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HARALD BLÜCHEL − eine schillernde Persönlichkeit. Hier
einige wesentliche Fakten: Geboren 1963 in Nürnberg,
Hochbegabtenstipendium (das hat er mit mir gemein ;-),
Hörspielproduktionen, Teilnehmer an der ersten Love Parade, 1991
das Auftauchen seines Alter Egos COSMIC BABY, Riesenerfolge unter
diesem Künstlernamen (der „Messias des Techno“, 1999
letzter internationaler CB-Live Auftritt vor 10000 Besuchern in Tampa,
Auslandsaufenthalte, 2004 VÖ einer Zusammenarbeit mit SCHILLERs
van Deylen („Bi Polar“). Und das ist nur eine ganz kurze
Rundreise durch die Vita des Deutschen, den ich bislang
zugegebenermaßen nicht so im Fokus hatte. Warum jetzt also
HARALD BLÜCHEL im Terrorverlag? Weil er mit seiner neuesten
Produktion andere Wege geht, die ihn äußerst interessant
für elektronische Avantgarde Hörer macht. Seine
ursprüngliche Intention: Weg von den billigen in wenigen Stunden
erstellen Tracks, hin zu persönlicheren/ intensiveren
Klängen. „Zerlegung des grossen Gestus in seine
komplizierteren Einzelteile. Der grosse Wunsch, irgendwann an den
Punkt zu kommen, an dem die Zusammensetzung der Einzelteile ein
komplexeres Ganzes darzustellen vermag.“ Dieses durchaus
intellektuelle Zitat könnte ebenso von MARTIN STEINEBACH oder
diversen Cold Meat Künstlern stammen, und so weit entfernt ist
der klangliche Output dann auch nicht. „Die
Toteninsel“stellt dabei den ersten Teil der sogenannten
„Zauberberg-Trilogie“dar, über deren
Hintergründe das auskunftsreiche Booklet detailliert
informiert. Der Titel „Die Toteninsel“nimmt wiederum Bezug
auf ein berühmtes Gemälde. Hierzu ebenfalls ein paar
erhellende Sätze aus Sekundärquellen: „Der Schweizer
Maler Arnold Böcklin (1827-1901) erhielt 1880 von einer jungen
Witwe den Auftrag für „ein Bild zum Träumen“
Seiner Auftraggeberin schrieb Böcklin in einem Brief im gleichen
Jahr, „das Bild müsse so still werden, das man erschrickt,
wenn an die Tür gepocht wird“ Die erste Version des Bildes
hieß dementsprechend „Stille“ die vier folgenden
Versionen erhielten den Titel „Die Toteninsel“. Mithin
also ein eher melancholisch depressives Thema, wie ist das ganze nun
musikalisch illustriert worden? Zunächst als 51 minütiges
Hörstück in abgegrenzten Unterparts. 1. Satz: Die
„Gegenwart“vertraut auf Ambient-Klänge, wie man sie
von entsprechenden Genrekünstlern kennt, während die
„Jahrhundertwende“auf Streicher-artige weiträumige
Melodiebögen und Flächen setzt. Der
„Güterzug“− ganz seinem Namen verpflichtet
− bietet uns den Lärm der industriellen Revolution in all
ihren Facetten an, dazwischen ein paar Sprachfetzen. Homogen ist
anders, aber man muss hier auch den experimentellen Charakter der 1999
bis 2001 entstandenen Kompositionen miteinbeziehen. Blüchel ist
hier noch ein Suchender, der sich fasziniert von neuen Klangwelten an
unterschiedlichsten Ausdrucksformen versucht. 2. Satz:
SCHILLER-Fragmente bei „Ultrachronos“ ein
Piano-Zwischenspiel bei „E-Dur, Donnerstag“ 3. Satz:
„Kopf gegen die Wand“ Leichte Industrialanklänge
illustrieren diesen nicht gesundheitsfördernden
Vorgang. „Baisse− Sprache im Sinkflug mit
Harfen-Erlösung. „Der erste Schnee“ Perlende
Soundflocken im 80er Gewand (FALTERMEYER lässt
grüßen). „Entropie“ sowie „Seance“
Typische SCHILLER-Sequenzen, die ersten „richtigen“Songs
des Silberlings inklusive Percussion - sehr gefällig. Zum
Abschluss die „Gegenwart plus 1“(also die
Zukunft?!)... die düstere Klammer zum Beginn, die Stille erreicht
den Raum und der Reisende die Toteninsel. Sicher ein ambitioniertes
Werk, zu dem nicht alle Zugang haben werden, zu heterogen sind die
elektronischen Landschaften ausgefallen. Wenn man aber die
Prämisse der experimentellen Klangcollage in Verbindung mit dem
Motiv des stillen Gemäldes akzeptiert, kann ein erstaunlich
interessantes „Kopf“ino in Gang gesetzt werden, am besten
ungestört unter dem „Kopf“örer. Für Freunde
von Ambient bis hin zu sphärischem Noise eine spannende
Entdeckung, alle anderen werden eher zu den just erschienenen
Neuauflagen des COSMIC BABY-Back Katalogs greifen...
Karsten Thurau, Terrorverlag (26.09.2006)

Für Hedonisten, die Harald „Cosmic Baby“ Blüchel
mit seinen legendären Tech-Trance- Produktionen oder seiner
Zusammenarbeit mit Schillers Christopher von Deylen assoziieren, ist
sein erster Solo-Release seit 1999 eine kalte Dusche − und das
nicht wegen des nassen Elements auf dem Cover, eine Variation von
Arnold Böcklins Gemälde „Die Toteninsel“ (1880 -
83). Mit dem in drei „Sätze“ gegliederten
elektronischen Hörstück − eine vage dem Dark-
Ambient-Genre zuzurechnende Komposition, deren
philosophischen/kunsthistorischen Background Blüchel im Booklet
erläutert − kehrt der nun auch schon 40-Jährige in
gewisser Hinsicht zu seinen Anfängen als studierter
Tonschöpfer und Klassik-fan zurück. Kein Beat hier, der
Raver-Bedürfnisse bedient; es ffließt ein breiter Strom aus
dunklen Klangflächen, spätromantischen Piano-Motiven und
mysteriösen Vokal-samples. Uneasy-Listening-Freunde kommen auf
ihre Kosten.
Albrecht Piltz, Keys 12/2006

So düster der Titel auch klingen mag, so angenehm ist die
Hörerfahrung. Was sich auf „Stunde Null“ (1996)
bereits andeutete, formuliert der vormals als Cosmic Baby bekannte und
in letzter Zeit mit Christopher von Deylen (Schiller) kooperierende
Musiker endlich zuende. Er nähert sich aus den fest gefügten
Strukturen von Beat einem formal freien Konzept von Klang, einem
„Hörstück“, wie er es nennt. In den drei
durchschnittlich 17minütigen Movements erschafft er ein wortloses
Hörspiel, welches sich zwischen „Ambient“ von Brian
Eno, dem „Chill Out“ von KLF und dem „Waiting for
Cousteau“ von Jean Michel Jarre bewegt, und dann einfach einen
Schritt weiter geht. Musik für die Gegenwart ±1
Frank Hilpert, Freshguide 12/06

Ein Brocken. Noch dazu ein großer. Naheliegend, dass das nicht
leichtverdaulich ist. Wer von Harald Blüchel nur seine
Trancemeilensteine als Cosmic Baby oder Energy 52 kennt, wird
überrascht sein ob der sehr minimalen
Hörstückkompositionen auf dieser Trilogie. Es geht in
Bezugnahme auf Thomas Manns berühmten Roman „Der
Zauberberg“ um Entfremdung und den daraus neugewonnenen
Blickwinkel auf eine Welt, in der man nicht mehr involviert
ist. Blüchels erster Teil greift das Motiv der
„Toteninsel“ auf, einer berühmten Gemäldeserie
von Arnold Böcklin und versucht eine flächige Umsetzung in
elektronische Musik. Bis zu zwanzigminütige soundtrackhafte
Stücke entfalten schleichend ihre Wirkung. Der unheilschwangere
erste Satz (Termini der klassischen Musik sind hier durchaus sinnvoll)
enthält einige Zitate aus den Ausschwitzprozessen. Wie gesagt,
nicht gerade Easy Listening. Zweiter und dritter Satz sind wesentlich
freundlicher, aber immer noch entrückte Musik, die Deinen Kopf
fordert.
Hauke Schlichting, Raveline 2/07

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