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Die Stücke auf „Electric Chamber Music“
Der abschließende dritte Teil „electric chamber
music“ fasst sechs von einander unabhängige Projektarbeiten
zusammen, die zwischen 1999 und 2004 entstanden und abgeschlossen
worden sind.
A: Mit Haut & Haar (5 Stücke für Klavier, 1999)
Musik zum gleichnamigen Dokumentarfilm von Martina Döcker &
Crescentia Dünsser (ZDF/ARTE, 1999).
Sechs alte Frauen mit unterschiedlicher geographischer und sozialer
Herkunft erzählen ihre privaten Geschichten des abgelaufenen
Jahrhunderts. Das Gedächtnis, aus dem sie dabei schöpfen,
ist ihr Körper, ihr Geist, ihre Seele. Aus Kindheitserinnerungen,
die unmittelbar am Körper haften, aus Erinnerungen an die Zeit
des zweiten Weltkrieges und schliesslich aus den
Gedankenbruchstücken über Alter und Tod entstehen in
Kombination mit Kamerafahrten über die Körper der
Porträtierten unverwechselbare „Landschaften von
gelebter Zeit “.
Audiofile: Mit Haut & Haar 1
[MP3]
[RA]
B: Schisma (5 Klangzustände, 2004)
1991 hatte ich Musik für Sylvia Kirchhofs Kunst-Video „Die
Fliegenklatsche“ komponiert. Der Film basiert auf
Super-Acht-Dokumentationsmaterial über zwölf manisch
depressive Patienten. Bei der Arbeit registrierte ich damals fast
belustigt, wie leicht es mir fiel, das, was ich sah, in klangliche
Zustände übersetzen zu können. Als ich gute zehn Jahre
später im Zusammenhang mit „caged“ wieder auf das
Thema zurück kam, realisierte ich das, was ich damals nonchalant
eher als inspirierendes Spiel erlebt hatte, als das, was es wirklich
gewesen war: eine unbewusste Identifikation, ein
Nachvollziehen-Können, eine Erinnerung und ein Wieder-Erleben von
eigenen seelischen Zuständen.
2004 bearbeitete ich unter dem Einfluß der gewonnenen
Erkenntnisse fünf dieser Klangbilder neu.
Audiofile: Schisma 5 : Unter Eis
[MP3]
[RA]
C: Cibo Matto (Klanggedicht für Stimme und Rückkopplung, 2000)
Text & Stimme: Sabine Sölbeck
cibo matto
lehnen die rücken weich
an den quadraten der ledernen polsterung
und dämpfen die laute der strasse, die
das fensterglas lebendig widerspiegelt.
heben die hände die gläser zum mund
heben die hände knieend die gläser zum mund
zum mund
und der mund nimmt
der mund nimmt das süsse liquid
das süsse
süsse zur wiegenden melodie
wiege dich
zur wiegenden melodie
so mögen alle sinne die nacht
die uns einatmet
atmet und wir sie. und
wir ihren spiegelnden glanz
aus lichtern,
aus farben
aus melodie
aus
ausweg
bewegung
regung
moment
mögen alle sinne die nacht
die uns auf den weg bringt
in die wärme
in das zuckende licht
in die zweisamkeit aus der einsamkeit
in die einsamkeit aus der zweisamkeit
in das trotzige tam-tam der stadt
tam-tam
tam-tam
um anzuhalten das gewöhnliche
um festzuhalten das aussergewöhnliche
ausser zweifel
aus
ausweg
bewegung
regung
moment
nur der ausschnitt einer beobachtung
ins auge gefasst die nacht, die zeitlos
menschenleiber transportiert
vorbei in der mitte auf schienen geordnet in schalensitzen
und weiter rechts körper
im doppel- oder viererpack
im blechwrack
vorbei am verzerrenden milchglas
ohne einzukehren ins konkrete arrangement eines stils
nicht kühl noch warm
aber direkt-scharfsinnig
scharf
kühl
warm
direkt
oder um einzukehren
konkret platz zu nehmen
die hände zum mund zu führen
und sprache zu teilen
und blicke
und lachen
und liebe
zur flamme auf dem tisch
flammen.
am fensterglas wieder laufen beine und körper in zweierlei
richtungen vorbei
sich zug um zug fortbewegend auf der nassen nachtstrasse
und in ihr die lichter tausendfach gebrochen
züngelt die flamme im warmen schein am milchglas empor
nimmt es die regung auf
und es mag die sünde
stottert die flamme ein gebet zum milchglas das erhört wird
und das spiel wird reger.
hände schieben vorhänge auseinander
bahnen sich neue wege, um zu teilen
blicke
lachen
liebe
schaut die flamme in die nacht
darf züngeln und im moment unsere lippen befeuchten.
im morgengrauen
grauen
grau.
Audiofile: Exzerpt aus: Cibo Matto (0:00-2:00)
[MP3]
[RA]
D: Memory (Musik für Streichquartett, 2000)
MEMORY - eine Videooper von Otto Kukla / Theater Neumarkt Zürich,
2000 gespielt vom AMAR QUARTETT.
Anna E. Brunner: Violine - Lorenz Gamma: Violine - Hannes
Bärtschi: Viola - Maja Weber: Violincello
(...) Es braucht einen Motor, der immer wieder antreibt. Zwischen
Videowänden und Mikrofonen sitzt aufgereiht das
Amar-Quartett. Harald Blüchel hat für die vier jungen
Streicher eine packende Musik geschrieben. Bruchstückhaft ist
sie, repetitiv und expressiv, sie schwillt an, stirbt ab, pathetisch
und komisch. Das Cello rattert maschinenhaft, die Geigen tönen
spitz, hell und grell. Die Musik ist der Herzschlag der
Aufführung.(...)
Peter Müller, Neue Züricher Zeitung 01.07.2000
(...)Zwischen Jung und Alt, zwischen die Wirklichkeit unten und die
oben hat Otto Kukla, der für Regie, Bühne und Video
verantwortlich zeichnet, einen Strom aus Musik fliessen lassen. Sie
treibt, pocht wie ein Pulsschlag, hektisch fast, dann wieder sanft:
ein faszinierender Soundteppich a la Michael Nyman als Unterton dreier
Biographien, in den immer wieder ein, zwei Motive eingewoben sind -
Echos eben wie im wahren Leben. Harald Bluechel alias Cosmic Baby, der
auf dem Weg zum Konzertpianisten die elektronischen Klänge
für sich entdeckte, hat für das Züricher
Streichquartett Amar die „Memory“-Partitur komponiert. Die
vier mehrfach ausgezeichneten jungen Musikerinnen und Musiker sitzen
zwischen Screens und Schauspielern, ein Cellostrich kommentiert die
Erinnerung an „Grossmammachen“ und ihren Terrier, das
Rasen des Quartetts bebildert den Bombenhagel, durch den die Flucht
zum rettenden Bunker ein Albtraum wurde.(...)
Alexandra M. Kedves, Tages Anzeiger, Zürich 01.07.2000
Audiofile: Memory 3 : Angstmomente
[MP3]
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E: Zoltan Vargas - Serie 1 (4 Klangstücke, 2001)
Traum im Zug
die nacht raucht ihre letzte zigarette
vor der dämmerung.
an einem fensterplatz im „hungaria“ budapest-berlin
erwache ich aus einem traum.
Praha 1968
kundera im kopf
klopft im heissen prag 1968
flimmernder sozialismus
mit menschlichem antlitz
Schwarze Pumpe
rostige giganten
verenden
wie auf den rücken gelegte insekten
auf verwundeter, schwarzer landschaft.
Die Schachnovelle
acht zum quadrat
im dunklen raum
blind - simultan
sonst nichts
Audiofile: Praha 1968
[MP3]
[RA]
F: Die Frau vom Meer (Musik für Sopran, Countertenor und
Harddiskrecording, 2003)
Die Frau vom Meer von Susan Sontag nach dem gleichnamigen Stück
von Henrik Ibsen. Bühne & Regie Otto Kukla. Theater Neumarkt
Zürich, September 2003
Sopran: Gerlinde Sämann - Countertenor: Florian Mayr
(...) Es geht um individuelle Vorstellungen von Menschen, es geht um
deren Lebensentwürfe, die Frage nach Freiheit und Wahl: wie
möchte ich leben, was ist Glück, was ist Liebe, was bedeutet
Freiheit für mich. Und wie sind diese Vorstellungen vereinbar mit
denen der Anderen. Im Stück prallen die Lebensentwürfe von
Hartwig und Ellida aufeinander. Sie hat das Brackwasser (also Hartwigs
Lebensentwurf und Erwartung an Ellida) gewählt und versucht, zu
dieser Wahl zu stehen - gleichzeitig hat sie ständig den nicht
mehr realisierbaren oder in der Realität nicht realisierten
Wunsch nach dem freien Meer: nach Offenheit, Unendlichkeit, eine
Sehnsucht, die sich nicht logisch formulieren lässt.
Die kapitalistische Bewusstseinsindustrie hat sich angeschickt,
Lebensentwürfe gleichzuschalten. Menschen werden dazu
abgerichtet, in einer Art „seelischen Klimaanlage“ zu
leben. Alles soll sich quasi in voreingestellten Funktionstemperaturen
abspielen. Es geht um Simulation von wahren Gefühlen mit zwei
Hauptmotiven: erstens wird das individuelle Leben zum
„Markt“. Wenn man den zum Klienten umgeformten Menschen
erst einmal soweit hat, das er „freiwillig“ davon
überzeugt ist, ohne seelische Klimaanlage nicht mehr
glücklich sein zu können, bleibt ihm gar nichts anderes mehr
übrig, als seine persönlichen Bedürfnisse innerhalb
dieses Systems aufgehoben zu sehen und an dessen aufgestellte
Wertmaßstäbe zu glauben. Damit direkt verbunden ergibt sich
zweitens eine gewollte Kontrolle und Abhängigkeit, denn der
Produzent entscheidet ja in Wirklichkeit, was zu welchem Preis
„auf dem Markt“ zu haben sein wird (und was nicht!). Im
Stück ist die Figur des Arnholm ein passendes Rohmodell mit
seiner „es ist ganz einfach, das Leben, wenn man weiss, was man
will“ - Pseudophilosophie der (Schein-)
Souveränität. Dieses „Ich weiß, was ich
will“ - Stereotyp des selbstbewusst-erfolgreichen Homo
Ökonomicus ist in meinen Augen nichts anderes als die
bedingungslose Verinnerlichung der systemischen Vorgaben. Biografien
ohne innere Widerstände, Brüche, Zweifel und Abgründe
sind immer postulierte, „designte“ und konforme
Biografien. Die Figur der Ellida dagegen kann nicht anders, als an
ihrem persönlichen Entwurf festzuhalten. Sie fühlt, dass die
ihr angebotenen Rollenmodelle sie nicht glücklich machen
können. Und bezahlt einen hohen Preis: sie steht vor sich selbst
und den Anderen als undankbar, unnormal, verrückt, krank,
egoistisch, neurotisch und ent-wertet da. Es ist unter den Bedingungen
unserer Realität geradezu ein „Standortnachteil“
gegenüber jemandem, der in permanenten 19 Grad Celsius seelisch
klimatisiert durchs Leben geht. (...)
Aus einem Interview mit Monika Gysel und Mats Staub, Zürich im
September 2003
Audiofile: Schützende Engel
[MP3]
[RA]
Die Sound-Beispiele benötigen entweder einen MP3- oder den
RealPlayer (www.real.com), zum Anhören (korrekte
Einbindung im Browser vorrausgesetzt) jeweils auf den "[MP3]" oder den
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