einfach und entdecke und habe viel Freude daran.

Ein Grund zum Feiern !

01.Apr.2005 11:08:19 am [Harald]
Robert Schumann, op57, no:35
Blauer Himmel, sonnig, frühlingshaft.
Bin total depressiver Stimmung, den ganzen Tag über zu nichts fähig gewesen. Habe das erste Mal nicht mal am Vormittag geübt. In der Dämmerung nehme ich mir die Partitur her, blättere in den Stücken und bleibe bei No. 35 stehen.
Ich setze mich ans Klavier, fange an, die ersten Takte zu spielen und bin sofort von der Stimmung des Stücks eingenommen. Das Stück bewegt mich aus der Depression in eine Traurigkeit. Depression ist optionslos, Traurigkeit dagegen kann die Lähmung in eine lebbare, reflektierbare Sphäre überführen. Lieber Schumann, jeden Tag erfahre ich mehr über Dich, und je mehr ich von Dir erfahre, desto mehr liebe ich Deine Musik !!!

29.Mar.2005 04:07:30 pm [Harald]
gedanken zu den neuveröffentlichungen
Die möglichkeiten in der technowelt schienen mir ausgereizt; den weg, meine leistungen kommerziell zu verwalten, die durchaus vorstellbare rolle als „mainstream trancer mit niveau“ zu spielen, wollte ich nicht. Die kaltschnäuzigkeit oder lockerheit, nach außen eine öffentliche rolle strategisch zu spielen und nach innen hin gleichzeitig andere ziele, die wichtigeren ziele anzugehen, besitze ich nicht. Ich nehme meine musik zu persönlich, was ein fehler , aber erstmal nicht zu ändern ist.


*

der wunsch, das ziel: eine musik zu machen, die vielschichtigere seelische strukturen zu transportieren vermag, als es ein popstück kann, dass auf grund seiner komprimiertheit eher eindimensional bleiben muss. Von den Vorgabe der Musikindustrie und der Spielbarkeitskriterien im Radio gar nicht zu reden ! Erster schritt in diese richtung: die suche nach neuen klängen als handwerkszeug. Die synthie-technik-begeisterung trat hinter die elektro-akustische tonerzeugung zurück: die manipulation und Veränderung natürlicher klänge gibt die möglichkeit, neue, bisher „unerhörte“ klangszenarien zu arrangieren. So begann auf der einen Seite mein interesse an der Untersuchung des geräuschs als klang, auf der anderen seite meine neue hinwendung zu den klassischen instrumenten.


*

das gros der in diesen jahren entstandenen arbeiten würde ich in zwei hauptschubladen einordnen:

a) „art der produktionstechnik“. ist sinnvoll, weil sich beispielsweise ein Stück für prepariertes klavier selbstredend stark von einer sequenzer-gesteuerten Komposition klanglich und stilistisch absetzen lässt.


b) „übergeordnete bilder“. Favorisiere ich mitlerweile, weil diese Einteilung nicht „technisch“, sondern „inhaltlich“ funktioniert. Sie orientiert sich an der musikalischen umsetzung einer inneren vorstellung.
Eher weniger wichtig bzw. geeignet: die einordnung nach chronolgie oder musikstil.

29.Mar.2005 11:55:19 am [Harald]
leben teil 2 von 2
das Gefühl, mich auf der Schwelle zu meiner zweiten Lebenshälfte zu befinden, gleicht dem Bild, auf dem Gipfel eines Berges zu stehen, dessen Ersteigung 42 Jahre gebraucht hat. Ich blicke auf die Landschaft meines bisherigen Lebens – es ist an der Zeit, die Summe meiner Erlebnisse & Erfahrungen den eigenen Erwartungen hinsichtlich meines Handelns nicht mehr vergleichend gegenüber zu stellen, sondern sie zusammen als die Basis für meinen weiteren Lebensweg zu akzeptieren. Meine Eitelkeit bestand niemals darin, auf das stolz zu sein, was ich gerade war, sondern war bestimmt von den Vorstellungen, wie ich sein wollte. Diese Sucht nach persönlicher Perfektion hatte immer zu tun mit den von mir unterstellten möglichen Erwartungen Anderer an mich: ich wollte so sein, wie ich glaubte, dass Andere es sich von mir wünschten.
Es besteht für mich kein Zweifel mehr daran, dass dies mein Leben über fast vier Jahrzehnte permanent bestimmte, ohne dass ich in der Lage gewesen wäre, seinen Ursachen ins Auge sehen zu können.

21.Mar.2005 10:03:41 am [Harald]
Fussball & Kindheit
Warum fiebere ich jeden Samstag der Bundesligareportage im Radio entgegen? Noch schlimmer: Sieg oder Niederlage meiner Mannschaft, dem „Club“ (1.FC Nürnberg) entscheiden nicht unerheblich über mein seelisches Wohlbefinden der folgenden Stunden. Ich habe keinen direkten Bezug mehr zu meiner Geburtsstadt, schon gar keinen zu den Club-Spielern, war seit Jahren nicht im Stadion.
Doch jedes Wochenende liefere ich mich emotional einer Situation aus, auf die ich in keinster Weise Einfluß nehmen kann. Oder besteht der Kitzel gerade darin, dass es so ist ?
Schlecht drauf sein, weil „mein“ Club verloren hat... doch könnte ich diesen Hang abstellen- so wie man ein Radio abstellen kann - ich würde es nicht tun.

*

Kindheit:
Als mein Vater entweder (bei Auswärtsspielen) nervös im Auto saß und so schnell wie möglich und pünktlich nach Hause zur Sportschau kommen wollte – wobei das vorherige Hören von Ergebnissen nicht erlaubt war, um so die Spannung bis zum großen Moment des Fernsehberichts ins Unermessliche zu steigern - oder wenn wir zusammen ins Stadion gingen.

*

erinnerung:


Der große Parkplatz,
auf den Nummernschildern der Autos das gesamte Süddeutschland,
der erwartungsvolle 10minütige Pilgergang auf
sandigen Wegen durch Waldstücke und an
Gartenparzellen vorbei in
Kolonnen mit Tausenden Anderen, die
Schlange vorm Kartenhäuschen, die
Wurst im Stadionbereich, das
Platznehmen auf der Gegengeraden, das
Blättern in der Stadionzeitung, der
Einlauf der Mannschaften, das
kollektive Raunen beim Anstoß, die
Konzentration auf das Spiel, die
Aggression der Männer, die
ungezügelt ausgelebt werden darf,

Pfeifen,
Schreien,
Schimpfen,
Recht behalten wollen,
Streiten,
Gröhlen,
Buuhen,
Stöhnen,
Kommentieren,
diskutieren,
gestikulieren, das
Dampf-ablassen,
zigaretten,
sich erregen,
das Warten auf das befreiende Tor, der
Schrei, der die Arena erzittern lässt,
jubeln,
kollektiver Orgasmus,
Verbrüderung,
Heiserkeit,
Hoffen,
Bangen,
Zittern,
sich Ärgern,
Drama, Krimi .

Danach, der
Abmarsch:
himmelhoch jauchzend,
in triumphaler Stimmung,
phantastisch gespielt,
selten so gut,
glücklich,
stolz,
zufrieden,
die anderen nach Hause geschickt,
ihnen die Quittung gegeben,
erleichtert,
entladen,
auf seine Kosten gekommen,
wenigstens gewonnen,
nicht verloren,
gelangweilt,
unzufrieden,
schade um die Zeit,
ärgerlich,
beschämt,
geladen,
gedemütigt,
beschissen worden sein,
fassungslos,
am Boden zerstört,
der Vorsatz, sich nie mehr ein Spiel anzusehen.

Zu Hause am Fernseher in der Sportschau das Spiel
noch einmal erleben,
die Tabelle analysieren,
auf das nächste Wochenende warten,
das ganze Leben lang.

20.Mar.2005 11:04:25 am [Harald]
der einzelgänger im park
Der erste wirklich frühlingshafte Tag des Jahres in Berlin.
Stahlblauer Himmel und wärmende Sonne. Der Duft des Frühlings. Sabina & ich radeln durch die Rehberge in Richtung Tegel und durch Gartenkolonien im Bogen zurück zum Schillerpark. Wir machen Fotos mit uns und den Frauenfiguren am Schillerdenkmal.
Sabina zeigt mir einen Mann, der ein zwanzig Jahre jüngerer Doppelgänger eines Freundes von uns sein könnte. Verblüffend gleiche Größe und Gestalt, gleicher Gesichts- und Haarschnitt, gleicher Kleidungsstil, gleicher Gang. Ein Sonntagsspaziergänger. Am Rand des Rasenrundes bleibt er stehen. Er sieht einer Gruppe Fußball spielender Männer zu. Mindestens zehn Minuten lang.

*

Der Einzelgänger. Beim einsamen Spaziergang bleibt er am Rand des Parks stehen und sieht einer Gruppe von Männern beim Fußballspielen zu. Es ist Sehnsucht in seinem Blick. Und Distanz. Der Wunsch, dazu zu gehören, obwohl er es nicht tun wird. Er erinnert eine ganze Serie von Erlebnissen, während er in Doppelbelichtung das Geschehen auf der Wiese verfolgt. Er bleibt lange stehen. Mindestens zehn Minuten. Die Gruppe und der Einzelgänger. Wir beobachten den Einzelgänger, wie er die Gruppe beobachtet.
Ich stelle mir vor: da ist jemand, der ein Paar beobachtet , welches den Einzelgänger beobachtet, der die Fußballer beobachtet, die sich auf den Ball konzentrieren.

*

Der Doppelgänger von P. ist ein Seelenverwandter von mir. Während ich ihn beobachte, sehe ich mich selbst. Ich kenne jeden Gedanken, den er gerade hat, kenne den Wunsch des „dazugehören Wollens“ bei gleichzeitiger Gewissheit, die Position des Außen-Stehenden grundsätzlich nicht aufzugeben.
Nur der, der außen steht ( ob dazu verdammt oder aus freien Stücken ), kann beobachten. Nur der, der beobachtet, kann beschreiben, erzählen . Triebfeder des Sich-Mitteilen-Wollens ist die eigene Biografie, die Lust am Wolkenbilder kucken, das kreative Spiel mit dem Erlebten im Gedanken und die Sehnsucht nach Anerkennung von Außen, von der Gruppe, der gegenüber man aussen-vor steht.

*

Aus „HEAT“: X:“Are you lonely ?“
Y:“Not lonely, I`m alone.“


*

Kindheitserinnerung: ich stehe am Fenster, beobachte die Strasse, die Autos und meine spielenden Freunde. Sie sehen mich, winken, rufen „komm runter!“, oft schüttle ich traurig-freudig den Kopf und gehe vom Fenster weg ans Klavier, dem ich meine Gedanken besser anvertrauen kann als den Spielkameraden.
Manchmal bestrafe ich mich auch für eine innere Ungezogenheit den Eltern gegenüber, ohne mir das bewußt machen zu können. Ein schlechtes Gewissen, den Erwartungen meiner Eltern gegenüber, ein Hausarrest, den ich an Stelle meiner Eltern selbst ausgesprochen habe. Sie hätten mich niemals tadeln können, (ich war ein tadelloses Kind !), weil ich das Delikt in meinem Inneren verschlossen hielt. Das Delikt hieß: das, was ich wirklich bin, das, was ich jenseits aller Erwartungen wünsche zu tun.

Später: nach einer in Gesellschaft verbrachten Zeit brauche ich das Allein-Sein. Ohne Rückzugsmöglichkeit werde ich unruhig, aufgeregt, fahrig im Kopf.
Von 20 Parties, auf die ich eingeladen werde, gehe ich maximal auf eine. Selbst wenn ich mich gut fühle, muß ich jederzeit die Möglichkeit haben, ohne Verabschiedung gehen zu können. Ich bevorzuge Treffen mit höchstens drei anderen Menschen. Am allerliebsten verabrede ich mich zu zweit, weil ich mich dann auf diese eine Person konzentrieren kann und mich nicht überfordert fühle.

*

Neuer Gedanke: besteht ein möglicher Zusammenhang zwischen meiner langjährigen Veröffentlichungsphobie und meinen winkenden Spielkameraden von damals ? Ein Bild wie aus einem Lehrbuch der Psychotherapie. Doch die Verbindung macht Sinn: ging ich damals oft vom Fenster weg, um nicht mitzuspielen, so machte ich in den Jahren 1997 bis 2003 im Prinzip das gleiche, in dem ich praktisch nichts veröffentlichte, also auch nicht (mit-)spielte. Bis ins Jahr 2002 hinein konnte ich die Einsicht in das Drama des „tadellosen Kindes“ vor mir selbst verborgen halten.
Für was habe ich mich eigentlich bestrafen wollen ?

16.Mar.2005 08:06:07 am [Harald]
wölfe
Nach dem Klavierspielen Treffen mit Kai im Prenzlauer Berg.
Entspannter Nachmittag mit essen, kleiner Spaziertour meiner Lieblingsecken, Kaffee und guten Gesprächen.


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Auf dem Nachhauseweg noch in der Wohltathschen Buchhandlung in der Schönhauser. Da find ich immer was: diesmal Beigbeder`s „Windows on the World“ (gerade mal ein halbes jahr alt, jetzt schon für EUR 4,99 rausgeworfen).

In der Bilderbuchabteilung ein absoluter Schatz: „Der rote Wolf“ von F.K.Waechter, das ich erst nur wegen dem Titel kaufe. Während der Strassenbahnfahrt nach Hause trifft mich das Buch bis ins Mark: jeder Satz, jede Zeichnung ... Es ist immer wieder unglaublich, wenn ein anderer Mensch mit dem, was er tut, bei mir das Gefühl erweckt, etwas nur für mich getan zu haben; als wüsste dieser Mensch genau, was ich denke, ohne dass ich es selbst so wunderbar hätte ausdrücken können.


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Erinnere mich an Helene Grimaud, *1969, begnadete Pianistin und Wolfsverhaltensforscherin. Hole mir im Internet mehr Informationen und brauche ihr Buch „Wolfssonate“.


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Hélène Grimaud - A Biographical Timeline English | French
1978
Begins playing the piano; studies with Jacqueline Courtin at the conservatory in her hometown of Aix-en-Provence in the south of France.

1982
Pierre Barbizet at the conservatory in Marseille offers to prepare her for the entrance exams of the Paris Conservatoire. Still only twelve years old, she is accepted as a student there. Begins studies two days a week with Jacques Rouvier. For the rest of each week she continues her studies with Barbizet in Marseille. Her other teachers in Paris include Geneviève Joy for chamber music and Christian Ivaldi for sight-reading.

1985
Premier prix in piano at the Conservatoire. In July, immediately after graduating, records Rachmaninov\'s Sonata No. 2 and the complete Etudes-Tableaux op. 33 (Grand Prix du disque 1986). In the autumn, pursues post-graduate studies with Rouvier at the Conservatoire (troisième cycle, which is open only to select former winners of the premier prix).

1986
Goes to Moscow for three weeks as a contestant in the Tchaikovsky Piano Competition; on her return that summer plays at the Aix-en-Provence Festival.

1987
Lessons with Leon Fleisher in Paris. Makes Paris début recital; a week later per-forms Liszt\'s E flat major Concerto with the Orchestre de Paris at the invitation of Daniel Barenboim. Appears at MIDEM in Cannes and at the piano festival of La Roque d\'Anthéron.

1988
First performs for the pianist Dmitri Bashkirov, who becomes an important influence on her playing.

1988/89
Appearance at the Lockenhaus Festival at the invitation of Gidon Kremer, with whom she performs - Kremer and Martha Argerich become further important influences in her career.

1990
Début with the Cleveland Orchestra, followed by appearances with the Los Angeles Philharmonic, San Francisco Symphony, Baltimore, and Seattle Symphony Orchestras, and soon with other leading orchestras in North America and Europe. Settles in the USA; makes her New York recital début at the Metropolitan Museum. In Europe she makes her début with the St. Petersburg Philharmonic under Temirkanov performing Rachmaninov\'s Piano Concerto No. 2 at the Aix-en-Provence Festival.

1993
Tours Germany with the Gothenburg Symphony Orchestra under Neeme Järvi.

1994
Tours Germany with Semyon Bychkov and the Orchestre de Paris performing the Ravel Concerto in G major.

1995
Makes her début with the Berliner Philharmoniker under Claudio Abbado performing Rachmaninov\'s Concerto No. 2.

1996
Highly successful tour of Spain with Jeffrey Tate and the English Chamber Orchestra. She performs with the Gustav Mahler Youth Orchestra led by Claudio Abbado at the Lucerne and Pesaro Festivals.

1997
Performs and records Brahms\'s Concerto No. 1 with Kurt Sanderling and the Berlin Staatskapelle (Cannes Classical Recording of the Year 1999).

1999
New York Philharmonic début with Beethoven\'s Concerto No. 4 under Kurt Masur. Pursuing her other deep commitment beside music, Grimaud and the photographer J. Henry Fair establish the Wolf Conservation Center, a private, non-profit-making educational facility in South Salem (Westchester County, NY), to promote conservation of this threatened species through education, providing a natural-habitat sanctuary for captive wolves and supporting the reintroduction of wolves in suitable, federally designated areas.

2000
Débuts with the Boston Symphony and the Philadelphia Orchestra. Tour of the Czech Republic; in autumn she is the soloist (along with Martha Argerich) in a European festival tour made by Michael Tilson Thomas and the San Francisco Symphony. Performs Beethoven\'s Concerto No. 4 with the Berliner Philharmoniker and David Zinman and gives a solo recital in the Berlin Philharmonie which is filmed for TV broadcast.

2001/02
Makes her début in Amsterdam with the Royal Concertgebouw Orchestra under Riccardo Chailly playing Ravel\'s Concerto in G major. Performs Beethoven\'s Concerto No. 4 in Paris and at the London Proms with the Orchestre de Paris and Christoph Eschenbach (the latter concert is filmed and broadcast internationally).

2002/03
Hélène Grimaud signs an exclusive contract with Deutsche Grammophon. Performs Brahms\'s Concerto No. 1 with Riccardo Chailly and the Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi. Tours with the Czech Philharmonic and Ashkenazy, giving concerts in Europe and Japan. Performs world première of new work by Arvo Pärt at London\'s Tate Modern and joins Christoph von Dohnányi and the Philharmonia at the Royal Festival Hall in London for \"a fiery yet poetic account of Schumann\'s Piano Concerto\" (The Times). Festival appearances at the London Proms and Edinburgh.

2003/04
Hélène Grimaud records Arvo Pärt\'s Credo in the composer\'s presence for Deutsche Grammophon; the recording also features Corigliano\'s \"Fantasia on an Ostinato\" and Beethoven\'s \"Choral Fantasy\" and \"Tempest\" Sonata (international release: January 2004). Highlights of the season include a tour with the Chamber Orchestra of Europe and Jukka-Pekka Saraste, including concerts in Frankfurt, Cologne, and London performing Bartók\'s Concerto No. 3. Recitals in Brussels, Lucerne, and Lisbon.

2004
Commences with performances of Beethoven\'s Concerto No. 4 in San Francisco, with Ashkenazy conducting, and a US tour with the Russian National Orchestra, playing Bartók\'s Concerto No. 3. Grimaud performs Beethoven\'s \"Emperor\" Concerto for the first time in concert in a European tour with Michael Gielen and the SWR Sinfonieorchester. Other concert engagements this year include the Brahms D minor Concerto in Stockholm with the Swedish Radio Symphony Orchestra and Manfred Honeck, the Ravel G major Concerto in Japan with Chung and the Tokyo Philharmonic Orchestra, as well as appearances with the Finnish Radio, London, NHK and Montreal Symphony orchestras, and the St. Petersburg Philharmonic (at Carnegie Hall). Recitals in Vienna, Ludwigsburg, Amsterdam, and in duo with Truls Mørk in Paris. Recorded for Deutsche Grammophon this year: the Second Sonatas of Chopin and Rachmaninov, plus Chopin\'s Barcarolle and Berceuse.

2005
Engagements this year with orchestras including the Los Angeles Philharmonic, Detroit Symphony, Seattle Symphony, New York Philharmonic, Philadelphia, Toronto Symphony, Frankfurt Radio Symphony, Zurich Tonhalle, Wiener Symphoniker, Münchner Philharmoniker, and an extensive European tour with the SWR Sinfonieorchester and Sir Roger Norrington. Recitals in Atlanta, London (Festival Hall), Paris, Berlin (Philharmonie), Geneva, Zurich, Munich, Madrid and a tour of Japan. CD release of the Bartók Concerto No. 3 with Boulez and the LSO.

13.Mar.2005 06:02:48 pm [Harald]
am fenster beim rauchen, 9.55 Uhr
Ein etwa 25 jähriger Mann, zu dem mir sofort der Begriff „Junggeselle“ einfällt (Körpersprache,Frisur, Kleidung) wartet am Strassenrand. Ein Kleinwagen hält auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Eine ältere Frau steigt aus dem Wagen, geht auf den Mann zu. Sie küssen sich. Mutter und Sohn. Sie gehen gemeinsam zum Wagen, Mutti schiebt den Vordersitz nach vorne, damit der Sohn im Fond Platz nehmen kann. Während sich der Sohn bückt, um sich in den Kleinwagen zu quetschen, klopft ihm Mutti mit der Hand in zärtlich-routinierter Geste den nicht existenten Staub von der Rückenpartie seiner Jacke. Die Geste rührt mich, so wie sie mich gleichzeitig mit Schaudern daran denken lässt, wie sehr ich selbst ähnliche Prozeduren gehaßt habe (Morgens auf dem Flur kurz vorm Weg in die Schule). Sohni sitzt, Mutti klappt den Sitz in die Normalstellung, steigt ein; Vati fährt los.

13.Mar.2005 02:01:56 pm [Harald]
Luhmann
Habe mir in Bielefeld Tom Peukerts Theaterstück „Luhmann-eine soziologische Revue“ angesehen. Freund und Kollege Patrick Schimanski hat einen Super Abend inszeniert ! War sehr begeistert ! Und auch Peukert hat bei mir sowieso schon seit seiner genialen „Kaspar Hauser-Bombe“ einen Stein im Brett. Möchte sowohl mit dem einen, als auch dem anderen gerne mal was zusammen machen !!!

*

Luhmann über Sinn als Form der Bearbeitung von Komplexität:
„Sinn ist der Form nach Wiedergabe von Komplexität, und zwar eine Form der Wiedergabe, die punktuellen Zugriff, wo immer ansetzend, erlaubt, zugleich aber jeden solchen Zugriff als Selektion ausweist und, unter Verantwortung stellt.“

Wurde sehr schön in Text und Inszenierung umgesetzt.

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Mit dem letzten ICE gleich wieder zurück nach Berlin. Schade, kam so um eine sicher unterhaltsame Nacht mit den Schauspielern ...

02.Mar.2005 11:01:16 am [Harald]
studioumbau
Jetzt ist der Atelierumbau dran: Till hat immer den super Blick dafür, einen Raum sinnvoll schöner zu machen. Seit 1999 habe ich das Atelier, das inzwischen einige Phasen durchlaufen hat: Baustelle – Komplettwohnung mit Studio - Rückzugsgebiet – Klangwerkstätte.
Seit letztes Jahr der Flügel angekommen ist, existiert der Wunsch, alle Kabel rauszureißen, alles umzubauen, also die Gestalt des Ateliers mit meinem derzeitigen Persönlichkeitsstand zu synchronisieren ;

Jetzt ist es soweit ! Tabula rasa, wir rücken die großen Trümmer aus dem Blickfeld, teilen den Raum anders ein, bringen die neuen, sehr edel aussehenden und wirkungsvollen Akustikplatten an – macht sehr viel Spaß und passt gut in meine nun schon seit letzten November andauernde alles-im-Fluß-Phase. Im April soll das Atelier wieder voll spielbar sein

23.Feb.2005 09:00:32 am [Harald]
politik & pubertät
Als Schüler war ich – ganz dem westdeutschen Zeitgeist entsprechend – „politisch denkend“:
Ich engagierte mich in diversen Arbeitskreisen, beteiligte mich an Demonstrationen, Sitzstreiks, schrieb für die Schülerzeitung, war Mittelstufen- und später Kollegstufensprecher. Mein Kopf und meine Regale begannen sich mit Büchern von Sartre, Brecht, Frisch und Böll, Publikationen von Wagenbach und dem Merz-Verlag zu füllen. „1968“ war so lange noch nicht her, die „taz“ war gerade gegründet worden, die „raf“ noch nicht am Ende und vor allem existierten noch zwei miteinander rivalisierende politische Systeme.

Das Gros meiner damaligen Freunde dachte und lebte ähnlich,
die meisten meiner heutigen ebenfalls.

In den Jahren ist einiges passiert.

Bei Gelegenheiten, bei denen ich mit ihnen politisch diskutierend zusammen sitze, komme ich mir nicht selten komisch vor: während ich spreche, habe ich das Gefühl, „doktrinär“ zu sein, sehr oft „humorlos“, fast „anstrengend“ in meiner Argumentation, quasi stehengeblieben pubertär:
die anderen kokettieren maximal kurz mit ihrer „Demo-Parka-Atomkraftneindanke“-Zeit und lächeln milde über sich – als wären sie ihre eigenen Eltern.

Sie scheinen angekommen im wirklichen Leben. Alle sind sich einig: gottseidank sind unsere schwärmerischen Träume von einem „Arbeiter und Bauernparadies“ nie Wirklichkeit geworden.
Äüßerungen in „Max“ bis „Zeit“, von Stuckrad-Barre bis Horx werden gerne dazu hergezogen, sich des richtigen Meinungsgeschmacks zu versichern. Uncool will keiner sein, und „kulturpessimistisch“ ( der Lieblingsabwertungs- begriff moderner Demokraten) daher zu kommen ist absolut uncool und unsexy, ja, vor allem unsexy. – Also: je genormter die Statements, desto geiler die Frau/der Mann. Das ist Berlin Mitte 2005 !!!

Sie lehnen sich seufzend aber doch wohlig zurück und sinnieren weise: „zur Demokratie gibt es keine Alternative“ ( alles andere ist „Diktatur“, „Totalitarismus“ oder „Fundamentalismus“),es wird das Geschwätz vom „Ende der Geschichte“ bemüht, um endlich mit dem Satz zu schließen, dass es halt nie ein wirklich „gerechtes“ System geben wird, wir aber wenigstens in der glücklichen Lage sind, in „Freiheit“ zu leben.

Im Verbund mit einer verschwindend kleinen Minorität muss immer ich es sein, der die Gespräche dann weiterführen will,
der nicht zufrieden ist mit dem müde geäußerten „Bush ist ja widerlich“- oder „die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer “, „wir Europäer müssen wieder eindeutiger Stellung dagegen“ ( wogegen denn !!!) beziehen - Konsens, der dann schon den Gipfel- und Endpunkt des kritischen Bewußtseins darstellt. Ich komme mir vor wie ein Eiferer - und bin es für die anderen wohl auch - wenn es mir nicht reicht, dass „wir gottseidank den Fischer und nicht die Merkel in der Regierung haben“, oder jemand einwirft, dass sie/er „im Spiegel“ oder „im Report“ oder „auf Phönix“ von dieser oder jener „Neuigkeit“, „Information“ oder „Sensation“ erfahren hat, die vor allem für die Genugtuung herhalten muß, wie gut wir doch unterrichtet werden und wie kontrollierend die „öffentliche Meinung“ doch wirkt in unserer Welt .

Ich komme in Ideologieverdacht, wenn ich versuche zu hinterfragen, ob wir uns wirklich so sicher sein können, dass wir „eine eigene Meinung“ haben, worüber wenige meiner Freunde auch nur ein Gedänkchen verschwenden würde.
Ich verbreite schlechte Stimmung, wenn ich darlege, dass viele meiner gebildeten Freunde zwar selbstredend-sofort die „Gleichschaltung“ im Nazideutschland bei der Lektüre des „Völkischen Beobachters“ oder die „groteske Entstellung der Wahrheit“ im linientreuen „Neuen Deutschland“ der DDR souverän als Versuch einer massiven Meinungsbeeinflussung im Sinne des herrschenden Systems entlarvt hätte, nicht aber die gleiche Funktion „unserer“ Medien in „unserem“ bestehen System.
Hab ich einen Sprung in der Schüssel, weil ich mir meine Freunde eigentlich in jedem System zu jeder Zeit durchaus „konform“ vorstellen könnte? Ganz zu schweigen von der Kotzarmee unerträglicher Promis des sogenannten öffentlichen Lebens, die es auf Grund ihrer Angepasstheit an den Zeitgeist ganz sicher überall zu gleichem Ruhm als einfältige und willige Staffage der Mächtigen geschafft hätten.

Über allen Köpfen ist Ruh`: wir geben das ideale Bild des demokratischen Menschen mit Informations- und Meinungsfreiheit, dessen Motor die Marktwirtschaft (neuer- dings: „der freie Handel“) ist.

Ich verbreite eine Mischung aus Unwohl- und Genervt-Sein, wenn ich zu belegen versuche, dass unser „pluralistisches System“ wohl nur einige Schritte ausgeklügelter dabei vorgeht, das zur „öffentlichen Meinung“ zu machen, was einigen Wenigen an der Spitze opportun erscheint.

Freie Meinungs- und Informationsfreiheit in der Demokratie. Das ich nicht lache ! Schaut Euch doch Eure Zeitungen einmal richtig an:

Wo unterscheiden sich die Aussagen der Artikel verschiedener Publikationen eigentlich inhaltlich voneinander ?
Wird substantiell unterschiedlich argumentiert ? Werden essenziell unterschiedliche Standpunkte, Meinungen, Ansätze diskutiert ? Unterscheidet sich die Berichterstattung einer „Bildzeitung“ inhaltlich signifikant von der einer „Süddeutschen Zeitung“, die eines „Focus“ grundlegend von der einer„Zeit“? Gilt „Pluralismus“ eher für Formales (Layout und Wortschatzwahl) , als für die Vermittlung eines essentiellen Informationsinhalts, der dann kurzerhand zur „öffentliche Meinung“ wird ? Gibt irgendeine Zeitung „meine Meinung“ wieder oder will Sie mir nicht eher die herrschende Meinung als die meine suggerieren? Welche Leute stehen hinter Zeitungen ?
Wie finanzieren sich Zeitungen ? Stehen Zeitungen außerhalb des marktwirtschaftlichen, d.h. des gewinnorientierten Systems ? Geht es nicht eher um „Meinungsmarkt“ als um Meinung, weshalb sich „Marktkritik“ eher verbietet. Natürlich gibt es „freie Meinungsäußerung“, die in „freien“ Redaktionen stattfindet. Vor allem wird es da wohl die freie Wahl der Mitarbeiter durch die Geschäftsleitung geben und die freie Wahl der Angestellten, entweder das zu schreiben, was verlangt wird, oder eben nicht, was –allgemein akzeptiert- die Freistellung zur Folge hätte.


Ich bin Musiker. Doch das soll nicht heißen,
dass ich mich gedanklich zu nichts anderem äußern möchte. Eher kann ich behaupten, dass die gesellschaftliche Geschichte mit allen ihren daraus resultierenden Bedingungen und Entwicklungen zu den wichtigsten Inspirationsquellen meines Schaffens gehören: denn alles, was wir jemals gedacht und getan haben geschah und geschieht auf Grund bestimmter Bedingungen und Vorraussetzungen. Ohne deren Reflexion scheint mir der Umgang mit meiner Außenwelt sinnlos.
So bin ich von einem Kerngedanken überzeugter denn je:
DAS (GESELLSCHAFTLICHE) SEIN BESTIMMT DAS BEWUSSTSEIN.

03.Feb.2005 11:50:36 am [Harald]
Tagwerk
Bei meinem letzten langen Aufenthalt an der Ostsee letzten Oktober reifte die Idee, endlich wieder richtig mit dem Klavierspielen anzufangen.
15 Jahre lang hatte ich es nicht mehr getan: erst, weil der elektronischen Musik all meine Begeisterung und Konzentration gehörte und später dann, weil die signifikante Verkümmerung meiner spieltechnischen Möglichkeiten derart beschämend waren, dass ich mich nicht aufraffen konnte, dagegen etwas zu tun.
Zurück von der See, setze ich mich gleich am frühen Morgen an das zu Hause stehende Klavier und fing an.


*

Tagwerk

Um etwa 8.30 Uhr mache ich die Augen auf, ich blicke kurz auf den immer noch auf den gegenüberliegenden Dächern liegenden Schnee und freue mich auf den Tag. Ich springe aus dem Bett, reiße die Fenster weit auf, mache mir beim \"Deutschlandradio\" Tee, Toast/Müsli, gepressten Saft und Kaffee, werfe einen Blick auf die aus Zürich abbonierten \"Weltwoche\" und „WOZ“, gehe ins Bad, danach Gymnastik.
Um 10 Uhr sitze ich am Klavier. Die nächsten drei Stunden gehören Robert Schuhmann. Mittlerweile kann ich mir das Leben \"ohne\" gar nicht mehr vorstellen. Langsam erinnern sich meine Finger an das, was sie schon mal konnten...
Es ist hypnotisierende Knochenarbeit. Die Momente, in denen ich plötzlich einen technischen Sprung mache sind wundervoll!
Das Studium eines Stücks, das Herantasten an die Struktur der Komposition, allmähliche Verwandlung von Partitur in Klang...eine erfüllende Aufgabe !
Bin anfangs oft davon überzeugt, es niemals packen zu können. Doch die Schönheit und Tiefe der Kompositionen wecken unglaubliche Neugierde, Lust und Energie, so dass ich auch tausend Stunden üben werde, um in die Stücke einzutauchen.
PER ASPERA AD ASTRA !

21.Jan.2005 10:38:45 am [Harald]
Per Wahlöö
Vorletzten Sonntag-Nachmittag wieder den großartigen „Kamikaze 1989“ auf DVD gesehen und mich an Per Walhöö erinnert, nach dessen Buchvorlage der Film entstanden war . Sofort über zvab einige seiner besten Werke geordert und danach verschlungen. Kenne keinen Autor, der so wegweisende Politkrimis geschrieben hat. Seine damalige Klarsicht scheint mir heute schmerzlich greifbar. Walhöö beschrieb schon in den 60ern ein Gefühl von der westlichen Welt, die ich „perfiden Totalitarismus“ nennen würde. „Totalitarismus“, weil die Zwänge, in dieser Gesellschaft oberhalb der Hartz4-Grenze zu überleben, tendenziell mehr und mehr jegliche Individualität, Kreativität, Solidarität und Intimität zu Gunsten von Konformität gleichschalten. „Perfide“, weil jeder Neunmalkluge System-Adept von „individueller Freiheit“ plappern kann.


„Unternehmen Stahlsprung“(1968): „...Trotzdem beschlossen wir, an anderen Werktagen zu demonstrieren, um die Gegner zu verwirren. Zu dieser Zeit trieb man eine recht kräftige Hetzkampagne gegen uns in der Presse und im Fernsehen.
Aber bald hörten alle Massenmedien damit auf, das, was geschah, zu kommentieren. Für einige Zeit wurde nichts erwähnt, nicht einmal in den Nachrichten; und die Zeitungen schrieben nicht ein Wort. Sie waren voll von dem gewöhnlichen Gewäsch von Filmstars und prominenten Personen. Währenddessen war die Gesellschaft am kollabieren.“


„Mord im 31. Stock“ (1964): „...Dennoch, ich würde sagen, die Zensur ist hier unerbittlicher und konsequenter als sie in einem Polizeistaat jemals sein könnte. Warum? Weil sie natürlich privat und ungehindert und mit Methoden ausgeübt wird, die juristisch unantastbar sind. Weil nicht das Recht zu zensieren, sondern die praktische Möglichkeit dazu bei Menschen liegt – seien es nun Beamte oder einzelne Unternehmer-, die überzeugt sind, dass ihre Entscheidung richtig und zum Nutzen aller ist. Und weil die meisten Leute ebenfalls an diese verrückte Doktrin glauben und folglich selbst als Zensoren tätig werden, wenn sich die Gelegenheit ergibt.“

„Die Terroristen“ (1975): „... Die schwedische Sozialdemokratie hat im Laufe der Jahrzehnte die Massen mit falscher Propaganda betrogen. Tatsächlich repräsentiert sie kapitalistische Interessen und steht einer Clique von Bossen vor, von denen erwartet wird, dass sie den größten Teil der Arbeiter kontrollieren. Das ist ein Verbrechen am Volk, tatsächlich gegen jeden Einzelnen.“

„...Er ist eben der Typ des Politikers, den viele fürchten. Nicht ihn persönlich, sondern das, was er repräsentiert. Als er damals für das Amt des US-Präsidenten nominiert wurde, schienen viele Menschen bereit gewesen zu sein, beinahe jeden beliebigen Gegenkandidaten zu wählen, aus Angst davor, wohin die außenpolitischen Ideen dieses Mannes führen könnten, beispielsweise in form von direkten Konfrontationen zwischen den Supermächten und China. Was den Nahen Osten betrifft, so hat er einseitig den amerikanischen beistand für Israel unterstützt. Er war die ganze Zeit einer der eifrigsten Falken während des Vietnamkrieges, und es gibt keinen Zweifel, dass er für die faschistische Junta in Chile gearbeitet hat, die verantwortlich für den Mord an Präsident Allende, dem Oberbefehlshaber und Tausenden von anderen Menschen ist. Zugute halten kann man ihm, dass er einen gewissen moralischen Mut beweist, gebildet ist und ein sympathisches Auftreten hat.“

„Die Funkstille auf den Wellenlängen der Polizei war total, während der normale Rundfunk und das Fernsehen mit Kommentatoren aufwarteten, die mit bedeutungsvoller Stimme die sehr vielseitige Karriere des früheren Präsidentschaftskandidaten beschrieben, ohne jedoch mit einem Wort die ideologische Einstellung des Betreffenden zu erwähnen. Dagegen erfuhr man, wie er wohnte, wie seine Hunde aussahen, dass er früher beinahe einmal Baseballstar gewesen war, dass seine Frau beinahe Schauspielerin geworden wäre, dass seine Töchter aussahen, wie Töchter normalerweise aussehen, dass er selbst im Selbstbedienungsladen einzukaufen pflegte. Das schwedische Volk wurde auch darüber informiert, wie hoch sein privates Vermögen war (übrigens erstaunlich hoch) und dass er einmal beinahe vor einen Senatsausschuss gestellt worden wäre, der Steuerhinterziehungen untersuchte, wenn er nicht zufälligerweise gerade selbst der Vorsitzende ebendieses Ausschusses gewesen wäre...“

08.Jan.2005 09:57:50 am [Harald]
Osang:die nachrichten
Das erste im neuen Jahr gelesene Buch ist gleich ein Volltreffer ! Alexander Osang erzählt über die Welt der Sieger und Erfolgreichen. Über ihre Eitelkeit, ihre simulierten Codes, Strategien, und Meinungen, ihre Weltläufigkeit, die aus der Position des Ostdeutschen nur eingeübt und doch so bewundernswert erstrebenswert scheint, um auch dabei sein zu dürfen – und ökonomisch gesehen natürlich auch zu müssen. Ein Meisterwerk ! Sofort nachgefasst und den ebenfalls virtuosen Erzählungsband „Lunkebergs Fest“ gelesen!!!


„...Erwin Strittmatter ist tod“, sagte Jan Landers und hoffte, dass seine Augen sprachen. Sie sollten den Menschen in Dresden erklären, dass Jan Landers, ihr Mann in Hamburg, wusste, wer hier gestorben war...“

„...er fühlte sich immer ausgegrenzt unter den aufgekrempelten Hemdsärmeln, gelockerten Schlipsknoten und dem anderen Zeug, das sie sich aus Alle Männer des Präsidenten abgeguckt hatten...“

„Der Parkplatz ist jetzt das Maß aller Dinge. Auf ihm wird festgestellt, wer gut angekommen ist in der neuen Gesellschaft. Die Autos funktionieren. Sie erzählen nichts über Schulden, Kredite, Ehestreit. Tote, funkelnde Konkurrenten. „wir sind keine Verlierer!“ rufen sich die glänzenden Vectras, Meganes, Golfs und Ponys zu. Der Parkplatz ist gut gefüllt.“

„Die Buchhändlerinnen sind Verkäuferinnen. Sie haben die Bücher nicht gelesen, die sie mir empfehlen. Ich sehe es in ihren Augen. Sie empfehlen Bestseller. Wie Äpfel ohne faulige Stellen...“

„...er begriff, dass sie sich über ihre Wohnungen öffneten. Wer in einem Altneubau wohnte, passte nicht zu ihnen. Landers brauchte eine neue Wohnung, denn er wollte sie nicht verlieren.
(...) Er brauchte einen neuen langen Tisch. Er brauchte eine gute Musikanlage, auf der man Cds abspielen konnte, die sie mochten. Seine Lokstedter Wohnung bedrückte ihn (...) In zwei Monaten zog er in einen Loft um.(...) Die Wohnung würde die richtige Geschichte über ihn erzählen...“


„...Er schaffte drei Meldungen in einer Minute. Irgendwann würden sie die Quoten sicher nach einzelnen Meldungen aufschlüsseln. Dann endlich wüssten sie, dass eine Meldung über die Fusion zweier asiatischer Elektronikkonzerne mehr Zuschauer hatte als eine Regierungskrise in Italien. Was wären die Schlussfolgerungen? Nichts mehr übers italienische Parlament?...“

„... Er musste nicht reden, er musste nicht überschwänglich loben. Er musste nicht witzig sein und nicht orginell Alles war irgendwie auf seine Grundbedürfnisse reduziert. Eigentlich die perfekte Kneipe...“

„Die Wohnung war stehen geblieben, Ende der achziger Jahre eingeschlafen, es gab ein paar neue Gegenstände, die wie auf dem Suchrätsel einer Zeitschrift im Raum verteilt waren. Finden Sie sieben Veränderungen! Der Fernseher war neu. Ein großer Panasonic. Auch die Anlage war neu, es gab einen CD-Ständer und eine Stehlampe mit Halogenstrahler und einer muschelförmigen Milchglasschale, die nach oben zeigte...“

„...Das Palasthotel seiner Träume war eine Art Luxuspuff gewesen. Er war einmal in dem asiatischen Restaurant essen gewesen. Jade hieß es, man musste lange vorbestellen, es war der höchste Luxus. Alles hatte sich gedreht. Das asiatische Restaurant stand leer, die Lobby wirkte billig und die Geschäftsleute sahen aus wie Versicherungsvertreter. Man verdarb sich nur seine Erinnerungen im Osten...“

„...Er hätte sie fast übersehen.(...)Niemand rannte auf sie zu. Wahrscheinlich brachte sie gar niemand mit ihm in Verbindung. Grau stand ihr nicht, fand Landers. Das Kostüm sah zu neu aus, er hoffte, dass hinten nicht noch das Preisschild an der Jacke hing. Sie hatte kleine Brüste. Sie tat ihm leid. Niemand brachte sie mit ihm in Verbindung. Was für eine Frau erwartete man denn neben mir, dachte Landers...“

03.Jan.2005 10:56:56 am [Harald]
Gedanken zum Tagebuch
Der Entschluss, ein Tagebuch anzufangen, wird mich dazu zwingen, meine Schreibfaulheit zu überwinden. Viel von dem, was ich den Tag über erlebt und gedacht habe, ist nach einigen Tagen schon wieder in unzugängliche Sphären abgetaucht. Daraus resultiert eine unzufriedene Nervosität aus dem blöden Selbstvorwurf heraus, zu schludrig mit den eigenen Möglichkeiten umzugehen, die Zeit nicht intensiver zu nutzen.
Schriftliche Fixierung könnte mir ein Mittel in die Hand geben, mich konkreter mit den Dingen, über die ich nachdenke, auseinander zu setzen, denn ich muss sie (aus-)formulieren; gleichzeitig steht mir neben den musikalischen Werken auf diese Art eine zweite chronologisch-biographische Ebene zur Verfügung, die mir besseren Aufschluss geben kann über das, was ich bin, indem ich später in etwas stöbern kann, was ich war.

Teile dieser Aufzeichnungen werde ich öffentlich machen. Inwieweit ich die Zwickmühle aus gewollter Selbstinszenierung und Authenzität der öffentlichen Eintragungen meistern werde, wird die Praxis zeigen. Zentraler Sinn des Website-Tagebuchs ist natürlich der Wunsch, auf das, was ich tue, aufmerksam zu machen. Was sonst.

Ich habe mir für dieses Jahr unter anderem vorgenommen, meine über Jahre selbst aufgezwungene „Schall-Mauer“ zu durchbrechen: ich werde Musik veröffentlichen, von der ich glaube, dass sie auf Grund ihrer Eigenständigkeit eine Berechtigung dazu hat, obwohl sie „der Markt“ garantiert nicht brauchen wird. Es ist Musik, die sich über Jahre entwickelt und eine gnadenlos subjektive Richtung eingeschlagen hat; jenseits von „funktionierenden“ Formalien und Anforderungsprofilen. Mein Hauptinteresse ist nicht mehr, einfach „gute Tracks“ zu machen (was nicht heissen soll, dass hoffentlich weiterhin der eine oder andere entstehen wird); aber es wuchs der Wunsch, mir musikalische Mittel zu erarbeiten, die bestimmte Zustände in Klänge fassen können, die auf andere Art für mich nur äußerst unzureichend beschreibbar wären. In diesem Zusammenhang ist die Kommunizierung von Gedankenelementen hier im Tagebuch für die Hörerinnen und Hörer vielleicht eine ganz gute Möglichkeit, einen besseren Zugang zu meiner Musik nach 1997 zu bekommen . Ich wünsche mir, daß die Aufzeichnungen das Interesse wecken, den Stücken nach dem ersten Durchhören intensiver auf den Grund gehen zu wollen.

   
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